Ströbele vs. Heddesheimblog

"Das hätte leicht ins Auge gehen können"

Ein Blog hat berichtet, wie der Grünen-Politiker Hans-Christian Ströbele reagierte, als seine Frau von Fischfutter getroffen wurde. Der Politiker ließ den Blog abmahnen. Nun setzt das ein, was man "Streisand-Effekt" nennt. Ströbele aber sagt: Das mit dem Fischfutter war wirklich gefährlich.

Foto: dpa / dpa/DPA

Es war im Sommer, Anfang August, als der Berliner Grünen-Bundestagsabgeordnete Ströbele mit seiner Frau zum Baden ging, im Weinheimer Waidsee, östlich von Mannheim. Allerdings an einer Stelle, an der das Baden nicht gestattet ist.

Eben dort angelten jugendliche Mitglieder eines Anglervereins. Um Fische anzulocken, schossen sie mit einer speziellen Futterschleuder so genannte „Boilies“ ins Wasser. Das sind gekochte Futterkugeln, deren Zusammensetzung so abgestimmt ist, dass praktisch ausschließlich Karpfen sie fressen. Diese Kugeln, etwa so groß wie eine Murmel, können je nach Machart sehr hart sein. Eine solche Futterkugeln traf den Angaben zufolge Ströbeles Frau Juliana Ströbele-Gregor. Darüber berichtete der lokale Blog Heddesheimblog . Weil das, was sich in Folge zutrug, Gelegenheit dazu geben könnte, über Verhältnismäßigkeit nachzudenken.

Ströbele soll, so der Bericht des Heddesheimblog, „sehr zornig“ gewesen sein. Er habe den Jungen die Schleuder abgenommen und mit einer Anzeige gedroht, obwohl die Kinder sich entschuldigten und zwei sie begleitende Erwachsene versuchten, die Situation zu entschärfen. Am folgenden Tag wurde dann Anzeige erstattet, von Juliana Ströbele-Gregor, im Beisein ihres Mannes. Wegen “gefährlicher Körperverletzung mittels einer Waffe”.

Das wiederum hatte der Heddesheimblog – basierend auf Informationen der Staatsanwaltschaft Mannheim – anders dargestellt. Nämlich so, dass Ströbele selbst die Anzeige erstattet habe, nicht seine Frau. In der Folge ließ Ströbele den Heddesheimblog abmahnen. Blog-Betreiber Hardy Prothmann soll eine Unterlassungserklärung abgeben, wonach er 10.000 Euro zahlen müsste, würde er erneut behaupten, dass Ströbele Anzeige erstattet hat. Die Anwaltskosten für die Unterlassungserklärung, die von dem Berliner Rechtsanwalt Johannes Eisenberg kommt, soll Prothmann nun übernehmen: 775,64 Euro.

Prothmann wehrt sich: Mit weiteren Veröffentlichungen auf seinem Blog und einem Spendenaufruf. Das Interesse an der „Fischfutter-Affäre“ war in den vergangenen Tagen derart groß, dass die Internet-Server des Heddesheimblogs zusammenbrachen. Um die 775,64 Euro Rechtsanwaltskosten muss sich Prothmann vorerst auch keine Gedanken machen: Sascha Pallenberg , der deutsche Gründer des Informationsdienstes Netbooknews.com mit Sitz in Taiwan, hat sich via Facebook bereit erklärt, die Kosten zu übernehmen .

Hans-Christian Ströbele wiederum rechtfertigt sein Vorgehen damit, dass es niemanden etwas angehe, wo er im Urlaub schwimmen geht. "Ich habe heddesheimblog.de abmahnen lassen, weil ich zum einen der Auffassung bin, dass Ereignisse privater Natur in meinem Urlaub, in die meine Frau verwickelt ist, in der Öffentlichkeit nichts zu suchen haben", sagte Ströbele Morgenpost Online. Außerdem habe der Blog "einige Dinge unrichtig und bagatellisierend dargestellt". "Jenes Schießgerät" - die Futterschleuder, so Ströbele weiter, "ist wirklich gefährlich, die Sache hätte leicht ins Auge gehen können".

Das große Interesse an der Angelegenheit – und Kritik an seiner Reaktion - bekommt Christian Ströbele nun zu spüren. An Ströbeles Mitarbeiter („Team Ströbele“), befasst unter anderem mit den Social-Media-Aktivitäten des Grünen-Bundestagsabgeordneten, werden bei Facebook und auf Youtube Kommentare gerichtet, die, oft ironisch, Kritik äußern. Und zwar unabhängig vom Thema der Ströbele-Postings, die sich derzeit maßgeblich mit dem Castor-Transport befassen. Bei Facebook etwa heißt es :

„Bitte zeigen Sie doch mal Zivilcourage und posten eine Stellungsname zu Ihrem Schwimmausflug im Weinheimer Waidsee.“

„Herr Ströbele, lernen Sie erst mal Deeskalation im Umgang mit Kindern! Sie machen sich dermaßen LÄCHERLICH!“

„Ich lach mich grad tot, dass ausgerechnet Sie freie Berichterstattung verlangen. Scheint sonst ja nicht so in Ihrem Sinne zu sein.“

„Voller Entsetzen muss ich Ihren Versuch, die Presse zu behindern in dem Sie Blogger wirtschaftlich beschädigen, zur Kenntnis nehmen. Ihren bis dato hervorragenden Ruf bei mir haben Sie vollumfänglich VERNICHTET. Ich wünsche Ihnen und Ihrer Partei viel und anhaltenden Spaß mit dem Streisand-Effekt. Das sie hier öffentlich freie Berichterstattung fordern ist ein Witz.“

Von „Streisand-Effekt“ ist die Rede, wenn der Versuch, eine Information zu unterdrücken ins genaue Gegenteil umschlägt. Hintergrund ist eine Klage, die die Schauspielerin und Sängerin Barbra Streisand im Jahr 2003 anstrengte. Sie verklagte – erfolglos – den Fotografen Kenneth Adelman und die Website Pictopia.com auf 50 Millionen Dollar. Streisand hatte mit Verletzung ihrer Privatsphäre argumentiert, nachdem Adelmans Aufnahme ihrer Villa in Malibu unter insgesamt 12.000 weiteren Fotos anderer Küstenabschnitte Kaliforniens bei Pictopia.com abrufbar war. Dadurch allerdings wurde erst recht große Aufmerksamkeit auf die Aufnahme und Streisands Villa gelenkt.

Die Staatsanwaltschaft Mannheim hat das Verfahren gegen den von Juliana Ströbele-Gregor Beschuldigten inzwischen eingestellt. Begründung: Es sei kein Vorsatz erkennbar gewesen. Zudem sei der mutmaßliche Täter mit 13 Jahren strafunmündig.

© Berliner Morgenpost 2018 – Alle Rechte vorbehalten.