22 Jahre Mauerfall

Im Tränenpalast lebt die Erinnerung weiter

Der Tränenpalast in Berlin-Mitte ist zur Pilgerstätte geworden, seitdem dort eine Ausstellung zur deutschen Teilung zu sehen ist. In der ehemaligen Grenzkontrollhalle fühlen sich viele in die Zeit der Angst und Trauer zurückversetzt - auch 22 Jahre nach dem Mauerfall.

Immer, wenn Peter Lhotzky die Grenze zwischen den Welten überquert, steht sie mit ihm in der Warteschlange wie eine treue Reisebegleitung. Spätestens in der Reihe vor der Passkontrolle gesellt sie sich zu ihm. Obwohl Peter Lhotzky weiß, dass er nichts verbrochen hat, ist die Angst immer bei ihm. Die Angst davor, kontrolliert zu werden, sich vor den Grenzbeamten nackt auszuziehen, sein Leben vor ihnen ausbreiten zu müssen. Die Angst, nicht mehr zurück zu dürfen. In die Freiheit, in den Westen.

Peter Lhotzky kommt aus Bonn. In den 70er-Jahren besucht er häufig Berlin, die geteilte Stadt fasziniert ihn. 1947 war er mit seiner Familie aus dem Land geflohen, das damals noch sowjetische Besatzungszone hieß und zwei Jahre später DDR genannt werden sollte. Bei seinen Besuchen will er erfahren, ob sich die Vorahnungen, die seine Familie damals zur Flucht motiviert haben, eingetreten sind: Gefangenschaft, Überwachung, Gleichförmigkeit. Und Lhotzky liebt die Stücke Brechts, die das Berliner Ensemble auf die Bühne brachte.

Heute, Jahrzehnte später, steht Peter Lhotzky wieder in der Halle, durch die er damals in den Osten reiste. Wieder drängen sich dort viele Menschen, doch ihre Reise führt diesmal weder nach Ost, noch nach West, sie führt in die Vergangenheit. Die ehemalige Grenzübergangsstelle Friedrichstraße, der Tränenpalast, an dem die Deutschen beim Abschied von ihren Freunden und Verwandten weinten, ist zu einem Ort gelebter Geschichte geworden. Die hölzernen Kontrollkabinen, die Warnschilder, der „Intershop“ mit Zigaretten und Kaffee zu Ausstellungsstücken, die an die schmerzhafte Teilung Deutschlands erinnern.

In einem Gegenstand aber lebt die Geschichte auf besondere Weise weiter, Tag für Tag, Seite für Seite. Es ist das Gästebuch des Tränenpalasts zur Ausstellung "GrenzErfahrungen. Alltag der deutschen Teilung". Wer es durchblättert begibt sich mit jedem handschriftlichen Eintrag tiefer in die deutsch-deutsche Geschichte, auf eine Reise voller persönlicher Erlebnisse aus der DDR und emotionaler Momente in der Abfertigungshalle. Eine Besucherin schrieb über das Bedürfnis, draußen wieder frische Luft der Freiheit zu atmen. Ein Gast berichtet von dem beklemmenden Gefühl, das ihn hinter der Glasfront wieder überkommt. Viele Sätze spiegeln aber auch einfach die Erleichterung wieder, dass alles am 9. November 1989 mit dem Fall der Mauer ein Ende hatte. Genau am heutigen Mittwoch, vor 22 Jahren.

Besucher wie Peter Lhotzky könnten wohl ein ganzes Gästebuch allein voll schreiben. Wie oft der heute 80 Jahre alte Mann in die DDR übergetreten ist, weiß er zwar nicht mehr. Vielleicht fünf Mal, vielleicht zehn Mal. Doch die Rückkehr in den Westen durch den Bahnhof Friedrichstraße, daran erinnert er sich. Sie ist jedes Mal eine Tortour. Stundenlang wartet Lhotzky damals in den trichterförmigen Schlangen vor den Kontrollkabinen. Haut reibt sich an Haut, nervöse Wartende, die sich mit ihren Pässen in der Hand Luft zufächern. Heiß war es, die Luft durchtränkt von dem Geruch der Desinfektionsmittel.

Jetzt steht Lhotzky erneut in der alten Kontrollkabine, noch immer löst sie Beklemmungen bei ihm aus. Einmal, so berichtet der Mann, der mit seiner Frau aus München angereist ist, stand er in der engen Schneise, um seinen Pass zu zeigen. Der starre Blick des Beamten fiel auf ihn herab, ein Spiegel an der Decke half ihm, Lhotzky von allen Seiten zu begutachten. „Mitkommen“, befahl der Kontrolleur schließlich.

Plötzlich ist sie wieder da, die Angst, festgehalten und eingesperrt zu werden. Lhotzky folgt dem Mann in Uniform in die Katakomben der Friedrichstraße. Er schwitzt, zittert. Die Luft ist feucht. Es ist dunkel in den Gängen. In einem Verlies muss er an einem Tisch sitzen, alle Taschen ausleeren, Fragen beantworten. Der Beamte durchsucht ihn. „Es war entwürdigend, so ausgeliefert zu sein, keine Rechte zu haben“, sagt Lhotzky. Verrückt, dass ein Gefangener des eigenen Systems über die Freiheit anderer entscheidet.

Nach einiger Zeit darf Lhotzky gehen. Getan haben sie ihm nichts. Wunden hat das Verhör trotzdem hinterlassen.

Während Lhotzky erzählt, wächst die Zahl der Einträge im Gästebuch weiter. Es ist schon das zweite, das seit der Eröffnung Mitte September ausliegt. Mehr als die Hälfte der 250 Seiten sind schon wieder beschrieben.

Auch Martin Röck trägt sich ein. Er ist mit seinem Sohn Christian gekommen. Die alten Koffer, Schilder, Passierscheine, Zeitungsausschnitte, all das kommt dem 17-Jährigen fremd vor. Er kann sich nicht vorstellen wie die Teilung sich damals auf das Leben der Menschen ausgewirkt hat.

Sein Vater weiß es noch sehr gut. „Die Ausstellung hat die Erinnerungen geweckt. Das Schlimmste war, meine Freunde unter Tränen an der Grenze zurückzulassen“, schreibt er ins Gästebuch. Dreimal fuhr Röck als Student in den 80er-Jahren von Freiburg in die DDR. Immer am 1. Mai. Immer mit Mitgliedern aus seiner Kirche. Der Pastor organisierte die Studienreise. Auf der anderen Seite trafen die jungen Leute auf andere christliche Studenten. „Das war wie in eine andere Welt zu fahren“, sagt der Vater, „im Studentenwohnheim lebten sie zu acht in einem Zimmer, das muss man sich mal vorstellen.“

Von seinen Urlauben in Italien oder Frankreich wollte Röck den Freunden aus dem Osten nicht erzählen, schließlich führte für sie jede Reise nach Ungarn. Schockiert war er, als er einmal einen Blick auf eine ostdeutsche Landkarte warf und dort, wo sich Westdeutschland befand nur grüne Wiese eingezeichnet war. „Ist für uns doch egal, wie das da aussieht“, sagten ihm seine Freunde aus der DDR, „wir kommen da eh niemals im Leben hin.“

Mit einem Tagesvisum reiste Röck zu seinen Bekannten in den Osten. Als er den Kontrollbeamten an der Grenze seinen Pass übergab, zogen die eine Liste hervor. „Sie wollen also auch zu dem Kirchentreffen?“, fragten sie ihn. Woher die Grenzer das wussten, ist Röck bis heute schleierhaft, „sie müssen wohl einen Informanten gehabt haben“, sagt er. Auf der Heimreise brachten die Freunde aus dem Osten die Weststudenten immer bis zur Abfertigungshalle an der Friedrichstraße.

Viele Tränen habe er jedes Jahr am 1.Mai vergossen. „Wir kommen euch besuchen, wenn wir Rentner sind“, sagten seine Ost-Freunde immer zum Abschied. Rentner durften schließlich aus der DDR ausreisen, weil sie dann dem Staat nicht auf der Tasche lagen.

Nicht alle verließen in den 27 Jahren den Tränenpalast unbeschadet. Mehr als 200 Menschen starben am Grenzübergang Bahnhof Friedrichstraße, weil seelische und körperliche Belastungen untragbar wurden. Von denen, die es geschafft und heute zurückgekehrt sind, erzählt das Gästebuch. Von Verzweiflung und Angst. Aber auch von dem Glück, den Tränenpalast heute ohne Angst betreten zu können. Und wieder zu verlassen, egal in welcher Richtung.

Die Dauerausstellung „GrenzErfahrungen – Alltag der deutschen Teilung“ ist bei freiem Eintritt dienstags bis freitags von 9 bis 19 Uhr zu sehen, am Wochenende von 10 bis 18 Uhr.