Nahverkehr

Zu wenig Busse - Schüler kommen nicht zur Schule

In Brandenburg sind die Busse einer Bahntochter oft so überfüllt, dass viele Kinder nicht zur Schule fahren können. In ihrem Ärger haben die Eltern sich an Bahnchef Rüdiger Grube gewandt - ohne Erfolg.

Es ist kurz vor sieben Uhr und noch dunkel an der Bushaltestelle am S-Bahnhof Fredersdorf. Innerhalb von nur wenigen Minuten füllt sich der schwach beleuchtete Gehweg. Etwa 50 Mädchen und Jungen bibbern in der Herbstkälte. Endlich kommt der 951er Bus, doch der ist nicht für die Schüler bestimmt. Ältere Fahrgäste dürfen mitfahren. Dann biegt der nächste Bus um die Ecke, die Türen öffnen sich nun. Der Fahrer sitzt mit aufgestützten Ellbogen – wie unbeteiligt – hinter dem Steuer, während sich die Schülerinnen und Schüler in den Bus hineinkämpfen. „Jetzt drängele doch mal ein bisschen, sonst kommen wir nicht mit“, ruft ein Mädchen einer Freundin zu. Es scherzt nicht. Regelmäßig bleiben Schüler an Haltestellen zurück – wegen Überfüllung. So wie die 14-jährige Gymnasiastin Anika aus Vogelsdorf.

Fahrt mit dem Privat-Pkw

„Ich schaffe es etwa zweimal die Woche nicht, in den Bus hineinzukommen“, sagt Anika. Obwohl sie pünktlich an ihrer Bushaltestelle ist. Obwohl sie ein bezahltes Schüler-Monatsticket in der Tasche hat. Ist der Bus voll, macht der Fahrer ihr die Tür vor der Nase zu. Dann ruft die Schülerin ihre Mutter an. Sie bringt sie schnell mit dem Auto zum Friedrich-Anton-von-Heinitz-Gymnasium ins etwa sieben Kilometer entfernt liegende Rüdersdorf.

Auch Anikas Freundinnen Jessica und Paulina aus der achten Klasse kennen das Problem. Die 13-jährige Jessica sagt: „Nach der Schule ist der Bus oft so überfüllt, dass für uns kein Platz ist.“ Ihr Vater, Thomas Lehmann, will das nicht länger hinnehmen. Das vierte Jahr geht Jessica in Rüdersdorf jetzt aufs Gymnasium, ebenso lange gibt es Probleme.

Weil Schule und Eltern seit Jahren nichts ausrichten können, wandte sich Lehmann als Elternvertreter im Mai an Bahnchef Rüdiger Grube. Denn die Gesellschaft Busverkehr in Märkisch-Oderland gehört zu 100 Prozent zur Deutschen Bahn. In seinem Brief weist er auch auf das Sicherheitsrisiko hin. „Wer übernimmt die Verantwortung, wenn den Kindern an der Haltestelle etwas passiert?“ Eine Antwort hat der besorgte Vater bislang nicht bekommen.

Die Leiterin des Friedrich-Anton-von-Heinitz-Gymnasiums, Gabriele Schölzel, kämpft in Gesprächen mit dem Landkreis Märkisch-Oderland als Auftraggeber für die Busfahrten und der Busgesellschaft bislang vergebens um eine Lösung für alle Schüler. Sie sagt: „Ich mag gar nicht daran denken, dass einer unserer Fünftklässler in der Dunkelheit allein an der Haltestelle stehen gelassen wird. Viele Kinder kommen zu spät zur Schule“, sagt die Schulleiterin. Das störe auch den Unterricht.

Gabriele Schölzel pocht auf eine langfristige Lösung: „Es sind immerhin zahlende Kunden, die da stehen“, sagt sie. „Ich kann mir schwer vorstellen, dass die Busfahrer so auch mit Senioren umgehen würden.“ Sie macht sich nicht nur wegen der Kinder Sorgen, sie befürchtet auch ein Imageproblem für die Schule.

Bei der Kreisverwaltung Märkisch-Oderland ist das Problem bekannt. Der Fachdienstleiter Wirtschaft, Jörg Schleinitz, bestätigt: „Das Gymnasium in Rüdersdorf hat verstärkt Zulauf, deshalb wird es eng auf dieser Buslinie.“ Bislang habe sich die Lage aber nach Startschwierigkeiten am Anfang eines Schuljahres immer eingependelt, beobachtete Schleinitz. Den Grund dafür kenne er nicht. Derzeit scheine sich die Situation aber nicht von selbst zu bessern.

Der Landkreis setzt zwei Busse zur gleichen Zeit ein. Der 951-Bus fährt kurz vor sieben Uhr ab dem S-Bahnhof Fredersdorf über die Grundschule Petershagen, Tasdorf, Schulzenhöhe, Landhof zur Brückenstraße. In diesen Bus dürfen laut Schleinitz am Bahnhof Fredersdorf keine Schüler einsteigen, weil dann die Kapazität zu knapp wird. Sie müssen deshalb zusehen, wie jeden Morgen ein fast leerer Bus an ihnen vorbeifährt.

Zusätzlicher Bus

Der zweite Bus fährt ab S-Bahn Fredersdorf über Vogelsdorf, das Gewerbegebiet an der Bundesstraße1 und Tasdorf zur Brückenstraße. Dort ist das Gymnasium. Weil die Plätze nicht ausreichten, habe die Verkehrsgesellschaft ab der 15. Haltestelle in Schulzenhöhe seit September einen zusätzlichen Bus eingesetzt, berichtet Schleinitz. Dieser bringe „übrig gebliebene Schüler“ zum Gymnasium nach Rüdersdorf. Er räumt ein, eine dauerhafte Lösung sei noch nicht gefunden.

Laut einem Sprecher der Bahn bieten die beiden regulären Busse 189 Plätze. Zählungen und verkauften Fahrausweisen zufolge würden etwa 120 Fahrgäste diese Verbindung nutzen. Häufig würden aber bereits zu viele Fahrgäste in den ersten Bus einsteigen, so der Sprecher. Nach weiteren Haltestellen gebe es dann „Platzprobleme“. Seit der zusätzliche Bus ab Schulzenhöhe eingesetzt sei, dürften keine Fahrgäste mehr abgewiesen worden sein, so der Vertreter der Bahn.

Aufgrund des wachsenden Drucks von Schule und Eltern hat die Kreisverwaltung inzwischen angekündigt, sie wolle einen Runden Tisch einberufen.