Berliner Studie

Jeder sechste Jugendliche Opfer von Kriminalität

Beraubt, erpresst oder geschlagen - rund 18 Prozent der Berliner Jugendlichen ist in den vergangenen zwölf Monaten Opfer von Gewalt geworden. So das Ergebnis einer Befragung durch das Kriminologische Forschungsinstitut Niedersachsen.

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Gewalt und Kriminalität taucht im Leben von vielen Berliner Jugendlichen auf. Die Hauptstadt schneidet aber nach einer neuen Studie nicht schlechter ab als der Bundesdurchschnitt. Zudem gebe es wie in ganz Deutschland eine positive Entwicklung. Das ist das Ergebnis der Untersuchung des Kriminologischen Forschungsinstituts Niedersachsen, die am Mittwoch vorgestellt wurde. Demnach ist etwa jeder sechste Berliner Jugendliche in den letzten zwölf Monaten Opfer von Kriminalität geworden.

17,9 Prozent der befragten Jugendlichen gaben an, sie seien beraubt, erpresst oder geschlagen worden. Im Bundesdurchschnitt waren es 16,8 Prozent. 12,8 Prozent der befragten Jugendlichen, also etwa jeder achte, wurde im letzten Jahr Opfer von Körperverletzung.

Berlin habe aber keine auffallend höhere Kriminalitätsrate als andere Städte, sagte der Direktor des Forschungsinstituts, Christian Pfeiffer. „Es gibt positive Befunde und nicht primär Kritisches und Negatives zu berichten, etwa, dass Berlin am allerschlimmsten ist.“

Bei der bundesweiten Befragung zu Jugendgewalt hatte es auch Kritik gegeben, etwa am Fragenkatalog. In den vergangenen Monaten monierten beispielsweise der Migrationsrat Berlin-Brandenburg und der Landeselternausschuss mangelnden Datenschutz sowie Fragen, die teils aus ihrer Sicht unzulässig seien oder die Psyche mancher Schüler gefährden könnten.

Für die Studie gaben 19 Prozent der befragten Jugendlichen in Berlin an, schon einmal eine Gewalttat verübt zu haben. Im Bundesdurchschnitt waren es 21 Prozent. Allerdings geschehen in Berlin viel mehr Angriffe in der U- oder S-Bahn als sonst in Deutschland. Im öffentlichen Nahverkehr werden mehr als 20 Prozent der Taten verübt.

Schüler aus Einwanderer-Familien werden demnach häufiger gewalttätig. Besonders Jugendliche, deren Eltern aus der ehemaligen Sowjetunion oder aus der Türkei stammen, weisen deutlich höhere Gewalt- und Kriminalitätsquoten als der Durchschnitt auf. Hier gebe es auch einen Zusammenhang mit dem Islam und dem vermittelten Männlichkeitsbild, so die Wissenschaftler.

Pfeiffer lobte besonders die Präventionsarbeit der Berliner Polizei und der Schulen. „Berlin schneidet viel besser ab als erwartet. Das führen wir auf die Prävention zurück.“ Pfeiffer betonte: „Weiter so. Da ragt Berlin heraus.“

Als Folgerungen aus der Studie empfahl Pfeiffer: Videoüberwachung und mehr Kontrollen auf Bahnhöfen und in U-Bahnen, Computerspiele mit Gewalt möglichst reduzieren, konsequent gegen Schulschwänzen, Alkohol und Haschisch vorgehen, der Gewalt in Familien vorbeugen und mit den Schülern über Männlichkeitsbilder sprechen.

Sinn der Studie sei, die tatsächlichen Zahlen von Kriminalität und Gewalt zu erforschen, erläuterten die Wissenschaftler. Die Kriminalstatistiken der Polizei würden ein zu großes Dunkelfeld offen lassen. „Wir als Kriminologen trauen diesen Statistiken nicht. Da taucht nur das auf, was angezeigt wird, etwa nur ein Viertel der Taten. Dreiviertel der Taten bleiben unentdeckt.“

Die Kriminologen kritisierten aber die Berliner Schulen wegen fehlender Bereitschaft zur Zusammenarbeit. Man habe 305 Schulklassen der Jahrgangsstufe 9 nach dem Zufallsprinzip ausgesucht. Nur 184 hätten mitgemacht, etwa 45 Prozent. In einer entsprechenden bundesweiten Studie hätten immerhin 62 Prozent der Klassen die Fragebögen ausgefüllt.