Abschlusskundgebungen

Wahlkampf-Endspurt - Merkel attackiert den Senat

Am Sonntag wählt Berlin – und viele sind noch unentschlossen. Zum Abschluss des Wahlkampfes haben die Parteien mit allerhand Politprominenz um die Stimmen der Wähler gekämpft. Nur die Piraten mussten zu anderen Mitteln greifen.

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Mit großen Kundgebungen haben die etablierten Parteien am Freitag den Endspurt des Wahlkampfes in Berlin eingeläutet. Rund 2,47 Millionen wahlberechtigte Berliner sind an diesem Sonntag aufgerufen, über die Zusammensetzung des 17. Abgeordnetenhauses abzustimmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) attackierte auf dem Kranoldplatz in Lichterfelde heftig den rot-roten Senat. "Berlin ist die Hauptstadt der Kinderarmut, es fehlen 23.000 Kita-Plätze, Berlin hat das schlechteste Bildungssystem aller Bundesländer", kritisierte die Kanzlerin unter dem Beifall der nach Angaben der CDU rund 2000 Zuhörer.

Die Kanzlerin verteidigte ihren Kurs in der EU-Schuldenkrise, ohne konkret ihren Koalitionspartner FDP anzusprechen. Stattdessen heizte der Berliner CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel den Streit zwischen Union und FDP weiter an. "Verzweifelte Parteien greifen zu verzweifelten Mitteln", sagte Henkel an die Adresse der FDP. Er spielte auf die umstrittene Äußerung von FDP-Chef Philipp Rösler an, der über eine geordnete Insolvenz Griechenlands gesprochen hatte.

SPD kämpft mit Gewerkschaften

Bei der SPD auf dem Potsdamer Platz, die eine Stunde später eingeladen hatte, waren zu dem Zeitpunkt rund 1000 Menschen versammelt. Der Berliner SPD-Chef Michael Müller und der DGB-Vorsitzende Michael Sommer riefen die Zuhörer auf, auf jeden Fall wählen zu gehen, um die Demokratie zu stärken. Später sollten SPD-Chef Sigmar Gabriel und Spitzenkandidat Klaus Wowereit reden.

Neben dem SPD-Bundesvorsitzenden Sigmar Gabriel kletterte auch der amerikanische Schauspieler Larry Hagman, bekannt als J. R. Ewing aus der Serie "Dallas", am Freitag auf die Bühne am Potsdamer Platz. Gabriel zeigte sich beeindruckt von dem überraschenden Auftritt Hagmans mit Cowboyhut und sagte an die Adresse Wowereits über dessen Wahlkampf: "Von Dir können wir alle noch etwas lernen."

Der Spitzenkandidat der Linken, Harald Wolf, warb auf der Abschlusskundgebung seiner Partei in Köpenick für eine Fortsetzung der Koalition mit der SPD. Denn "den Klaus Wowereit, den die Menschen in den letzten Jahren kennengelernt haben, gibt es nur mit der Linken. Mit den Grünen oder mit der CDU würde es ein ganz anderer Klaus Wowereit sein. Und zwar ein Klaus Wowereit des sozialen und kulturellen Kahlschlags", sagte er vor etwa 200 Zuhörern.

Piraten zu Boote

Die Piraten verzichteten auf eine Abschlusskundgebung und versammelten sich stattdessen auf der Spree am Treptower Park mit mehreren Booten. Die jungen Liberalen, die eine "Enteraktion" der Piratenflotte angekündigt hatten, wurden von der Polizei kurzzeitig nach eigenen Angaben festgehalten. Die FDP hatte bereits am Donnerstagabend zur Abschlusskundgebung gebeten.

Alle Umfragen der vergangenen Monate sagen der SPD mit Werten zwischen 29,5 und 32 Prozent den Wahlsieg voraus. Für Wowereit wäre es der dritte Sieg in Folge. Eine dritte Auflage des rot-roten Regierungsbündnisses ist jedoch wegen der schwachen Linken mit Werten zwischen 11 und 12 Prozent eher unwahrscheinlich.

Der eigentliche Überraschungsgewinner der Wahl in Berlin dürfte die junge Piratenpartei werden. Die Meinungsforscher sagten dem Newcomer unter den Parteien Werte zwischen 6,5 bis zuletzt gar 9,0 Prozent voraus. Die Grünen fielen dagegen nach ihrem Umfrage-Hoch vor einem Jahr mit Werte zwischen 18 bis 20 Prozent inzwischen deutlich auf Platz 3 zurück.

CDU-Spitzenkandidat Frank Henkel (47) muss nach den jüngsten Prognosen nicht länger fürchten, dass die Union erstmals in der Berliner Nachkriegsgeschichte auf Platz 3 abrutscht. Die FDP unter ihrem Spitzenkandidaten Christoph Meyer (36) muss fürchten, mit Werten zwischen drei und vier Prozent nicht wieder ins Landesparlament einzuziehen.

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