Prozess

Enkel sollte Oma mit Spaten erschlagen

Eine 21-jährige Berlinerin soll ihren Freund zu einem Mord angestiftet haben. Opfer war die 85-jährige Großmutter des jungen Mannes. Sie überlebte, weil der Enkel Gewissensbisse bekam.

Michelle L. wirkt vor Gericht, als könne sie kein Wässerchen trüben. Die 21-Jährige ist kaum zu hören, wenn sie auf die Fragen des Richters antwortet, wirkt zurückhaltend und eingeschüchtert.

Aber sie kann offenbar auch ganz anders sein. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr vor, ihren Freund zu einem Mord an dessen Großmutter angestiftet zu haben. Er könne sie doch mit dem Spaten erschlagen und anschließend das Bargeld und die Geldkarte mitnehmen, soll sie vorgeschlagen haben. Mit der Beute, sie schätzten sie auf rund 3000 Euro, würden dann ihre Schulden bezahlt, und den Rest könnten sie gemeinsam verjubeln.

Und so geschah es dann auch. Der heute 22 Jahre alte Jörg S. tauchte vermummt auf dem Grundstück der Großmutter im Ortsteil Gatow auf, sprach sie an, verfolgte sie bis ins Haus, wo sie telefonieren wollte, und schlug ihr einen Spaten auf den Hinterkopf. Sie war jedoch nicht tot. Sie erlitt glücklicherweise nur eine kleine Platzwunde. Jörg S. begriff jetzt erst richtig, was er tat, und floh. Immer noch vermummt. Aber die Großmutter hatte ihn dennoch sofort an seiner Statur erkannt – wie die Angeklagte Michelle L. ist auch Jörg S. sehr korpulent.

Michelle L. bestätigt vor Gericht, dass es diesen Wortwechsel gab. Und auch den Vorschlag, einen Spaten aus dem Geräteschuppen seiner Grußmutter als Tatwerkzeug zu wählen, habe sie gemacht. Allerdings habe sie das keinesfalls ernst gemeint. „Wir haben nur herumgealbert. Ich dachte doch nicht, dass der das auch wirklich macht“, sagt sie leise und in einem Ton, als würde sie unverzüglich zu weinen beginnen.

Die Richter glauben ihr nicht. In den Akten, in denen die Vernehmungen bei der Polizei abgeheftet sind, stellt sich der Sachverhalt etwas anders dar. Und auch die Beziehung zu ihrem Freund Jörg S. war wohl nicht so, wie sie es vor Gericht zunächst schildert: Sie habe ihn „vor zwei, drei Jahren“ über eine Internetplattform für Partnersuche kennen gelernt. Es sei eine reine platonische Beziehung gewesen. Erst auf Nachfrage des Vorsitzenden Richters ergänzt sie, dass Jörg S. wohl mehr gewollt habe, ja, auch sexuell. Die beiden trafen sich fast jeden Tag. Einige Zeit lebte er sogar mit in ihrer Einzimmerwohnung, die sie mit 18 Jahren bezog. Was sie einte, war die chronische Geldknappheit. Beide bezogen HartzIV. Aber sie wusste sehr wohl um seine Wünsche und ihren Einfluss. „Der Jörg hat immer gemacht, was ich wollte“, sagte sie bei der Polizei.

Jörg S. erscheint vor Gericht als erster Zeuge. Aber er will nichts sagen. Dieses Aussageverweigerungsrecht steht ihm zu, weil in gleicher Sache ja auch gegen ihn ein Verfahren läuft. Nach seiner Festnahme verbrachte er fast ein Jahr in der geschlossenen Gefängnispsychiatrie. Heute lebt er in einem Heim, in dem psychisch kranke Menschen betreut werden. Es ist also offen, ob er überhaupt schuldfähig ist und betraft werden kann.

Als Jörg S. den Saal verlässt, wirft er einen sehnsüchtigen Blick zur Angeklagten. Die schaut jedoch stur geradeaus und beachtet ihn nicht. Donnerstag fällen die Richter ihr Urteil.