Zu hohes Defizit

Charité will Medizinhistorisches Museum aufgeben

Die Zukunft des Medizinhistorischen Museums der Charité steht aus finanziellen Gründen auf der Kippe. Das Aus der Sammlung des Mediziners Rudolf Virchow ist nicht auszuschließen.

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Dem 112 Jahre alten Medizinhistorischen Museum der Berliner Charité droht möglicherweise das Aus. Nach einem Zeitungsbericht will sich die Uniklinik von der Sammlung trennen, die einst der Mediziner Rudolf Virchow (1821-1902) aufgebaut hatte. Ein Vorstandsbeschluss sehe vier verschiedene Optionen für die Zukunft des Hauses vor, berichtet die „Berliner Zeitung“. Die Möglichkeiten reichten von einer Schließung über einen Trägerwechsel oder eine Fusion mit einem anderen Museum bis hin zur Finanzierung durch private Sponsoren. Der Deutsche Kulturrat äußerte sich am Mittwoch besorgt über die Pläne.

Der Leiter des Medizinhistorischen Museums, Thomas Schnalke, warnte in der Zeitung, es drohe die Zerstörung einer kulturell sehr wertvollen Einrichtung. „Das ist ein Skandal“, sagte er. Kultur werde nur noch unter ökonomischen Gesichtspunkten definiert, kritisierte Schnalke. Auch der Leiter der Rechtsmedizin an der Charité, Michael Tsokos, nannte die Vorstandspläne in derselben Zeitung „sehr bedenklich“. Ähnlich äußerte sich der Chef des Fakultätspersonalrates, Christoph Berndt.

Begründet wird die Aufgabe der medizinhistorischen Sammlung nach Informationen der „Berliner Zeitung“ damit, dass das Museum ein jährliches Defizit von 700.000 Euro einfahre. Die jährliche Finanzausstattung liegt demnach bei einer Millionen Euro. Jedoch würden nur 300.000 Euro an Einnahmen erzielt, etwa über die Eintrittspreise. Allein die Personalkosten für die acht Mitarbeiter würden mit jährlich 350.000 Euro zu Buche schlagen. Nach Angaben von Museumsleiter Schnalke kommen pro Jahr etwa 100.000 Besucher in das Haus. Es kämen viele Schulklassen, aber auch Besucher aus dem Ausland.

Charité-Sprecherin Stefanie Winde erklärte indes in der „Berliner Zeitung“, eine Abgabe des Museums sei „definitiv nicht beabsichtigt“. Der Betrieb des Museums zähle aber nicht zu den Kernaufgaben der Uniklinik. Winde nannte es „zwangsläufig“, dass der Vorstand andere Finanzierungsmöglichkeiten prüfen müsse. Für Teile der nicht ausgestellten Sammlung werde nach preiswerten Depotflächen gesucht. Das Defizit solle bis Anfang 2012 um 200.000 Euro auf eine halbe Million Euro gesenkt werden.

Besorgt über die Schließungspläne äußerte sich der Deutsche Kulturrat, der Spitzenverband der Bundeskulturverbände. Geschäftsführer Olaf Zimmermann sagte in Berlin, ein solches Museum könne sich nicht allein aus Eintrittsgeldern finanzieren. Es gebe daher in Deutschland die gute Tradition der öffentlichen Förderung solcher Institutionen. „Die Charité würde mit der Schließung des Medizinhistorischen Museums ihre Wurzeln kappen“, warnte Zimmermann. Der weltweit hervorragende Ruf der Charité als Klinik und als Ausbildungsstätte für Ärzte und viele andere medizinische Berufe beruhe auch auf ihrer Tradition, die mit Namen wie Rudolf Virchow verbunden sei.

Nach Angaben des Deutschen Kulturrates beherbergt das Medizinhistorische Museum 14.000 Objekte. Dazu zählten Medizininstrumente ebenso wie pathologische Präparate. Die ältesten seien 300 Jahre alt. Das Museum wurde 1899 eingeweiht.

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