50 Jahre Mauerbau

Gedenken - Berlin steht für eine Minute still

Am morgigen Sonnabend, dem 50. Jahrestag des Mauerbaus, soll mit einer Schweigeminute mittags 12 Uhr der Opfer gedacht werden. Am Brandenburger Tor werden die Namen all jener verlesen, die bei Fluchtversuchen aus der DDR getötet wurden.

Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat alle Berliner zur Teilnahme an der für Sonnabendmittag geplanten Schweigeminute im Gedenken an die Maueropfer aufgerufen. Dies sei nicht nur eine würdige Geste, sondern auch ein Zeichen für Demokratie und Freiheit, sagte Wowereit. „Gerade in einer Zeit, in der die ostdeutsche Diktatur von manchen verharmlost wird, muss ein Zeichen gegen das Verdrängen und Vergessen gesetzt werden“, ergänzte er – und spielte indirekt auf die Irritationen an, die zuvor die Linken-Parteivorsitzende Gesine Lötzsch mit relativierenden Äußerungen ausgelöst hatte.

Bei der Schweigeminute zum 50. Jahrestag des Mauerbaus soll Berlin am Sonnabend ab Punkt 12 Uhr für sechzig Sekunden innehalten. Auch Busse und Bahnen der BVG werden stillstehen. Begleitet wird die Schweigeminute vom Geläut von Kirchenglocken. Zur zentralen ökumenischen Feier wird in die Versöhnungskapelle auf dem Gelände der Mauergedenkstätte an der Bernauer Straße geladen. Angekündigt haben sich die Spitzen des Staates, darunter Bundespräsident Christian Wulff, Bundestagspräsident Norbert Lammert und Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), die hier ihren ersten öffentlichen Termin nach der Rückkehr aus dem Urlaub wahrnimmt.

Da in dem Gotteshaus nur 100 Menschen Platz haben, wird die Andacht als Teil der zentralen Gedenkveranstaltung auf Videowänden an der Bernauer Straße gezeigt. Auch die ARD überträgt die ökumenische Feier.

Neben Wowereit werben auch der CDU-Fraktions- und Landesvorsitzende Frank Henkel sowie die Grünen-Spitzenkandidatin Renate Künast um die Teilnahme an der Schweigeminute. Henkel sagte, dass das Unrecht der SED-Diktatur und das Leid, das viele hätten erfahren müssen, nicht vergessen oder verharmlost werden dürfe. Künast erklärte: „Die Opfer des Mauerbaus mahnen uns, jeden Angriff auf unsere Freiheit und auf die Menschenrechte abzuwehren.“

Unterdessen reißt die Kritik an den geschichtspolitischen Äußerungen von Linken-Chefin Lötzsch nicht ab. „Es ist beschämend und skandalös, dass Politiker der Linkspartei nach wie vor den Mauerbau rechtfertigen. Dies entlarvt die SED-Erben einmal mehr als Ewiggestrige. Besonders die kruden Erklärungsversuche von Frau Lötzsch sind ein Schlag ins Gesicht für alle Angehörigen der Maueropfer“, sagte CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe Morgenpost Online.

Keine „Alternative“ zum Mauerbau?

Gröhe will Sonnabend gemeinsam mit Henkel ab 12.30 Uhr am Brandenburger Tor die Namen all jener Menschen verlesen, die bei Fluchtversuchen über die Berliner Mauer getötet wurden. Die Opfer von Teilung, Schießbefehl und SED-Unrecht dürfen nicht vergessen werden. Diese Männer und Frauen seien dem Regime gewaltfrei entgegengetreten und hätten einen „wesentlichen Beitrag“ dazu geleistet, dass die Mauer letztlich fiel. Gröhe forderte außerdem, dass die Aufklärung über die Verbrechen des DDR-Regimes weiter verstärkt werden müsse – gerade im Schulunterricht. Lötzsch hatte den Mauerbau zuvor als Ergebnis des Zweiten Weltkriegs bezeichnet. Die Jahrestage des Mauerbaus und des Überfalls auf die Sowjetunion vor 70 Jahren seien „eng miteinander verbunden“. Ähnlich ungewöhnliche Thesen finden sich auch in einem Positionspapier aus dem mecklenburg-vorpommerischen Landesverband der Linkspartei, der ausgerechnet am 13. August in Rostock zu einem Parteitag eingeladen hat, um über Sinn und Zweck des Mauerbaus zu debattieren. Darin heißt es, dass die Entscheidung für die Sperrung der Grenze „ohne vernünftige Alternative“ gewesen sei.

Dass es innerhalb der Linken dazu auch andere Auffassungen gibt, machte am Donnerstag Berlins Linksfraktionschef Udo Wolf deutlich. Wolf kritisierte die Versuche zur Rechtfertigung des Mauerbaus. Das damit verbundene Leid und die Verbrechen dürften nicht vergessen werden, sagte er. Es sei insbesondere für die junge Generation wichtig, die keine persönlichen Erinnerungen an diese Zeit habe. „Die stalinistische Doktrin, wonach der Zweck die Mittel heiligt, ist falsch“, stellte Wolf klar.

Die Mauer sei vielmehr ein „Symbol der Schwäche des real existierenden Sozialismus“ gewesen. Zum demokratischen Sozialismus, für den seine Partei einstehe, gehörten „Freiheit und Demokratie“, beteuerte der 49-Jährige.

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