Förderprogramm

Berliner Unis suchen Sponsoren für Studenten

Mit dem sogenannten Deutschlandstipendium unterstützen Unternehmen begabte Studenten. Die Berliner Humboldt-Uni hat sie als eine der ersten Hochschulen eingeführt. Doch viele Forschungseinrichtungen fühlen sich von der Politik im Stich gelassen.

Foto: M. Lengemann

Manche Menschen würden Elina Bradkhan als Streberin bezeichnen. Ihr Abitur hat sie mit der Note „sehr gut“ abgeschlossen. Auf dem Abschlusszeugnis ihres Bachelorstudiums in Volkswirtschaftslehre prangt ebenfalls eine 1,0. Derzeit studiert die 23-Jährige an der Berliner Humboldt-Universität Betriebswirtschaftslehre. Sie lernt sehr viel. So gute Leistungen fallen niemandem in den Schoß. „Es ist auch meine Familie, die sehr gute Leistungen von mir erwartet“, sagt die junge Frau mit ihrem starken russischen Akzent.

Das viele Lernen hat sich gelohnt. Elina Bradkhan ist eine der ersten deutschen Studenten, die das Deutschlandstipendium erhalten. Damit will das Bundesbildungsministerium hervorragende Studenten fördern. Vor sechs Monaten hat Bildungsministerin Annette Schavan (CDU) das Förderprogramm ins Leben gerufen.

Wegen der vollen Lehrpläne ist die Anwesenheitszeit der Studenten an ihren Universitäten seit Einführung der europaweiten Bachelor- und Masterstudiengänge gestiegen. Ein Nebenjob passt nur selten in den studentischen Terminkalender von heute. Die Semesterferien sind nicht mehr Freizeit wie früher, dann finden Prüfungen statt. Bis zu acht Prozent der Studierenden sollen in den kommenden Jahren mit dem Deutschlandstipendium finanziell unterstützt werden.

Privatwirtschaft eingebunden

Dabei ist die Privatwirtschaft stärker als bisher in die Studienfinanzierung eingebunden. Schließlich werden an den Unis die von den Unternehmen so dringend benötigten Fachkräfte ausgebildet. Sie zahlen – auf freiwilliger Basis – monatlich 150 Euro an einen herausragenden oder besonders engagierten Studenten. Das Bildungsministerium legt den gleichen Betrag nochmals obendrauf.

Als erste Berliner Hochschule hat die Humboldt-Universität bereits im Sommersemester 18 Stipendien vergeben. Hier studiert Elina Bradkhan. Die 300 Euro, die die Russlanddeutsche nun ein Jahr lang monatlich erhält, sieht sie als Belohnung ihrer überragenden schulischen und akademischen Anstrengungen. „Ich habe das Deutschlandstipendium verdient“, sagt sie mit sehr bestimmtem Unterton. Bisher standen ihr 700 Euro BAföG und Kindergeld monatlich zur Verfügung. Irgendwie ist Elina Bradkhan damit über die Runden gekommen. Sie wohnt, so erzählt sie, bei ihrer Schwester. „Außerdem esse ich nicht viel.“ Von den zusätzlichen 300 Euro leiste sie sich nun Bücher, die sie davor in der Universitätsbibliothek ausgeliehen hätte. Den Rest aber spart sie. „Für ein Auslandssemester, oder wenn ich mal ein Praktikum machen muss, für das ich kein Geld bekomme.“ Wer ihr das ermöglicht, weiß die junge Frau nicht.

Konzept überzeugt

Zwar erlaubt das Deutschlandstipendium den Kontakt zwischen Sponsor und Student, er ist aber freiwillig. „Wir haben unter unseren Förderern auch Privatpersonen, die damit nicht an die Öffentlichkeit wollen“, sagt HU-Vizepräsident Michael Kämper-van den Boogaart. Ein Teil der Stipendiengeber habe die HU aus dem Freundeskreis ehemaliger Studierender der Hochschule geworben. Unter den Gönnern sind aber auch Unternehmen wie Olympus, die Bayer-Stiftung oder die Berliner Bank. Die HU wirbt fleißig weitere Unternehmen an. Zum Wintersemester vergibt die Uni 14 weitere Stipendien, 32 Stipendiaten hat die HU dann insgesamt. Kämper-van den Boogaart sind das zu wenige. „Von der Zielvorstellung sind wir noch weit entfernt.“ Derzeit könnte die Universität nach Vorgaben der Bundesbildungsverwaltung insgesamt 122 Stipendien vergeben. „Aber leider werden wir nicht von Anträgen aus den Unternehmen überhäuft.“ Das Deutschlandstipendium sei vielen noch nicht bekannt. Die Akquise der Firmen, Stiftungen und Privatpersonen, die sich das Stipendium leisten können und wollen, bleibe den Hochschulen überlassen, das Bildungsministerium helfe nicht. Oft überzeuge nur eine direkte Vorsprache des Uni-Präsidenten Jan-Hendrik Olbertz.

Vom HU-Chef hat auch die Berliner Bank von den Deutschlandstipendien erfahren. Das Konzept habe das Unternehmen schnell überzeugt, sagte Jürgen Werner, Mitglied der Geschäftsleitung. Ab Oktober finanziert die Berliner Bank deshalb fünf Stipendien im Fachbereich Wirtschaftswissenschaften der HU.

Kein Mitspracherecht der Geldgeber

Bei der Auswahl der Studenten hat das Finanzunternehmen kein Mitspracherecht. „Die Hochschule wählt aus, wir haben dann die Möglichkeit, den Studenten kennenzulernen“, sagt Jürgen Werner. Natürlich wolle man den Kontakt zu den fünf Stipendiaten langfristig ausbauen und ihnen eventuell eine berufliche Perspektive im Unternehmen anbieten. Aber das Deutschlandstipendium versteht Jürgen Werner nicht als klassisches Rekrutierungsinstrument von Nachwuchs. Die Berliner Bank beschäftigt Studenten der Berufsakademie, ein Programm, das Studium und betriebliche Ausbildung koppelt. Diese würden im Anschluss übernommen, den Fachkräftemangel, unter dem die Technikbranche leidet, kennt die Berliner Bank nicht. „Zwar hat die Zahl der Bewerber abgenommen, aber es meldet sich immer noch ein Vielfaches dessen, was wir aufnehmen können“, sagt Jürgen Werner. Die Deutschlandstipendien finanziert die Berliner Bank aus gesellschaftlichem Verantwortungsgefühl.

Das Bildungsministerium schweigt

150 Euro monatlich, so meint Jürgen Werner, das könnten sich auch kleinere Unternehmen leisten. Werner kritisiert allerdings das Schweigen des Bundesbildungsministeriums. „Schavan wird ihre Zielvorgabe nie erreichen, wenn sie für das Förderprogramm nicht wirbt.“

Die Berliner Hochschulen verzeichnen bislang keinen Run der Unternehmen auf das Stipendium. „Wir brechen nicht unter einem Berg von Anträgen zusammen“, hieß es aus der Freien Universität (FU) während einer Sitzung des Ausschusses für Wissenschaft und Forschung.

Einen Vorteil im Debakel um die Stipendien haben die Technischen Universitäten. Wegen ihren industrie- und wirtschaftsorientierten Studiengängen verfügen sie über gute Kontakte zu den Unternehmen. Aber auch hier ist die Zahl der Stipendien noch weit vom Wunschziel entfernt. Die TU Berlin vergibt im Oktober 40 Stipendien. „Damit sind wir bundesweit an der Spitze“, sagt Horst Henrici, Leiter der Zulassungsstelle. Zwar ist Henrici optimistisch, „dass wir im kommenden Jahr über hundert Stipendien anbieten können“. Aber es sei illusorisch, dass die TU Berlin innerhalb der nächsten drei Jahre acht Prozent der Studierenden ein Stipendium vermitteln könne. „Das sind immerhin 2230 Förderungen.“ Um das Deutschlandstipendium bekannter zu machen, wirbt die Hochschule nun mit Mitteln aus dem eigenen Haushalt.