Medizin

Bund soll Berliner Forschung auf Weltniveau heben

Die Wissenschaftler des Berliner Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin wollen enger mit der Charité zusammenarbeiten. Derzeit laufen Gespräche über eine gemeinsame Einrichtung. Doch Bund-Länder-Grenzen erschweren das Projekt.

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Berlins Regierender Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat sich beim Besuch des rot-roten Senats auf dem Campus Buch in Berlin für eine engere Kooperation von Bund und Ländern in Wissenschaft und Forschung ausgesprochen.

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Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) hat die Bundesregierung aufgefordert, eine organisatorische Verschmelzung des Berliner Universitätsklinikums Charité und des maßgeblich vom Bund finanzierten Max-Delbrück-Centrums für molekulare Medizin (MDC) möglich zu machen. „Berlin steht bereit für ein solches Engagement“, sagte Wowereit bei einem Besuch des Senats beim MDC in Berlin-Buch. Zwar setze die föderale Struktur Grenzen. Aber nur wenn Kräfte zusammengelegt und gebündelt würden, könne Deutschland auf dem Weltmarkt konkurrenzfähig sein. MDC-Vorstand Walter Rosenthal sagte, die Forscher wollten ihre „Erfolge ans Klinikbett“ bringen. Deshalb werde die Kooperation mit der Charité vertieft.

Nikolaus Rajewsky ist gerade aus New York von einem Forschungsaufenthalt zurückgekehrt. Der Chef eines der spannendsten Forschungsinstitute Berlins hat Besuch in seinem Berliner Institut für Medizinische Systembiologie (BIMSB). Der Senat mit dem Regierenden Bürgermeister Wowereit an der Spitze ist gekommen, um sich über die Forschritte in Berlins wichtigstem Biotechnologie-Zentrum in Buch zu informieren.

Rajewsky, der für seinen Berliner Job die New York University verließ, nutzt die Chance, um den Politikern die Bedeutung seiner Arbeit zu vermitteln. Und um ihnen klar zu machen, warum es überaus hilfreich wäre, wenn das Max Delbrück Centrum, einer der Träger des Instituts, noch enger mit der Universitätsklinik Charité verschmelzen würde.

Im BIMSB geht es nach seinen Worten darum, medizinische Experimente mit Mathematik und Informatik zu verknüpfen, erzählt der Professor und wirft Schaubilder an die Wand, die aussehen wie riesige Schaltpläne. Hier wird abgebildet, wie die Zellen miteinander interagieren. Millionen Daten können so über jeden einzelnen Organismus gesammelt und analysiert werden. Ein Grundstock für die „personalisierte Medizin“. Im Keller bändigen riesige Rechner die stetig wachsende Datenflut.

Genombestimmung in zehn Tagen

Im Obergeschoss bestimmen sogenannte Sequenzer, etwa kühlschrankgroße Maschinen, jede eine halbe Million Euro teuer, innerhalb von zehn Tagen das komplette Genom eines Menschen. 4000 Euro kostet das noch. Vor zehn Jahren, als erstmals das menschliche Erbmaterial entschlüsselt wurde, verschlang das Milliarden und dauerte drei Jahre. Inzwischen könnten die Forscher auch einem „einzelnen Molekül bei der Arbeit zusehen“, indem sie es wie mit einer Taschenlampe mit dem Laser bescheinen. Solche Vorgänge seien nur mit mathematischen Methoden abzubilden, sagt Rajewsky.

Dieser rasante Fortschritt macht deutlich, warum die Forscher aus Buch eine engere Zusammenarbeit mit der Charité anstreben. „Wir haben hier eine Weltklasse-Infrastruktur“, sagt Wei Chen auf Englisch. Der Chinese ist Forschungsgruppen-Leiter in der Genomanalyse und einer der ersten, den Rajewsky angeheuert hatte. „Wir haben hier das neueste Wissen für die Patientenversorgung“, sagt Chen. Er lobt das internationale Klima und die flachen Hierarchien im Institut. Ganz anders sei das als in einer herkömmlichen deutschen Universität.

Auf Augenhöhe mit Stanford

Professor Rajewsky zollt der Politik Respekt, wie schnell sie entschieden hat, das BIMSB aufzubauen. 2008 flossen die ersten Fördermillionen vom Bund und dem Land Berlin, jetzt gibt es grünes Licht für einen Neubau auf dem Campus Nord in Mitte. Die Wissenschaftler an dem neuen Institut seien fast alle neu berufen worden, sagt der Leiter. Viele kommen aus den USA, aus Harvard, der Rockefeller und der Columbia University. Das Selbstbewusstsein im MDC ist enorm. „Wir sind auf Augenhöhe mit Stanford“, sagt der Wissenschaftliche Vorstand Professor Walter Rosenthal mit Blick auf die US-Elite-Universität.

Das gefällt den Politikern. Klaus Wowereit lässt es nicht fehlen an dem Bekenntnis, die Charité gern mit dem zu 90 Prozent vom Bund finanzierten MDC zusammenführen zu wollen. „Wir müssen alles tun, damit sich das MDC und die Charité noch besser konzentrieren können auf ihre Exzellenz“, sagte Wowereit. Er sei froh, dass zwei Organisationen bereit seien, einen solchen Weg einzuschlagen. Nur so sei es möglich, zusätzliche Ressourcen zu gewinnen, die ein Träger alleine nicht leisten könne.

Auf einer Rundfahrt überzeugten sich Wowereit und seine Senatoren von den Fortschritten auf dem Campus und in den umliegenden Klinik-Standorten. Ulrich Scheller, Manager des Biotechnologie-Parks mit 50 Unternehmen, wies auf die Platznöte hin. Die Gebäude seien zu 90 Prozent vermietet, viele Firmen wollten dringend expandieren. Außerdem wäre eine Autobahnabfahrt sehr hilfreich, um Investoren anzulocken. Wowereit blickt später über das Ödland entlang der Karower Chaussee, wo der Biotech-Park auf elf Hektar erweitern möchte. Die Firma Glycotope würde hier gern ab 2012 eine Produktionsstätte für Pharmazeutika errichten. Wowereit wird nachdenklich. „Es ist ganz gut, wenn man an der Autobahn steht und sich überlegt, warum es so schwierig sein soll, hier einen Abzweig zu machen“, sagte der Regierende. Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann kritisierte dessen Engagement angesichts von „zehn Jahren Tatenlosigkeit“ im Gesundheitssektor als „wenig glaubwürdig“.