Niedergestochen in U9

Polizei über anhaltende U-Bahn-Gewalt enttäuscht

Eigentlich hatte die Berliner Polizei eine Erfolgsstatistik präsentieren wollen. Doch der neue Fall von niedergestochenen Passagieren auf der U9 am Bahnhof Zoo vermiest dem Polizeidirektor die Stimmung. Er muss eingestehen: "Das wird sich leider nie gänzlich ausschließen lassen." Ein Alkoholverbot soll helfen.

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Die Kriminalität insgesamt und die Gewalttaten in U- und S-Bahnen, in Bussen sowie auf Bahnhöfen sind in den vergangenen Jahren deutlich weniger geworden.

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Erneut ist es auf einem Berliner U-Bahnhof zu einem lebensgefährlichen Angriff gekommen. Zwei Männer wurden in der Nacht zum Freitag auf dem Bahnhof Zoologischer Garten angegriffen, einer von ihnen wurde nach Polizeiangaben durch Stiche in den Oberkörper lebensgefährlich verletzt. Der andere 21-jährige Mann wurde leicht am Arm verletzt. Der Täter gehörte zu einer Gruppe von drei Männern, die mit den beiden jungen Männer zuvor gestritten hatte. Der 20 Jahre alte Schwerverletzte wurde in der Nacht in einem Krankenhaus notoperiert. Bisher gibt es noch keine heiße Spur zu den mutmaßlichen Tätern.

Zuletzt hatten in Berlin brutale Überfälle in den Bahnhöfen Lichtenberg und Friedrichstraße für Aufsehen gesorgt. Gleichzeitig verwies die Polizei am Freitag auf einer schon vorher angekündigten Pressekonferenz darauf, dass die Kriminalität insgesamt und die Gewalttaten in U- und S-Bahnen und Bahnhöfen in den vergangenen Jahren deutlich weniger wurden.

Der nächtliche Streit in der U-Bahnlinie 9 soll aus einem nichtigen Anlass heraus entstanden sein. Am Bahnhof Zoo seien dann alle Beteiligten ausgestiegen, berichtete die Polizei. Die drei Männer entfernten sich, einer von ihnen kehrte aber kurz danach zurück. Danach eskalierte der Konflikt. Die beiden Opfer stiegen aber noch in eine U-Bahn und fuhren weiter. Erst dann bemerkten sie, dass sie bluteten und Stichverletzungen hatten. Sie riefen um Hilfe und wurden ins Krankenhaus gebracht. Die zweite Mordkommission ermittelt.

Die Polizei teilte mit, dass sie seit dem 6. Mai 306 gemeinsame Einsätze mit Wachleuten der Verkehrsbetriebe BVG absolvierte. In den vergangenen Jahren habe man die Einsätze der Polizei in den U-Bahnhöfen kontinuierlich gesteigert, sagte Polizeidirektor Thomas Dublies. „Nahezu täglich gibt es offene und verdeckte Einsätze in der U-Bahn.“

Dublies betonte aber angesichts des aktuellen Angriffs: „Wir sind aber immer wieder selber enttäuscht, wenn es zu den dramatischen Einzelfällen kommt. Das wird sich leider nie gänzlich ausschließen lassen.“

Im ersten Halbjahr 2011 habe die Polizei trotz der intensiven Ermittlungen gegen Autobrandstifter 8700 Einsätze mit 87.000 Stunden im öffentlichen Nahverkehr geleistet. Polizisten hätten in Bahnhöfen und Bahnen 7500 Menschen überprüft, 2400 Anzeigen aufgenommen und 380 Verdächtige festgenommen.

Dublies kündigte an, die Polizei werde das unvermindert fortführen. „Wir wollen keinen leeren öffentlichen Nahverkehr, wir wollen, dass die Leute Vertrauen haben.“ Er räumte aber auch ein: „Das Sinken der Gewalttaten setzt sich fort. Aber trotzdem steigt nicht unbedingt das Sicherheitsempfinden.“

Nicht alle 173 U-Bahnhöfe würden gleichmäßig kontrolliert, die Polizei konzentriere sich auf bestimmte Schwerpunkte häufig im Innenstadtbereich. Über das seit einiger Zeit diskutierte Alkoholverbot in den Bahnhöfen sagte Dublies: „Seltsamerweise ist es schick geworden, mit der Bierpulle in der Hand herumzulaufen. Früher war das verpönt.“ Ein Trinkverbot helfe daher sicher „gegen Vermüllung und unsichere Zustände“. Das Sicherheitsgefühl der anderen Fahrgäste werde so verbessert. „Deswegen sollte man darüber nachdenken.“

Die Gesamtzahl der im öffentlichen Nahverkehr angezeigten Taten sank laut Polizei von 22.381 (2006) auf 17.569 (2010). 2011 gab es allerdings wieder einen Anstieg (9959 Anzeigen, 1341 mehr als im Vorjahreszeitraum), der an den zahlreichen Diebstählen liegt.

Die Zahl der angezeigten Körperverletzungen reduzierte sich demnach von 3161 (2006) auf 2787 (2010), so Dublies. Im ersten Halbjahr 2011 gab es mit 1487 Anzeigen wieder einen leichten Anstieg (+ 3,6 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum).

Die Anzeigen wegen Raubüberfällen gingen deutlich von 1203 auf 667 zurück (- 44,5 Prozent). Im ersten Halbjahr 2011 waren es mit 334 erneut etwas weniger (- 3 Prozent im Vergleich zum ersten Halbjahr 2010).