Jugendkriminalität

Heim für Kinder-Täter kostet 580.000 Euro jährlich

In Berlin-Reinickendorf wird eine geschlossene Einrichtung für kriminelle Kinder und Jugendliche errichtet. Das Heim kostet rund 580.000 Euro pro Jahr – für vier Plätze.

Foto: Steffen Pletl

Berlin bekommt ein geschlossenes Heim für straffällige Kinder und Jugendliche bis zu einem Alter von 14 Jahren. Mitte September sollen in Reinickendorf zunächst vier derartige Plätze eingerichtet werden, in den die Minderjährigen vorübergehend untergebracht werden sollen. Sie sollen in diesem Heim rund um die Uhr von zwei speziell ausgebildeten Pädagogen betreut werden. Betreiber der geschlossenen Unterbringung sind das Evangelische Jugend- und Fürsorgewerk (EJF) sowie die Stiftung für Freiwillige Soziale Dienste, die zur Arbeiterwohlfahrt gehört.

Nach Angaben des Vorstandsvorsitzenden des EJF, Siegfried Dreusicke, wird die neue Einrichtung das Land Berlin jährlich etwa 580.000 Euro kosten. Neben straffällig gewordenen Kindern sollen auch extrem verhaltensauffällige und psychisch kranke Mädchen und Jungen betreut werden. Ausschlaggebend sei, ob sie für andere oder sich selbst eine Gefährdung darstellten, sagte Dreusicke.

Elektronisch gesicherte Türen und Sicherheitsfenster

Michael Piekara, Referent für Jugendhilfe des EJF, bezeichnete das neue Heim als eine besondere Clearingstelle für straffällige Kinder und Jugendliche. „In dieser Einrichtung soll geklärt werden, welche Probleme im Einzelfall vorliegen und welche Folgeeinrichtung für den Betreffenden die richtige ist“, sagte er. Außerdem werde dort per Gutachten das Alter der Kinder und Jugendlichen festgestellt. Damit das alles überhaupt möglich sei, seien in bestimmten Fällen „freiheitsentziehende Maßnahmen“ nötig.

Laut Piekara will das EJF eines seiner Objekte in Reinickendorf so umbauen, dass dort diese spezielle Clearingstelle eingerichtet werden kann. „Wir werden Anfang August mit den Sanierungsarbeiten beginnen“, sagte er. Damit die Kinder und Jugendlichen nicht ausbüxen können, müssten im Gebäude elektronisch gesicherte Türen und Sicherheitsfenster installiert werden. Auch ein neuer Zaun sei nötig.

Jugendsenator Jürgen Zöllner (SPD) stellt für diese Umbaumaßnahmen 400.000 Euro bereit. Sein Sprecher Christian Walther sagte, dass die Senatsjugendverwaltung das Heim darüber hinaus drei Jahre lang mit insgesamt 270.000 Euro unterstützen werde. Den Tagessatz von etwa 300 Euro müsse dann der jeweilige Bezirk übernehmen, der für die jugendlichen Straftäter zuständig sei, sagte Walther.

Kosten sind nicht gering

Die Einrichtung eines geschlossenen Heims wurde vom Senat Anfang Juni beschlossen. Diesem Beschluss war eine heftige Debatte darüber vorausgegangen, wie mit minderjährigen, noch als strafunmündig geltenden Straftätern umgegangen werden sollte. Im vergangenen Sommer sorgten jugendliche Drogendealer wie Arub M. oder Hassan El F. für Schlagzeilen. Sie wurden von der Polizei zwar immer wieder gefasst, mussten jedoch schnell wieder laufen gelassen werden oder entwischten aus Jugendeinrichtungen, weil es in Berlin keine spezielle Unterbringungsmöglichkeit für straffällige Kinder unter 14 Jahren gab.

Günter Kolodziej, stellvertretender Sprecher des Senats, betonte, dass von Anfang an klar gewesen sei, dass eine spezielle Unterbringung straffälliger Kinder und Jugendlicher nicht wenig kosten werde. „Wir haben aber eine Fürsorgepflicht gegenüber diesen Kindern“, sagte er. Und die Gesellschaft habe den Anspruch, dass diese strafunmündigen Täter betreut werden. Um beides zu gewährleisten, sei in besonderen Fällen eine geschlossene Unterbringung nötig. Berlin habe in solchen Fällen bisher auf Angebote in Brandenburg zurückgegriffen. „Von diesen Kapazitäten wollten wir aber nicht länger abhängig sein“, so Kolodziej. Deshalb habe der Senat beschlossen, künftig auch in der Hauptstadt Plätze zur intensiven Betreuung massiv gefährdeter straffälliger Kinder und Jugendlicher bereitzuhalten. „Wir wollen diese Kinder aber nicht nur einfach wegschließen, sondern sie pädagogisch betreuen“, sagte Vize-Senatssprecher Kolodziej.

Vorbehalte gegen Heim in Fürstenwalde

EJF-Jugendhilfe-Referent Piekara schätzt die Zahl der Kinder, für die eine Betreuung in der geschlossenen Einrichtung infrage komme, auf 30 pro Berliner Bezirk. Es sei aber klar, dass nicht alle Fälle in speziell dieser Einrichtung aufgenommen werden können. Piekara rechnet nach eigenen Angaben damit, dass pro Jahr rund 100 Kinder und Jugendliche die neue Clearingstelle durchlaufen werden. Die Höchstdauer des Aufenthalts soll bei drei Monaten liegen. Für die Einrichtung sind 13 Stellen geplant, wovon die meisten bereits an qualifiziertes Personal vergeben seien, wie EJF-Vorstandsvorsitzender Dreusicke sagte. Mehrheitlich würden Erzieher eingestellt, dazu kämen etwa vier Pädagogen und Psychologen.

Ergänzend zu der neuen Einrichtung in Berlin plant das EJF ein Heim für den längeren Aufenthalt von straffällig gewordenen oder gefährdeten Kindern in Rauen bei Fürstenwalde (Brandenburg). Kürzlich habe jedoch der dortige Gemeinderat gegen die Einrichtung gestimmt, weil die Vorbehalte zu groß gewesen seien, sagte EJF-Vorstand Dreusicke. „Wir werden aber noch nicht aufgeben.“ Bislang betreibe das EJF bundesweit 14 Einrichtungen, die auf verwahrloste, delinquente und psychisch auffällige Kinder und Jugendliche ausgerichtet seien, so Dreusicke.