Wochenend-Bilanz in Berlin

Acht Gewalt-Opfer in U1, U2, U7, S1, S41, M13

Rechnerisch ist die Wahrscheinlichkeit, Opfer einer Gewalttat im Berliner Nahverkehr zu sein, im Promillebereich, sagt die BVG. Ungeachtet dessen haben auch an diesem Wochenende Schläger auf Bahnhöfen ihr Unwesen getrieben. Der Senat will nun ein Konzept für mehr Sicherheit vorlegen.

Die Serie von Überfällen an Berliner U-Bahnhöfen reißt nicht ab. Am Wochenende gab es gleich mehrere neue Gewalttaten. In der seit Wochen geführten Sicherheitsdebatte gehen die Meinungen auseinander. Die Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe (BVG), Sigrid Nikutta, äußerte sich beschwichtigend. Die Wahrscheinlichkeit, in einem öffentlichen Verkehrsmittel Opfer einer Gewalttat zu werden, liege "bei gerade einmal 0,003 Prozent", erklärte Nikutta.

Den Opfern der brutalen Überfälle helfe dies wenig, entgegnete CDU-Landeschef Frank Henkel am Sonntag. "Die Gewalt muss bekämpft werden, nicht die Statistik", sagte der CDU-Spitzenkandidat für die Abgeordnetenhauswahl.

Am Sonntagmorgen war ein 22-Jähriger in der U-Bahnlinie 7 Richtung Rathaus Spandau unterwegs und wollte am U-Bahnhof Blissestraße in Wilmersdorf aussteigen, wie die Polizei mitteilte. Kurz vor Halt des Zuges griffen ihn drei Männer an. Einer der Täter schlug mit einer Flasche auf den 22-Jährigen ein. Trotz sofortiger Alarmierung der Polizei konnten die Tatverdächtigen entkommen. Der 22-Jährige trug Schnittverletzungen am Kopf und an den Armen davon, die ambulant behandelt wurden.

Zwei weitere Übergriffe mit Verletzten ereigneten sich an den Stationen Hallesches Tor und an der Jannowitzbrücke. Auf dem U-Bahnhof Hallesches Tor eskalierte ein Streit zwischen einer 17-Jährigen und einem 27-Jährigen. Der Mann schlug dem Mädchen in der U1 Richtung Uhlandstraße eine Glasflasche gegen den Kopf. Die Jugendliche trug eine blutende Schnittwunde an der Stirn davon und musste in ein Krankenhaus eingeliefert werden.

An der Jannowitzbrücke verprügelten zwei Unbekannte einen 28-Jährigen. Der Mann kam mit Prellungen ins Krankenhaus, konnte dies nach ambulanter Behandlung aber wieder verlassen. Zwei Täter sollen den Mann auf dem U-Bahnsteig mit zahlreichen Faustschlägen traktiert haben.

Eine Gruppe Erwachsener wurde Sonnabend früh gegen 3 Uhr in Charlottenburg angegriffen, als sie die U- Bahnlinie 2 in Richtung Pankow an der Station Zoologischer Garten verlassen hatten. Mehrere Männer schlugen noch auf dem Bahnsteig plötzlich mit ihren Fäusten auf die drei 25-Jährigen ein; diese erlitten leichte Kopfverletzungen, einem 25-Jährigen wurde die Nase gebrochen.

In Wedding wurde ein 24-Jähriger in einer Straßenbahn Opfer eines Raubüberfalls . Jugendliche forderten von ihm am helllichten Tag mit vorgehaltenem Messer Handy und Portemonnaie.

Laut Henkel sind die bekanntgewordenen Übergriffe nur die "Spitze des Eisbergs". Dem rot-roten Senat warf Henkel Versagen vor. Für einen Wahlerfolg im September hat er bereits angekündigt, für mehr Personal bei der Polizei zu sorgen. "Die Gewalt darf nicht den Alltag der Menschen dominieren", betonte der CDU-Politiker.

Nach der Berliner Kriminalstatistik ging die Zahl der Straftaten im öffentlichen Nahverkehr in den vergangenen Jahren zurück. Jeder einzelne Fall sei zweifellos "dramatisch", sagte BVG-Chefin Nikutta zu Morgenpost Online . Auf offener Straße würden aber ebenfalls Menschen zusammengeschlagen. Darüber werde jedoch kaum berichtet, weil die Taten nicht mit Videobildern in den Medien gezeigt werden könnten. Neuerdings gehen BVG-Mitarbeiter wieder gemeinsam mit Polizisten auf Streife, um weitere Gewalttaten im Nahverkehr zu vermeiden.

Senat plant Sicherheitskonzept

Der Senat will nun ein umfassendes Konzept für mehr Sicherheit vorlegen. Das kündigte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit (SPD) in der "Berliner Zeitung" an. An dem Konzept werde "intensiv gearbeitet, im Gespräch mit allen Beteiligten. Es ist klar: Wir brauchen mehr Präsenz auf den Bahnhöfen. Es muss aber auch bezahlbar sein." Laut Wowereit hat es ein "Geschrei" gegeben, "als ich vor Monaten darauf hingewiesen habe, dass der eine oder andere öffentlich diskutierte Vorschlag ohne einen Sicherheitsaufschlag auf die Fahrpreise gar nicht zu finanzieren wäre."

Mehr Sicherheitsmaßnahmen seien notwendig, weil die Hemmschwelle vor allem bei Jugendlichen offenbar gesunken sei. Wowereit: "Besonders furchtbar finde ich diese Sinnlosigkeit. Es geht ja oft nicht darum, eine Geldbörse oder eine Jacke zu klauen, sondern es geht um reine Lust an der Gewalt." Dafür dürfe es keine Entschuldigung geben, etwa das Problem mangelnder Job-Perspektiven. "Auch für Arbeitslose gibt es keine Rechtfertigung, kriminell zu werden", sagte Wowereit.

Er nahm die Berliner Justiz in Schutz, die nach dem brutalen Überfall kurz vor Ostern im Bahnhof Friedrichstraße keine Untersuchungshaft gegen einen Tatverdächtigen angeordnet hatte. "Ich kann nachvollziehen, dass das Opfer und die Eltern sich alleine gelassen fühlten, aber das allein kann nicht das Kriterium eines Rechtsstaates sein", sagte er. Gleichwohl müsse noch mehr getan werden, dass Polizei, Justiz und Behörden "eng kooperieren und schnell handeln".

Alexanderplatz am gefährlichsten

Nach einem Bericht des "Berliner Kurier" (Samstag) ist der Berliner U-Bahnhof mit den meisten Kriminaldelikten die Station Alexanderplatz. 362 Einsätze gab es dort im vergangenen Jahr - darunter 79 Mal wegen Körperverletzungen. Danach rangiert auf der Liste der Brennpunktbahnhöfe das Kottbusser Tor mit 321 registrierten Taten auf Platz zwei, der U-Bahnhof Zoologischer Garten mit 320 Fällen knapp dahinter.

Ein Polizeisprecher sagte, bei dieser Statistik handele es sich lediglich um ein Arbeitspapier mit "statistischen Ungenauigkeiten". Er verwies auf die offizielle Kriminalstatistik der Polizei.

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