Schuldnerberater

Peter Zwegat bekennt sich zu Sarrazin

Der Berliner Peter Zwegat ist Deutschlands bekanntester Schuldnerberater.Morgenpost Online sprach mit ihm über den Erfolg seiner RTL-Sendung, die Sarrazin-Debatte und seine Flucht von Ost nach West.

Foto: Reto Klar

Morgenpost Online: Herr Zwegat, Sie sind in Ost-Berlin geboren und sind 1960 in den Westteil der Stadt geflohen...

Peter Zwegat: Ja, die ganze Familie, bei Nacht und Nebel. Es war der 13. Oktober 1960, knapp ein Jahr vor dem Bau der Mauer. Wir haben in Prenzlauer Berg gewohnt.

Morgenpost Online: Wie haben Ihre Eltern das überhaupt einem Zehnjährigen erklärt?

Peter Zwegat: Dass wir wegmüssen und dass es Ärger gibt. Weil mein Vater ein Grenzgänger war. Er hat im Westen als Dreher gearbeitet und ist von einem Arbeitskollegen angeschwärzt worden. Dessen Ehefrau hat das meiner Mutter gesagt. Meine Eltern haben dann am Abend ein paar Sachen gepackt und dann sind wir los.

Morgenpost Online: Haben Sie das damals verstanden, diese Sache mit Ost und West?

Peter Zwegat: Ja, das war die Zeit, als jeden Tag irgendjemand in den Westen gegangen ist. Auch mein Lieblingslehrer war auf einmal weg. Wir mussten fast alles in der Wohnung lassen. Vier Nächte waren wir im Auffanglager in Marienfelde in einem Achtbettzimmer. Der Vorteil war, dass mein Vater ja schon Arbeit hatte. So waren wir nur ein Jahr in verschiedenen Flüchtlingslagern. Später haben wir in einer Wohnung in Charlottenburg gewohnt.

Morgenpost Online: Da sind Sie Ihren Eltern wohl sehr dankbar, dass sie in den Westen gegangen sind.

Peter Zwegat: Natürlich, das ist doch ein Schweineglück, ein Jahr vor der Mauer. Am 12. August 1961, an dem Abend vor dem Mauerbau, hatten wir Besuch von einer anderen Familie, Freunde meiner Eltern aus Ost-Berlin. Es gab Bierchen und Schnäpschen für die Erwachsenen. Der Herr Barthel arbeitete auch im Westen, wollte aber noch zwei Jahre im Osten bleiben, wollte noch für eine Kneipe sparen. Meine Eltern haben versucht, ihn umzustimmen. Um zehn Uhr sind die nach Hause - und um Mitternacht war die Grenze dicht. Hätten sie sich die Hucke vollgesoffen, wären sie im Westen geblieben.

Morgenpost Online: Wann waren Sie zum ersten Mal wieder im Ostteil?

Peter Zwegat: Nach dem Fall der Mauer. Ich hab mich am Anfang nicht weit reingewagt, weil ich immer dachte, dass sei brandgefährlich.

Morgenpost Online: Sie dachten, dass die Grenzen wieder geschlossen werden?

Peter Zwegat: Ja.

Morgenpost Online: Haben Sie als Kind überhaupt mitbekommen, dass die Stadt geteilt ist?

Peter Zwegat: Früher, als wir noch bei meiner Oma gewohnt haben, in der Nähe des Friedrich-Ludwig-Jahn-Sportplatzes, in der Milastraße an der Schönhauser, war gleich dahinter die Grenze. Ich bin am Sonntag immer rüber mit dem Roller und hab' für meinen Vater unterm Hemd den Sportkurier geschmuggelt, weil da nicht nur der Ostsport drinstand. Kinder wurden von den Vopos nicht durchsucht. Mein Vater war bei meiner Geburt Volkspolizist, ist dann aber wieder Dreher geworden, weil er nicht andere Menschen kontrollieren wollte.

Morgenpost Online: Aus West-Berlin kamen Sie wahrscheinlich nicht jeden Monat raus - und jetzt lernen Sie durch die Sendung ja Deutschland kennen wie kaum jemand sonst.

Peter Zwegat: Ja, aber außer Rathäuser und Hotels sehe ich nicht viel. Ich war zichmal in Köln und hab' es einmal mit meiner Frau in den Dom geschafft.

Morgenpost Online: Ist Überschuldung eigentlich ein Unterschichtenproblem? Das denkt man, wenn man ihre Sendung guckt.

Peter Zwegat: Überschuldung zieht sich durch alle Schichten. Unterschicht ist häufiger zu sehen, weil sich die Mittelschicht oft nicht in die Sendung traut. Geld, was man nicht hat, gehört zu den letzten Tabu-Themen. Man spricht mit fremden Menschen eher über Sexualität als übers Gehalt.

Morgenpost Online: Haben Sie das Buch von Thilo Sarrazin gelesen?

Peter Zwegat: Nee. Ich bin noch nicht dazu gekommen, es mir zu kaufen. Die Debatte um Thilo Sarrazin finde ich natürlich furchtbar - und furchtbar ungerecht. Es ist hanebüchen, wie viel Dummheit und Ignoranz bei vielen Politikern vorhanden ist.

Berliner Illustrierte Zeitung: In welchen Thesen würden Sie Sarrazin denn folgen?

Peter Zwegat: Es gibt schon eine bestimmte Schicht, die sich der Integration verweigert, und das müsste von der Politik stärker eingefordert werden. Ich bin doch seit Jahr und Tag in Brennpunkten unterwegs. Da muss man doch nur mal durchgehen. Und wenn ich die ganzen anderen Heinis sehe, die sich jetzt oberschlau zu Wort melden, dann kommt mir nur noch die Galle hoch.

Morgenpost Online: Schon früher hat Sarrazin seine Meinung überspitzt formuliert, zum Beispiel als er sagte, dass es keine Stadt gibt, in der so viele Menschen in Jogginghosen rumschlurfen wie in Berlin.

Peter Zwegat: Aber es ist so. Ich fahre im Moment relativ wenig U-Bahn. Aber wenn ich nachts am Hermannplatz umgestiegen bin, hat es mich oft genug geschüttelt. Bevor ich Fernsehen gemacht habe, habe ich auch Fortbildung gemacht, einmal im Monat Schulklassen besucht. Es gab Berufsschulen, in Friedrichshain oder Kreuzberg, in denen ich 20 Minuten gebraucht habe, um die 20-Jährigen in den Klassenraum zu kriegen. In einem Fall in der Sendung, in dem der Schlussdreh noch aussteht, kann ich mir heute schon ausrechnen, wie das wird. Das sind ein 24-jähriger Mann und eine 21-jährige junge Frau mit russischem Auswandererhintergrund. Wenn die Frau 33 ist, wird sie vier Kinder von drei verschiedenen Männern und keine Ausbildung haben. Und er wird nicht für ein Kind Unterhalt gezahlt haben. Das ist der Hartz-IV-Empfänger, der uns von heute an für den Rest seines Lebens begleitet. Dies müsste man eigentlich ändern. Das Fördern fehlt ja da. Und das ist mit Sicherheit das, was Sarrazin meinte. Die 21-Jährige konnte nicht zusammenrechnen, wie viel 1,65 und 1,35 sind. Die musste den Taschenrechner holen und noch fünf Minuten überlegen. Wie soll sie denn mal ihren Kindern in der Schule helfen? Das heißt, sie hat dann Kinder, die selber in Armut und in der unteren Schicht groß werden, die aber übermorgen neidisch sind auf die Turnschuhe, die ihr Nachbarssohn an hat und vielleicht versuchen werden, die abzuzocken. So lange wir so tun, als würde es das nicht geben, so lange wir denen nicht helfen, wird das neue Proletariat immer größer. Also Proletariat nicht im Sinne von Arbeiterklasse, sondern im Sinne von Prekariat. Nichts anderes wollte Sarrazin glaub' ich anregen. Leute wie Cem Özdemir (Parteivorsitzender der Grünen, Anmerkung der Redaktion) haben doch gar nicht begriffen, worum es geht. Manchmal muss man sich auch für höhere Klassen Fremdschämen.

Morgenpost Online: Haben Sie die Finanzkrise vorausgesehen?

Peter Zwegat: Nein, ich bin ja kein Wirtschaftsweiser.

Morgenpost Online: Und wenn jetzt der nächste Regierende Bürgermeister von Berlin nach der Wahl 2012 zu Ihnen kommt und sagt: Ich brauche dich als Finanzsenator!

Peter Zwegat: Nein.

Morgenpost Online: Das müssen Sie ja jetzt sagen, alles andere wäre kokett.

Peter Zwegat: Nein, ich bin 60 Jahre alt und kein Politiker und will gar nicht Finanzsenator sein.

Morgenpost Online: Sie trauen sich nicht zu, Berlin finanziell zu sanieren?

Peter Zwegat: Nein, weil es eine Vielzahl von Zusammenhängen gibt, die ich nicht durchschaue.

Morgenpost Online: Aber Sie hätten doch Leute, die Ihnen zuarbeiten. Sie müssten doch nur den Haushalt neu berechnen und sparen.

Peter Zwegat: Nein, so einfach funktioniert Politik nicht.

Morgenpost Online: Bei RTL sind Sie der seriöseste Mann. Dort tummeln sich ja sonst vor allem Leute wie Dieter Bohlen.

Peter Zwegat: Das ehrt mich, wenn Sie das so sagen. Ich sehe aber auch gern Günther Jauch und Peter Klöppel.

Morgenpost Online: Sie haben mal gesagt: "Ich bin stolz darauf, dass meine Sendung bei RTL läuft und das es mir gelungen ist, dort Bildungsfernsehen zu machen."

Peter Zwegat: Ja, auf hohem Niveau.

Morgenpost Online: Aber das heißt doch auch: RTL finde ich eigentlich nicht so gut.

Peter Zwegat: Nee, heißt das nicht. Es ist ja eher der Sender, dem man Bildungsfernsehen eigentlich nicht zutraut. Bei arte würden vier bis fünf Zuschauer nachts um halb drei zusehen. Zugetraut und gewünscht hätte ich mir eine Sendung über Schulden aber eher von ARD oder ZDF. Ich wollte eigentlich Informationsfernsehen machen, also einmal in der Woche fünf Minuten zum Thema Schulden im Frühstücksfernsehen.

Morgenpost Online: Was halten Sie von Ihrem Kollegen Christian Rach?

Peter Zwegat: Find ich sehr nett. Ich durfte ihn kennenlernen und mich nett mit ihm unterhalten. "Der Restauranttester" gefällt mir sehr gut, gucke ich hin und wieder. Die aktuelle Sendung finde ich nicht so gut.

Morgenpost Online: Eigentlich arbeitet der Sternekoch Christian Rach doch in der gleichen Branche wie Sie.

Peter Zwegat: Nein. Er zeigt Restaurantbesitzern, wie man sich verbessern kann, handwerklich und wirtschaftlich. Während es bei mir um alle menschlichen und sozialen Bereiche geht.

Morgenpost Online: Ich meinte: Sie und Rach helfen Menschen, die im besten Fall lethargisch sind und im Schlechtesten ganz unten, kaum noch Selbstwertgefühl haben.

Peter Zwegat: Passiert häufig, ja. Ich hatte auch schon Menschen mit Restaurants.

Morgenpost Online: Ist Deutschland eigentlich ein Land, in dem sich zu viele Menschen aufgeben?

Peter Zwegat: Nein. Die Deutschen sind doch noch relativ vorsichtig im internationalen Vergleich. Jeder zweite Haushalt bei uns ist verschuldet. Aus dieser normalen Verschuldung, zum Beispiel wenn ein Auto abgezahlt wird, kann Überschuldung werden. Davon sind in Deutschland 4,5 bis 5 Millionen Haushalte betroffen. Zum Zeitpunkt der Wende waren es in Westdeutschland 400 000. Kurz nach der Wende waren es dann schon 1,2 Millionen, davon 800 000 im Westen, also eine Verdoppelung. 1995/96 waren wir schon bei über zwei Millionen. 2004 haben wir die drei Millionen geknackt.

Morgenpost Online: Schauen Sie sich Ihre Sendungen eigentlich später immer wieder an?

Peter Zwegat: Nein. Ich bin nicht eitel. Aber nächstes Jahr wird es die nächste Staffel geben, dann werden wir in der vierten oder fünften Folge Jubiläum haben: 100 Folgen. Und Folge 100 heißt - weil die Quote bei bis zu fünf Millionen pro Sendung liegt - 500 Millionen Zuschauer. Da kann man doch stolz drauf sein.