Integration

Migranten warten monatelang auf Deutschkurse

Aufgrund der Sparmaßnahmen der Volkshochschulen werden zunehmend Migranten, die einen Deutschkurs machen wollen, vertröstet. Häufig kommen sie gar nicht wieder.

Foto: Massimo Rodari

Hunderte Migranten, die sich jetzt in Berlin freiwillig für einen Deutschkurs anmelden, müssen auf das nächste Jahr vertröstet werden. Grund sind Kürzungen der Gelder des Bundesamtes für Migration für die Volkshochschulen, die die Sprachkurse anbieten. Zwar wurden die Summen für Integrationskurse im Bundesamt insgesamt aufgestockt, doch das Geld reicht nicht aus, um das Angebot in bewährter Praxis und Qualität aufrecht zu erhalten. Weil das Budget zum Ende des Jahres knapp wird, sollen vorläufig nur noch die Pflichtkurse für Zuwanderer durchgeführt werden, heißt es in einem aktuellen Rundschreiben des Bundesamtes. Alle Teilnehmer, die sich freiwillig melden, müssen drei Monate warten oder selbst zahlen. Verpflichtet zum Lernen der deutschen Sprache werden nach dem Integrationsgesetz neue Zuwanderer und jene, die ihren Arbeitsplatz verlieren und nach Auffassung der Arbeitsagentur integrationsbedürftig sind.

Abgewiesene kommen nicht wieder

In dieser Woche haben die Anmeldungen zum Wintersemester an den Volkshochschulen begonnen. „Wir rechnen nach dem Ramadan in der kommenden Woche mit einem großen Ansturm“, sagt Bernd Müller, Leiter der Volkshochschule Neukölln. Im vergangenen Jahr wurden allein in Neukölln 523 Sprachkurse mit 6347 Teilnehmern veranstaltet. Damit ist die Volkshochschule Neukölln bundesweit der größte Anbieter von Deutschkursen für Migranten. Etwa die Hälfte der Teilnehmer sei freiwillig da, sagt Müller. Die müssten nun wieder nach Hause geschickt werden oder die Kosten selbst tragen.

Die Kurse würden zwar vom Land subventioniert, seien aber mit 110 Euro für 100 Unterrichtsstunden für viele Einwanderer immer noch zu teuer. „Für viele Migranten ist es ein schwieriger Weg, bis sie überhaupt in die Volkshochschule finden. Wenn wir diejenigen wieder wegschicken, kommen sie möglicherweise nie wieder“, sagt Müller. In ganz Berlin sind Schätzungen zufolge etwa 1000 Migranten von den Einsparungen betroffen.

„Die auferlegte Wartefrist ist absolut kontraproduktiv und widerspricht allen Bemühungen zur Integration“, sagt Franziska Giffey (SPD), Bildungsstadträtin von Neukölln, die am 1. September ihr Amt aufgenommen hat. „Wir hoffen sehr, dass die Regelung durch das Bundesamt zu Beginn nächsten Jahres wieder rückgängig gemacht wird“, so Giffey. Die Nachfrage nach den Kursen sei in Neukölln sehr groß.

Erst am Mittwoch hatte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) kritisiert, dass 30 Prozent der Migranten keine Deutschkurse absolvieren und integrationsunwillig seien. „Angesichts dieser Debatte ist die neue Regelung durch das Bundesamt nicht nachvollziehbar“, sagt Müller. „Wer Spracherwerb fordert, darf die Schultüren nicht vernageln. Migranten, die Deutsch lernen wollen, müssen umgehend hochwertige Angebote
erhalten“, sagte auch die SPD-Bundestagsabgeordnete Daniela Kolbe angesichts des Rundschreibens an die Träger der Deutschkurse.

Einschränkungen sind nur vorübergehend

Beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge geht man davon aus, dass die Einschränkungen nur vorübergehend sind, sagte ein Sprecher gestern. Zwar sei das Budget für 2011 noch nicht vom Parlament beschlossen, aber der Haushaltsansatz von diesem Jahr soll auf jeden Fall in vollem Umfang erhalten bleiben.

Nicht betroffen von den Beschränkungen sind die sogenannten Mütterkurse, die vom Land Berlin finanziert werden. Die Volkshochschulen führen die Kurse für Eltern an Kindertagesstätten und Grundschulen durch. Das Interesse ist auch hier groß. In Neukölln gab es im vergangenen Jahr etwa 2000 Teilnehmer an den 140 Kursen. In diesem Jahr wird das Angebot erweitert. Vom Land gab es für Neukölln zusätzlich 37000 Euro. Damit können etwa fünf weitere Schulen oder Kitas in das Programm aufgenommen werden.