Umfrage

Berliner Grüne stärker als CDU und SPD

Würde der Regierende Bürgermeister von Berlin direkt gewählt, dann bekäme die Grüne Renate Künast die Hälfte aller Stimmen in Westberlin. Und im Abgeordnetenhaus würden die Grünen, wären jetzt Wahlen, die klar größte Fraktion stellen.

Klaus Wowereit hat eigentlich nichts Gravierendes falsch gemacht. Weiterhin ist fast jeder zweite Berliner mit seiner Arbeit zufrieden. Und dass die andere Hälfte die Arbeit des Regierenden Bürgermeisters negativ bewertet, ist im BerlinTrend der Berliner Morgenpost und der „RBB-Abendschau“ auch schon lange so. Auch im eigenen Lager halten die SPD-Anhänger ein Jahr vor den Wahlen zum Abgeordnetenhaus unverändert zu ihrem Spitzenmann. Drei Viertel zeigen sich zufrieden.

Dennoch taugt Wowereit offenbar nicht mehr als Zugpferd, um seine Partei an die erste Position im politischen Spektrum zu hieven. Die SPD liegt im September 2010 mit 24 Prozent zum ersten Mal in einer Umfrage deutlich hinter den Grünen mit 28 Prozent. Auch die CDU, die im Juni mit 25 Prozent gleich stark war wie die Sozialdemokraten, liegt mit nun 22 Prozent immer noch in Schlagweite.

Offenbar herrscht in der Wählerschaft nach zehn Jahren Wowereit ein gewisser Überdruss. Das zeigen auch die Ergebnisse, wenn sich die Menschen zwischen Wowereit und einer möglichen grünen Spitzenkandidatin Renate Künast für den Posten des Senatschefs entscheiden sollen. Seit einem halben Jahr verliert Wowereit in diesem Vergleich an Boden. Inzwischen liegt er deutlich hinter Künast. 43 Prozent würden bei einer – nicht möglichen – Direktwahl des Regierenden Bürgermeisters Künast wählen, 37 Prozent Wowereit. Nur bei den jüngsten Wählern zwischen 18 und 24 Jahren liegt er mit 46 zu 37 Prozent deutlich in Front. Bei den Jüngeren hat Ex-Bundesministerin Künast offenbar noch ein Bekanntheits-Problem. Denn ihre Partei bekommt bei den Jungwählern anders als sie persönlich mehr Zustimmung als Wowereits SPD. Außerdem ist die Stadt in der Direktwahl-Frage gespalten: Im Westen sind 50 Prozent für Künast, ein Drittel für Wowereit. Im Ostteil ist das Bild genau umgekehrt.

Wowereits Senatoren haben Sympathieproblem

Aber der BerlinTrend, für den Infratest dimap vom 3. bis 6. September 1000 wahlberechtigte Berliner per Telefon befragte, offenbart eine bisher unbekannte Schwäche der SPD. Ihre wichtigsten Senatoren verlieren an Sympathie. Zwar zeigten sich die Befragten – wie stets im Herbst – in der Bewertung der wichtigsten Landespolitiker generell kritischer als im Frühjahr und Sommer. Aber die Verluste bei einem Sozialdemokraten fallen besonders auf: Jürgen Zöllner, von Wowereit als Hoffnungsträger und Super-Senator für Bildung und Wissenschaft in den Senat geholt, sackte ab. Nur 18 Prozent der Befragten, das sind acht Punkte weniger als vor drei Monaten, zeigen sich mit Zöllners Arbeit zufrieden. 39 Prozent – fünf Punkte mehr als im Juni – sind unzufrieden. Damit bildet sich der Frust über den Lehrermangel zum Schulanfang und der Ärger über den holprigen Start der Einstein-Stiftung samt der Besetzung des Büroleiter-Postens mit Zöllners Lebensgefährtin deutlich in den Zahlen ab. Zöllner ist der Politiker, bei dem die negative Bewertung die positive Einschätzung am deutlichsten übersteigt. Und: Auch die Wähler der SPD sehen das Wirken des aus Rheinland-Pfalz gekommenen Professors inzwischen negativ.

Weil zeitgleich auch die Zufriedenheit mit Innensenator Ehrhart Körting zurückging und Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer auf mäßigem Niveau auf der Stelle tritt, fehlen Wowereit beliebte und zukunftstaugliche Gesichter, um für die kommenden Monate Aufbruchstimmung im Vorwahlkampf zu vermitteln. Auch Finanzsenator Ulrich Nußbaum büßte an Sympathien ein, bleibt aber immer noch in der Gesamtbetrachtung der Berliner, die ihn kennen, positiv. Als Hoffnungsträger für die SPD taugt der parteilose Unternehmer jedoch kaum.

Oppositionspolitiker sind zu unbekannt

Auch die beiden Spitzenleute der Linken werden vom allgemeinen Abwärtssog erfasst und verlieren in der Sicht der Befragten. Dennoch halten immer noch mehr Berliner die Arbeit von Wirtschaftssenator Harald Wolf für gut als für schlecht. Bei Sozialsenatorin Carola Bluhm ist die Lage umgekehrt.

Die Umfrage macht aber auch deutlich, wie stark die Opposition auf Personen von außen angewiesen ist, um Wowereit ablösen zu können. Grünen-Fraktionschef Volker Ratzmann ist vier von fünf Berlinern nicht bekannt und wird von denen, die ihn kennen, eher neutral bewertet. Der CDU-Landes- und Fraktionsvorsitzende Frank Henkel verliert fast ebenso viel an Zustimmung wie die SPD-Senatoren und wird deutlich negativ gesehen. FDP-Chef Christoph Meyer verschwindet fast unter der Wahrnehmungsgrenze.

Dass die Grünen jedoch in der Sonntagsfrage so gut abschneiden, liegt auch an der demografischen Entwicklung der Stadt. Denn die zumeist gut qualifizierten Zuzügler wählen überproportional häufig Grün. Das zeigen auch die Daten: In der Gruppe der am höchsten qualifizierten Berliner, die über Abitur oder Hochschulabschluss verfügen, sind die Grünen mit 37 Prozent doppelt so stark wie jede andere Partei. Es folgen Linke und SPD mit je 19 Prozent vor der CDU mit 17 Prozent und der FDP mit vier Prozent. Je geringer der Bildungsgrad, umso niedriger die Zustimmung zu den Grünen. Wähler mit mittlerem Abschluss stimmen zu 23 Prozent für sie, Menschen mit Hauptschulbildung nur noch zu elf Prozent. In dieser Gruppe liegen die Sozialdemokraten mit 34 Prozent klar vorne. Noch ist aber nichts entschieden für die Wahl im September 2011: Ein Drittel der Befragten gab an, unentschlossen zu sein oder ihre Stimme nicht abgeben zu wollen.

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