Psychogramm

Thilo Sarrazin ist ein Missionar, kein Provokateur

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Joachim Fahrun
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SPD-Kreisverband für Ausschluss

Nach dem Antrag der Bundesbank zur Abberufung ihres Vorstandsmitglieds Thilo Sarrazin gerät dieser auch in seiner Partei immer stärker unter Druck. Der Berliner SPD-Kreisverband Charlottenburg-Wilmersdorf beschloss am Donnerstagabend ein Parteiausschlussverfahren gegen Sarrazin.

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Er soll gehen - Bundesbank und SPD wollen Thilo Sarrazin loswerden. Wie konnte es dazu kommen? Tasächlich ist Sarrazin kein bloßer Provokateur. Er ist ein Getriebener in seiner Sorge um das Land. Darum kann er nicht schweigen.

Im Berliner Senat haben sie ein schlechtes Gewissen. Schließlich waren es Klaus Wowereit und die Politiker von SPD und Linker, die im Verein mit den Kollegen aus Brandenburg Thilo Sarrazin für den honorigen Posten des Bundesbank-Vorstandes nominierten. „Wir hätten es lassen sollen“, sagte Wirtschaftssenator Harald Wolf. Dann wären die völkisch-genetisch aufgeladenen Thesen des ehemaligen Berliner Finanzsenators über die Integrationsunfähigkeit muslimischer Einwanderer nicht durch den Resonanzboden der angesehenen Notenbank verstärkt worden. „Wir hatten uns nicht vorstellen können, was passiert ist“, räumte Wolf ein. Sie waren davon ausgegangen, dass er die Spielregeln kenne und sich nicht zu allem und jedem äußern würde. „Als er nominiert wurde, gab es überhaupt keinen Zweifel an seinen Qualifikationen“, sagte der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit.

Nun hat der Vorstand der Bundesbank beschlossen, den von Berlin und Brandenburg entsandten Kollegen abzuberufen. Bundesbank-Chef Axel Weber darf sich bestätigt fühlen: Er hatte sich stets dagegen gewehrt, den unberechenbaren Sarrazin aufzunehmen. Von Anfang an übertrug er ihm unbedeutende Vorstandsbereiche. So hatte der Neue viel Zeit.

Sarrazin hat seine Kollegen bis zuletzt genervt. Auch am Donnerstag weigerte er sich, dem Druck nachzugeben und seinen Hut zu nehmen. Noch am Mittwoch hatte Sarrazin ernsthaft darüber nachgedacht, ob er den Konflikt aushält. Nun hat er sich entschieden. Freiwillig geht er nicht. Seine Kollegen müssen den juristisch heiklen Weg der Abberufung beschreiten.

Nach einem kurzen Zweifel tritt da wieder der bekannte Sarrazin zutage – stur, aber auch unbeugsam, notfalls bis über die Schmerzgrenze. Dass Sarrazin seinen Arbeitgeber und in letzter Konsequenz auch den Bundespräsidenten zu diesem bislang in der Bundesbank-Geschichte einmaligen Schluss zwingt, legt nahe, dass Sarrazin sich mit juristischen Mitteln gegen seinen Rauswurf wehren wird. Am Donnerstag war er nicht zu sprechen. Aber wer ihn kennt, weiß: Sarrazin wird sich nicht, und so empfindet er es, von einer politischen Klasse, die den Kontakt zur Wirklichkeit verloren hat, aus dem Amt jagen lassen.

Denn Sarrazin ist nicht nur ein Provokateur, der für einen lockeren Spruch auch Ärger riskiert. Er ist auch ein Getriebener. Die Sorge um das Land, so, wie er es für verteidigenswert hält, lässt ihm keine Ruhe. Deswegen kann er nicht schweigen und Missstände, die er wahrnimmt, einfach hinnehmen. Missionarischen Eifer bescheinigen ihm Parteifreunde. Lust an der Provokation sei das eine. Aber vor allem strebe Sarrazin danach, mit seinem nach eigener Einschätzung überlegenen Intellekt andere dazu zu bringen, das zu tun, was er für richtig hält. Dabei hat gerade der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit von der unerschrockenen Ehrlichkeit des heute 65 Jahre alten Ökonomen profitiert, seit er den nach einigen Monaten im Vorstand der Netz AG der Deutschen Bahn beschäftigungslosen Ex-Spitzenbeamten als Finanzsenator in seinen ersten rot-roten Senat holte. Jahrelang gab der dickfellige Sarrazin Wowereits Blitzableiter.

Nach seinem Buch über die Zusammenhänge von sozialstaatlichen Fehlanreizen, sinkender Geburtenrate, Bildungsmisere, muslimischer Einwanderung und den Aussagen zu jüdischen Genen erfährt Sarrazin erstmals, wohin sein stoisches Beharren führen kann: Der Staat, dem er als Beamter und Politiker treu diente, hat ihn geächtet, lässt ihn fallen.

Dass Sarrazin schon vor dem Vollzug des Rauswurfes angeschlagen war, wurde am Mittwochabend vor einem Millionenpublikum in der TV-Sendung „Hart aber fair“ deutlich. „Was an psychischem Druck auf mir lastet, ist beachtlich. Das halten viele Menschen nicht aus“, sagte er in ungewohnter Offenheit. Er räumte auch ein, seine im Interview mit dieser Zeitung gefallene Aussage, alle Juden teilten ein bestimmtes Gen, sei ein „Riesenunfug, den ich extrem bedauere“. So zerknirscht kannte man den überaus selbstsicheren Doktor der Ökonomie noch nicht.

Aber das Büßerhemd verfehlte den Eindruck in der Frankfurter Führungsetage. Dort waren die Notenbanker schon vorher nicht gut auf ihn zu sprechen. Zu oft hatte sich Sarrazin halböffentlich über die angeblich mangelnde Qualifikation und Kompetenz der Kollegen ausgelassen.

Sarrazin tendiert dazu, alles besser zu wissen, sagen Leute, die lange mit ihm zusammengearbeitet haben.

Seine penetranten Wiederholungen von echten oder vermeintlichen Tatsachen, gepaart mit einer extremen Zahlen- und Statistikgläubigkeit, machten ihn innerhalb weniger Jahre zu einem exzellenten Finanzsenator. Man musste schon unerschrocken sein, um den Berlinern zwischen 2002 und 2004 in unzähligen Vorträgen vor bunten Folien klarzumachen, sie lebten radikal über ihre Verhältnisse, gäben zu viel Geld aus und müssten sich auch mal mit anderen messen lassen.

Fachfremde Themen

Aber mit der Niederlage Berlins bei der Klage auf Sanierungsmilliarden des Bundes vor dem Bundesverfassungsgericht wusste Sarrazin, dass seine Mission, die Finanzen der deutschen Hauptstadt dauerhaft in Ordnung zu bringen, nicht mehr zu realisieren ist. Zunehmend verlegte er sich auf fachfremde Themen und machte sich auf den Weg, der nun im Rauswurf bei der Bundesbank und im Parteiordnungsverfahren seiner SPD endet. Mal entwarf er, noch ganz Fachmann, ein neues Steuersystem für Deutschland. Dann verkündete er, bayerische Schüler ohne Abschluss wüssten immer noch mehr als Berlins Schüler mit Abschluss. Später riet er, gegen steigende Heizkosten doch einfach mal einen Pullover anzuziehen. Stets bezog er für solche Sprüche öffentlich Prügel, entschuldigte sich ein bisschen, blieb aber bei seiner Meinung und musste keine Sanktionen hinnehmen.

Ein entscheidender Schritt auf seinem Weg war sein im Selbstversuch erprobter Speiseplan auf Hartz-IV-Niveau. Das erste Mal fragten Verlage an, ob er nicht ein Buch schreiben wolle. Das schmeichelte Sarrazins Eitelkeit. Später kam er auf die Angebote zurück. Nur trieb es ihn, wie es sich für einen Mann seines Anspruches gehört, nicht nur über Hartz IV schreiben, sondern er muss nichts weniger als ein Szenario für die Rettung Deutschlands entwerfen. Kleiner geht es nicht bei Thilo Sarrazin, der so lange als Beamter in der zweiten Reihe arbeitete und dabei etwa dem damaligen Finanzminister Theo Waigel erklärte, wie die deutsch-deutsche Währungsunion zu laufen habe.

In seinem letzten Hintergrundgespräch als Finanzsenator vor seinem Wechsel zur Bundesbank sagte Sarrazin im Kern schon Ende 2008, was jetzt für Aufregung sorgt: Die Unterschicht wächst, die bildungsfernen Migranten bekommen zu viele Kinder, Deutschland verliert im globalen Wettbewerb an Boden. Es folgte das „Lettre“-Interview, in dem er „Kopftuchmädchen“ und fehlenden ökonomischen Nutzen muslimischer Zuwanderer beklagte. In seinem Buch kamen streitige Thesen über die Erblichkeit von Intelligenz hinzu. Damit hat der Missionar die Plattform, die ihm Aufmerksamkeit sichert, zu stark belastet. Wowereit kommentierte das Karriereende seines Ex-Senators lakonisch: „Jeder hat in seinem Beruf die Aufgabe, seine Institution nicht zu beschädigen.“