Unfallstatistik

In Berlin leben Radfahrer gefährlich

Die Zahl der Verkehrsunfälle ist in Berlin insgesamt rückläufig. Das belegt die aktuelle Statistik, die Verkehrssenatorin Junge-Reyer vorgelegt hat. Doch immer öfter sind Radfahrer unter den Opfern.

„In Rummelsburg übersah eine Autofahrerin einen Radfahrer. Der 24 Jahre alte Mountainbiker überquerte gegen 19 Uhr die Rosenfelder Straße bei Grün, als ihn die 50-jährige Fahrerin eines Chevrolets erfasste. Der 24-Jährige kam mit schweren Kopfverletzungen in eine Klinik.“ Meldungen wie diese, in denen Fahrradfahrer in Unfälle verwickelt sind, verbreitet die Polizei nahezu täglich. Verkehrsexperten überrascht das nicht: Wie aus dem Verkehrssicherheitsbericht 2010 hervorgeht, den Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD) am Freitag vorlegte, sind zwar Berlins Straßen seit Einführung der Unfallstatistik Anfang der 50er-Jahre noch nie so sicher gewesen wie heute. Doch die in diesem Jahr erstmals vorgelegte „Sonderuntersuchung Radverkehrsunfälle“ zeigt auch, dass die insgesamt erfreuliche Entwicklung nicht für alle Verkehrsteilnehmer gleichermaßen gilt.

Die Anzahl der verunglückten Personen nahm nach Angaben des Berichts im Vergleich zum Vorjahr 2008 deutlich ab. Wurden im Vorjahr insgesamt noch 17.833 Menschen bei Unfällen verletzt, waren es 2009 mit 16.325 rund fünf Prozent weniger. Auch die Zahl der Schwerverletzten (2008: 1828, 2009: 1752) und der Toten ist rückläufig: 48 Menschen wurden 2009 getötet – 2008 waren es noch 55. „Im bundesweiten Vergleich hat Berlin, gemessen an der Einwohnerzahl, mit 48 Toten den niedrigsten Wert“, so die Verkehrssenatorin.

Die differenzierte Betrachtung zeigt jedoch enorme Unterschiede. So sank in diesem Zeitraum die Zahl der in Unfälle verwickelten Autofahrer um 13 Prozent, der Mitfahrer um 11 Prozent und der Fußgänger um 7 Prozent. Hingegen ist ein Anstieg bei Motorradfahrern (plus 21 Prozent) und bei Radfahrern (plus 19 Prozent) zu verzeichnen. Die Gründe dafür sind laut Verkehrssenatorin Junge-Reyer jedoch vor allem in einem eigentlich positiven Trend zu suchen: „Wenn man bedenkt, dass in diesem Zeitraum der Radverkehr insgesamt um 30 Prozent gestiegen ist, ist der Anteil von Unfällen mit Fahrrädern ebenfalls rückläufig.“

Nicht alle halten sich an die Regeln

Die Unfallanalyse zeige jedoch, so Junge-Reyer, dass weiter Handlungsbedarf bestehe: „Ein erheblicher Teil der Unfälle passiert, weil sich Radfahrer, Fußgänger aber auch Autofahrer und Motorradfahrer nicht an die Regeln halten.“ Die Verbesserung des Verkehrsverhaltens stehe deshalb im Vordergrund der Bemühungen. Zu den Risikogruppen zählen weiterhin besonders Kinder und ältere Leute sowie Autofahrer zwischen 18 und 25 Jahren.

Bei den Unfällen von Fahrradfahrern sei vor allem das Fahren auf dem Gehweg oder in falscher Richtung auf Radwegen eine Hauptursache. Laut Bericht waren bei 49 Prozent der insgesamt mehr als 33.000 zwischen 2004 und 2008 erfassten Vorfälle mit Radfahrerbeteiligung die Radler selber die Verursacher. Das gilt insbesondere für Unfälle mit tödlichem Ausgang: Von den 52 in diesem Zeitraum erfassten tödlichen Vorfällen waren in 35 Fällen die Radfahrer die Verursacher.

Bei 51 Prozent aller Verkehrsunfälle dominierten Fahrfehler von Autofahrern wie etwa falsches Abbiegen (34 Prozent), Vorfahrtfehler (16 Prozent) sowie das unachtsame Öffnen der Autotüren (13 Prozent). Die restlichen 37 Prozent verteilen sich auf Ursachen wie Fehler beim Wenden, geringer Sicherheitsabstand, Rückwärtsfahren und anderes.

Dagegen spielen die häufig zu beobachtenden Rotlichtverstöße von Radfahrern in der Unfallstatistik kaum eine Rolle – anders als bei Fußgängern, bei denen das Missachten roter Ampeln eine wesentliche Unfallursache ist.

Die Fahrradunfälle waren nicht gleichmäßig über die Stadt verteilt. Die mit Abstand meisten Unfälle (3012) ereigneten sich im Alt-Bezirk Mitte. Prenzlauer Berg, Charlottenburg und Kreuzberg folgten mit jeweils rund 2000. Um die Fahrsicherheit für Radler zu erhöhen, bietet der Allgemeine Deutsche Fahrrad-Club (ADFC) in diesem Jahr erstmals Fahrradkurse speziell für ältere Menschen an. „Die Kurse starten im September und sollen dafür sorgen, dass sich ältere Menschen wieder auf die Straße trauen“, so die Berliner Landesvorsitzende Sarah Stark.

Doch nicht nur das leichtsinnige Verhalten der Radfahrer verursacht Unfälle. Auch zu schnelles Fahren sowie unzureichender Abstand im Autoverkehr gehören zu den Hauptunfallursachen. Von 2008 auf 2009 sind Unfälle wegen zu hoher Geschwindigkeit um 30 Prozent gestiegen. „Wir werden mit der Polizei deshalb über verstärkte Geschwindigkeitskontrollen reden“, so die Senatorin. Auch das Aufstellen von weiteren „Schwarzen Blitzern“ sei möglich.

Dorette König vom ADAC führt den Anstieg der Zahl von Rasern nicht nur auf das Fehlverhalten der Autofahrer zurück: „Es gibt immer mehr Tempo-30-Zonen, teils mit verwirrenden Regelungen für bestimmte Uhrzeiten“, sagte sie. „Das wirkt sich auf die Häufigkeit von Geschwindigkeitsübertretungen aus.“

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