Pariser Platz

Bundespräsident diniert am Tor mit Bürgern

Bundespräsident Christian Wulff und seine Frau Bettina haben mit 1500 Bürgern am Brandenburger Tor an der "Tafel der Demokratie" gespeist. Auch Morgenpost-Leser waren dabei. Die Gespräche drehten sich um die Mauer in den Köpfen, das Stadtschloss und auch Brötchen.

Drei Minuten hatte Marlies Wagner, um dem Bundespräsidenten Christian Wulff noch einmal genau ihr Anliegen zu erklären. Die 62 Jahre alte Frau aus Moabit stand auf dem Pariser Platz, fasst den Präsidenten leicht am Arm und erklärte ihm das mit der Mauer in den Köpfen – ein Thema, dass er selbst erst angesprochen hat. „Warum müssen denn immer noch alle möglichen Statistiken in Ost und West eingeteilt werden.“ Gerade in Berlin, sagte sie ihm, sei doch einer Einteilung in Reinickendorf und Steglitz und Treptow viel sinnvoller. Er stimmte ihr zu und erzählte ihr von seinen Erfahrungen mit den Schwaben in Prenzlauer Berg.

Fast hatte man das Gefühl, da redeten zwei Berliner miteinander, doch der Bundespräsident, der als Ehrengast an der „Tafel der Demokratie“ am Brandenburger traditionell größere Nähe zu den Bürgern aufbauen will, ist eigentlich gebürtiger Niedersachse und erst seit neuestem polizeilich gemeldet in Berlin. Dieser Abend auf dem Pariser Platz war für ihn und seine Frau eine Möglichkeit, innerhalb seines Amtes auf Tuchfühlung mit deutschen Bürgern zu gehen. Die insgesamt 1500 geladenen Gäste kamen aus ganz Deutschland und wurden auf dem Pariser Platz verteilt. Genau 50 Plätze waren über die Berliner Morgenpost vergeben worden – was 50 Berlinern an diesem Abend die Gelegenheit gab, den Bundespräsidenten und seine Gattin, aber auch andere Leser kennen zu lernen.

"Wie hat Hertha gespielt?"

Der 74 Jahre alte Manfred Balcerowski aus Tegel, der durch seine Frau Gisela an den Platz gekommen war, zeigte sich besonders interessiert an den neuen Mobiltelefon der anderen um einige Jahre jüngeren Tafel-Teilnehmer, die um ihn herum saßen. „Können Sie mir vielleicht sagen, wie Hertha gespielt hat“, wollte er wissen. „Das Spiel müsste ja jetzt aus sein.“ Sebastian Lister aus Prenzlauer Berg tippte auf seinem Mobiltelefon herum und schon hatte der 32-Jährige die Antwort: Das Spiel gegen Rot-Weiß Oberhausen ist 3:2 ausgegangen, verkündete er. Dann konzentrierten sich erst einmal wieder alle auf das Essen.

Als Vorspeise wurde mit „Berliner Sülze vom Saalower Kräuterschwein mit Gewürzgurken“ eine lokale Spezialität als Vorspeise serviert. Dafür hatten die Köche des Hotels Adlon unter anderem 250 Kilogramm gepökeltes Eisbein, 45 Kilogramm Gewürzgurken, acht Liter Weißwein und zwei Kilo Zucker verkocht. Das Urteil der Berliner war eher nüchtern. „Etwas Salz hätte es schon noch vertragen können“, sagte eine Frau, die trotz mehreren Jahren in Berlin noch immer einen fränkischen Akzent hat. Die Langzeit-Berliner aber lobten die Sülze, hatten sich aber bei den Brötchen mehr Auswahl gewünscht. Schließlich waren ja die Brötchen erst vor Kurzem noch großes Thema gewesen. Der Bundepräsident lässt seine Brötchen aus Niedersachsen liefern, war nahezu überall zu lesen, und so mancher forderte, Wulffs sollten Berliner Brötchen essen. Allerdings war es gar nicht Wulff, der die niedersächsichen Brötchen bestellt hatte, die kamen schon länger ins Schloss Bellevue.

Dennoch waren Brötchen eben ein Thema an der Tafel. Die dunklen Körnerbrötchen waren am schnellsten aus am Morgenpost-Tisch. Was die Adlon-Köche nicht hatten wissen können – dass ein Bäckermeister unter den Gästen weilt. Markus Bertram und seine Frau Silke Hellmich (beide 44) haben einen kleinen Steglitzer Bäckereibetrieb übernommen, der inzwischen 13 Mitarbeiter hat und gerade am kommenden Montag am Dahlemer Weg eine neue Filiale eröffnen wird. „Auch darauf stoßen wir heute an“, sagte Markus Bertram. Über die Brötchen-Wahl des Bundespräsidenten beschwerte er sich aber nicht.

Die Mauer in den Köpfen und das Schloss sind Thema

Es gab aber auch andere Themen am Tisch, schließlich kamen die Gäste aus sehr verschiedenen Berufsfeldern: Ein IT-Fachmann aus Kleinmachnow unterhielt sich mit einer Fitnesstrainerin aus Reinickendorf, ein Apotheker aus Spandau sprach mit einer Telekomangestellten aus Pankow. Sie alle redeten nicht nur über die „Mauer in den Köpfen“ und „die schweren wirtschaftlichen Zeiten“, sondern diskutierten auch darüber, ob das Berliner Schloss nun wieder aufgebaut werden sollte. Rainer Sänger erzählte: „Der Bundespräsident ist auch wie ich für den Aufbau, hat er mir eben gesagt, nur der Inhalt könnte etwas spannender sein.“

Dann wurde die Hauptspeise serviert: Sie kam aus der niedersächsischen Heimat von Chrstian Wulff: Kartoffeleintopf mit Rauchwurst und Rinderbrust. Darin verarbeitet waren 150 Kilogramm Rinderbrust, 150 Kilogramm Kartoffeln, 600 Liter Rinder-Bouillon, 25 Kilogramm Eiweiß – und zwei Kilo Salz. „Zu wenig gewürzt“, sagten die einen. „Aber merken Sie nicht den Hauch von Liebstöckel?“, fragte Franz Fagnola seine Nachbarin. Fagnola war der einzige Leser aus Mitte am Tisch, stammt aber ursprünglich aus der Italien. Der 34 Jahre alte Verlagsangestellte lebt schon zehn Jahre in Berlin und wollte mit dem Bundespräsidenten über die Rechte anderer EU-Bürger reden.

Doch dann kam schon der Nachtisch: „Welfenspeise mit Waldbeeren“, eine Creme, die eigens für das Herrscherhaus der Welfen in Hannover kreiert worden sein soll. „Eine Wolke von Wein“, bemerkte Sebastian Lister aus Prenzlauer Berg und tippte es in sein Mobiltelefon auf dem Internetdienst Twitter ein. „Dazu im Kontrast das Beerenpüree: Sauer, stückig, erdig – der grundsolide Boden des Menüs.“