Show im Estrel

Elvis lebt - in Neukölln

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Michael Pilz

Foto: Stars in Concert / Stars in Concert/presse@estrel.com

Der King of Rock 'n' Roll ist auferstanden. Das jedenfalls glaubt der Zuschauer bei „Elvis – die Show" im Estrel Convention Center. Der Ire Grahame Patrick beherrscht all die verschiedenen Elvis-Facetten – und setzt sie wieder zusammen. Noch bis zum 5. September.

Es gibt verschiedene Methoden, Elvis Presley wiederauferstehen zu lassen. Am gebräuchlichsten ist auch im digitalen Zeitalter der Doppelgänger mit Plateauschuhen und wuchtigen Koteletten. Selbst von Sichtungen wird noch berichtet: Überwiegend ältere Zeugen wollen Elvis unbehelligt bei der Feldarbeit erkannt haben oder als Busfahrer. In Graceland rühren seine Hinterbliebenen nichts an und warten, dass er heimkehrt. Aber auch wer nicht an Geister und Verschwörungstheorien glaubt, begrüßte Elvis, als er vor zehn Jahren eine Videoshow bestritt – begleitet von den leibhaftigen Überlebenden der Takin’ Care of Business Band, die ihm in seinen letzten Bühnenjahren beistand.

Zwei Tage nach Elvis Presleys Todestag, es ist der 33., steht Grahame Patrick im Estrel Convention Center auf der Bühne. Damen seufzen, Herren murmeln – unverkennbar: Elvis. Schon John Wilkinson, ein Gitarrist der TCB Band, hat dem Iren nachgesagt, er sei „der beste Elvis-Darsteller seit Elvis“. Vom Gesang her jedenfalls. Im Abgleich mit den originalen Videobildern rechts und links der Bühne wirkt der lebende Elvis kurzbeiniger, und sein Kopf ist größer. Doch sein „That’s AlI Right“ hört sich nach Memphis 1956 an. Während der Sänger sich zunächst in den Rekruten von Bad Nauheim, später in den goldenen Star von Hollywood verwandelt, wird der Lebenslauf verlesen und John Lennons Würdigung: „Vor Elvis war nichts.“ Das folgende Zitat John Lennons wird dezent verschwiegen: „Elvis starb, als er zum Militär ging.“

Bis nach Las Vegas dringt Patricks Name

Grahame Patrick hat sich hartnäckig und fleißig für einen der dankbarsten und anspruchsvollsten Jobs qualifiziert, der im Musikgeschäft im Jahr 2010 noch zu vergeben ist. In Dublin wurde er in eine musizierende Familie hineingeboren. In Toronto wuchs er auf und sammelte in einschlägigen Bars Erfahrungen als Elvis-Double. Bis Las Vegas drang die Kunde, dass der König in den Kneipen Kanadas zu neuem Leben erwacht sei, und der Imitator wurde kurzerhand verpflichtet. Seit 2003 ist er der Elvis vom Estrel. Zunächst bei „Stars in Concert“, zwischen „Michael Jackson“ und „Madonna“, dann allein für die Adventsreihe „Elvis – Blue Christmas“, nun die Show des Lebens.

Das Estrel Convention Center ist seit 13 Jahren auf die Illusion des unsterblichen Stars spezialisiert. Es treten auf: verblichene oder aus andere Gründen nicht mehr funktionierende Megastars oder Musikprojekte. Hier kann man die Beatles noch erleben, Elton John in seiner Frühform, Tina Turner neben Cher. Zuletzt sorgte die echte Martha Reeves in einer Motown-Show für einige Verwirrung. Es ist alles: Kleinkunst und großes Theater, Kostümshow und Ausstattungsspektakel. Und ein tiefer Einblick in den Pop und dessen ewigen Triumph über das Original, das Einzigartige und die Geschichte.

Wer dem Iren Grahame Patrick dabei zusieht, wie er alle Elvisse beherrscht und sie wieder zusammensetzt zu einem Elvis, möchte nie mehr etwas sagen gegen Bernhard Kurz, den Herrn des deutschen Musicals, und seine Doppelgänger von Berlin. Der mittlere Elvis feiert wieder sein Comeback von 1968, die größte Auferstehung der Kulturgeschichte; er trug Leder und die Beatles damals lange Bärte. Anschließend der weiß betuchte Gospelsänger, samt Sweet Inspirations, drei sich wiegende Chordamen. Man kann sich als Besucher einer solchen Show damit begnügen, zu bestaunen, wie präzise die Verkörperung gelingen kann. Man kann, speziell bei Elvis, auch die Psychoanalyse und die Popkultur zu Rate ziehen.

Elvis litt sein Leben lang darunter, dass sein Zwillingsbruder während der Geburt gestorben war und er am Leben blieb: Ihn plagten Todessehnsüchte und Auserwähltheitsfantasien. Biografen haben Sigmund Freud zitiert. Von Andy Warhol stammt der Siebdruck „Double Elvis“, in dem Elvis und sein Doppelgänger als Revolverhelden zum Duell zu schreiten scheinen. Jetzt steht Elvis’ Zwilling auf einer Berliner Bühne. 1973 sang der ursprüngliche Elvis aus Hawaii und über Satellit für gut eine Milliarde Menschen. Jeder dritte damals konnte seine müden Augen sehen und verfolgen, wie die Arroganz des jungen Spötters einer Selbstgefälligkeit gewichen war. Er glich dem Elvis, der heute auf Armaturenbrettern unzähliger Autos wackelt. 37 Jahre später ist der bereits etwas schwerere und stärker schwitzende Elvis wieder da, im weißen, reich bestickten Hosenanzug. „Zarathustra“-Einmarsch, Surfergruß, dann singt er in verblüffender Elvishaftigkeit „Bridge Over Troubled Water“, das er damals gar nicht sang. Aber das sind die winzigen Ungenauigkeiten, die es noch wahrhaftiger wirken lassen, das „Aloha!“ aus Neukölln.

Bis zum 5. September, Estrel Convention Center