Umgestaltung

Bezirk will auf Gendarmenmarkt 140 Bäume fällen

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Brigitte Schmiemann und Sabine Flatau

Foto: Christian Kielmann

Einer der schönsten Plätze Berlins, der Gendarmenmarkt in Mitte, soll umgestaltet werden. Dafür sollen 140 Ahornbäume fallen. Eine Bürgerinitiative will das verhindern. Und nicht nur die.

Der Baustadtrat von Mitte hat Mut. Ephraim Gothe (SPD), der rund 140 Kugelahornbäume auf dem Gendarmenmarkt fällen lassen will, wagte sich am Donnerstag unter die Befürworter und Freunde des Platzes. Diese möchten die Fläche mit den Bäumen erhalten, wie sie ist, und haben deshalb eine Unterschriftenaktion gestartet.

So sah sich der Stadtrat, allein und ohne Mitstreiter an seiner Seite, der geballten Rhetorik von der Journalistin Lea Rosh, der Grünen-Abgeordneten Franziska Eichstädt-Bohlig und von Alice Ströver ausgesetzt, und den Argumenten der beiden Vorsitzenden des Förderervereins, Ada Withake-Scholz und Frank Keidel. Die kleine Gruppe zog langsam über den Platz: ein leiser, geduldiger Gothe und seine Widersacher, die auf jede seiner Aussagen vier oder fünf Gegenargumente folgen ließen. „Die Bäume sind nicht schön“, sagte der Stadtrat. Und musste hören: „Dann machen Sie sie schöner.“ „Sie sollten längst beschnitten werden.“ „In der Hitze ist man froh, wenn man ein schattiges Plätzchen findet.“ Auch Gothes Ansicht, der Platz habe keine Aufenthaltsqualität, zog nicht. „Er ist ein Touristenmagnet.“ „Man muss ihn besser pflegen und sauber halten.“ „Habt ihr sonst keine anderen Sorgen in Berlin?“

Insgesamt sechs Millionen Euro soll die Umgestaltung des Gendarmenmarktes kosten. Während die Planung aus dem Plätzeprogramm der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung bezahlt wird, soll die Umgestaltung von der Senatswirtschaftsverwaltung kommen. Gothe hat nach eigener Auskunft fünf Millionen Euro bei der Wirtschaftsförderung zur Verbesserung der touristischen Infrastruktur beantragt. Eine Bauzeit von drei Jahren ist vorgesehen. Geplant und diskutiert wird darüber seit einem Jahr.

Mit ihrer Unterschriftenaktion wollen die Freunde und Förderer des Gendarmenmarktes den Senat zum Umdenken bewegen. „Man sollte Geld für die Pflege und Reparatur des Platzes verwenden“, sagte Vereinschef Frank Keidel. Der Markt dürfe nicht über Jahre zur Baustelle werden. Der 1996 gegründete Verein will täglich auf dem Platz, nahe dem Restaurant „Refugium“, Unterschriften sammeln (Tel. 030-20647729). Prominente Berliner würden die Aktion unterstützen, kündigte Keidel an. Baustadtrat Ephraim Gothe (SPD) bekennt, dass er mit der gewaltigen aktuellen Welle an Kritik nicht gerechnet habe. Schließlich habe es ein groß angelegtes Beteiligungsverfahren mit einem denkmalpflegerischen Colloquium und mehreren Bürgerveranstaltungen gegeben, bei dem alle Interessen zur Sprache gekommen seien.

Die meisten Gastronomen, auch der Veranstalter des Weihnachtsmarktes, begrüßten die Ideen, den Platz zu verschönern. Sie hätten sich bereits auf konkrete einheitliche Standards verständigt. So sollen die Schirme auf dem Platz ein möglichst einheitliches Bild abgeben und statt schwerer Ständer künftig im Boden versenkte Befestigungsmöglichkeiten haben. Anlass über die Neugestaltung des Platzes nachzudenken, war nach Auskunft von Gothe das Pflaster: „Es handelt sich um Betonplatten mit eingelegten einzelnen Mosaiksteinen. Viele Platten sind gesprungen.“ Der Boden müsse ausgetauscht werden. Das habe den Vorteil, dass in einem Zug Leitungen unter die Erde verlegt werden könnten, die bislang bei den Veranstaltungen oberirdisch untergebracht werden. Dabei würde auch ein anderes Relikt aus den 80er-Jahren beseitigt werden können: die Treppenstufen, die Teile des Gendarmenmarktes umgeben.

Bei den Kugelahornbäumen seien sich fast alle Beteiligten einig gewesen, dass sie keine große Aufenthaltsqualität böten: „Die Bäume sind ungeeignet zum Druntersitzen, weil sie zu niedrig sind. Niemand hält sich gern unter ihnen auf.“ Doch als Gothe gestern mit den Freunden des Gendarmenmarktes umherzog, waren Bänke und Restaurantplätze unter den Bäumen gut besetzt. Zufällig hörte die Wilmersdorferin Gerda Thom den Streitenden zu. „Das grüne Dach gehört hierher, die Oase muss bleiben“, sagte sie. „Wo kann ich unterschreiben?“