Fernverkehr

Berlin benötigt einen zweiten Busbahnhof

Berlin wird immer mehr zum Drehkreuz von Busreisenden; der Verkehr soll sich hier bis 2025 verdreifachen. Schon jetzt ist der Busbahnhof am Funkturm an seiner Kapazitätsgrenze angekommen. Abhilfe ist erforderlich.

Der Zentrale Omnibusbahnhof (ZOB) am Messegelände in Charlottenburg ist nicht nur reichlich in die Jahre gekommen, sondern inzwischen auch an die Grenzen seiner Kapazität gestoßen. Das geht aus einem Zwischenbericht der Staatssekretärin in der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung, Maria Krautzberger, an den Hauptausschuss des Abgeordnetenhauses hervor.

Handlungsbedarf besteht zudem, weil laut Verkehrsprognose bis zum Jahr 2025 von einer Verdreifachung des Fernbusverkehrs in Berlin auszugehen ist, heißt es in dem Gutachten. Während die Leistungsfähigkeit des Busbahnhofs am Messedamm durch eine Neuorganisation des Betriebs kurzfristig gesteigert werden könne, sei langfristig ein weiteres Terminal im Stadtgebiet als Ergänzung erforderlich. Nach Informationen der Berliner Morgenpost sind derzeit Standorte am Bahnhof Südkreuz, am Ostbahnhof sowie in Tempelhof in der Prüfung. Die Zahl der Passagiere in Berlins einzigem Reisebusbahnhof ist zuletzt auf 3,2 Millionen jährlich gestiegen.

Konkurrenz zur Bahn

Hauptgrund für die Beliebtheit des Verkehrsmittels Reisebus ist vor allem der im Vergleich zum Bahnticket günstige Preis. So kostet eine einfache Fahrt mit dem Busunternehmen Haru nach Hamburg im Normaltarif 26 Euro, das Ostseebad Travemünde ist für 35 Euro zu erreichen. Die Bahn ist auf dem Weg in die Hansestadt zwar doppelt so schnell unterwegs, im Normaltarif kostet das jedoch 70 Euro. Während im Jahr 2009 rund 63.000 Reisebusse den ZOB ansteuerten oder von dort abfuhren (2008: 53000), werden es laut Prognose bis zum Jahr 2025 rund 178.000 und damit knapp dreimal so viele sein. Ein Grund für diesen zu erwartenden sprunghaften Anstieg der Fernbusreisen liegt dann aber nicht mehr im Preisgefüge, sondern in einer Gesetzesnovelle, die noch in diesem Jahr auf den Weg gebracht werden soll. Danach sollen ab 2011 Busse der Bahn Konkurrenz machen dürfen.

Nach dem Personenbeförderungsgesetz aus dem Jahr 1931 dürfen die Busse bislang nur dort im Linienverkehr fahren, wo nicht schon die Bahn ein entsprechendes Angebot unterhält. Lediglich für die Stadt Berlin galt aus historischen (Teilungs-)Gründen eine Ausnahme. Auch Zubringerdienste für Bahnhöfe und Flughäfen wurden toleriert, doch darüber hinaus galt die rigide Beschränkung.

Novelle ist längst überfällig

Aus ökologischen Gesichtspunkten ist diese Novelle sowieso längst überfällig: Busse verbrauchen im Vergleich zum Auto, zum Flugzeug und selbst zur Bahn die geringste Energie. Nach einer Untersuchung des Umweltbundesamtes wirkt sich das direkt auf die Emissionen aus. Während bei einer Strecke von 100 Kilometer Länge das Flugzeug einen Kohlendioxidausstoß von 36,5 Kilogramm je Passagier zu verzeichnen hat, kommt die Bahn auf einen Ausstoß von 5,2 und der Bus auf 3,2 Kilogramm.

„Durch eine Verbesserung der Verkehrsabwicklung sowie die erhöhte Bepreisung in den Spitzenstunden“, heißt es in dem Bericht der Senatsverwaltung, könne die Kapazität des ZOB zwar noch auf rund 68000 im Jahr gesteigert werden. Doch dann sei definitiv Schluss. „Bis Ende dieses Jahres werden wir die Prüfungen zur Standortfrage für ein weiteres Bus-Terminal abgeschlossen haben“, sagt Mathias Gille, Sprecher von Verkehrssenatorin Ingeborg Junge-Reyer (SPD). Bislang sei noch keine Vorentscheidung gefallen, welcher der drei favorisierten Standorte das Rennen machen werde.

Nur so viel: Der von der Senatorin vor einigen Monaten ins Spiel gebrachte Standort am neuen Großflughafen BBI in Schönefeld sei nicht mehr darunter. Nach Ansicht von Experten ist der klassische Busreisende im Inland unterwegs. Besonders Reisen in einem Umkreis von 400 Kilometern gelten als attraktiv. Mehr als 1000 Kilometer fahren dagegen nur hartgesottene Pfennigfuchser oder Jugendliche mit dem Bus, die sogar vor einer „Party-&-Shopping-Tour“ nach Paris für 76 Euro nicht zurückschrecken. Start dieser Tour des Unternehmens Busreisen24 ist am Freitagabend in Berlin, Rückfahrt Sonnabendnacht, Ankunft in Berlin am Sonntagmorgen.

Kein Neubau am Messegelände

Während sich die Verkehrsplaner des Senats über einen weiteren Standort Gedanken machen, gerät die Sanierung des ZOB am Messedamm offenbar wieder in Vergessenheit. Die reichlich angegraute Anlage aus den 60er-Jahren mit ihren drei Dutzend Haltestellen, einer kargen Wartehalle, einem Schnellimbiss sowie ein paar Ticketschaltern wirkt alles andere als zeitgemäß.

Betreiber der Anlage, die sich im Landesbesitz befindet, sind die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG). Laut BVG-Sprecher Klaus Wazlak ist der noch vor drei Jahren angedachte Neubau vom Tisch. Dieser sollte 50 Millionen Euro kosten und war der BVG zu teuer. „Wir prüfen derzeit, wie man die Anlage ohne große Kosten modernisieren kann“, so Wazlak. Dazu führe man Gespräche mit den Landesbehörden. „Solange aber nicht entschieden ist, wo der zweite Standort sein soll und wie groß dieser wird, macht die Sanierung keinen Sinn“, so der BVG-Sprecher weiter. Die Reisenden werden wohl, wenn sich ihr Bus verspätet, während ihrer Wartezeit noch einige Jahre lang mit harten Plastikschalensitzen in grellem Orange vorliebnehmen müssen.