Studie

Berliner Schüler werden zu Gewalterfahrung befragt

Für eine bundesweite Studie über Jugendgewalt sollen Berliner Neuntklässler unter anderem darüber Auskunft geben, wie oft sie ein Messer bei sich tragen und ob sie schon einmal geschlagen wurden. Doch die Unterscheidung nach ethnischer Herkunft bei der Befragung ist umstritten.

Im Rahmen einer bundesweit angelegten Studie werden 5000 Berliner Schüler der 9. Klasse über ihre Gewalterfahrungen, ihre politischen Einstellungen, aber auch über ihre Herkunft und ethnische Zugehörigkeit befragt. Die Studie wird von Christian Pfeiffer vom Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen verantwortet und seit 1998 jährlich durchgeführt. „Es ist ein bewährtes Instrument, um Tendenzen in der Jugendkriminalität festzustellen“, sagt der Kriminologe und Institutsdirektor. So sei zum Beispiel das Risiko, in Berlin Opfer eines Raubüberfalls zu werden, zehnmal höher als im übrigen Bundesgebiet. Mit den Ergebnissen könne festgestellt werden, ob es möglicherweise daran liege, dass die Berliner wesentlich öfter Anzeige erstatten als zum Beispiel die Bayern. 3000 Schüler wurden bereits vor den Sommerferien befragt, weitere 2000 sollen zu Beginn des neuen Schuljahres die Fragebögen ausfüllen. Christian Pfeiffer rechnet Weihnachten mit ersten Ergebnissen.

Die bundesweite Studie wurde auf Betreiben von Staatssekretär Thomas Härtel und der Berliner Landeskommission gegen Gewalt um Berlin-spezifische Fragen ergänzt, um die Aussagekraft für die Hauptstadt zu erhöhen. In dem Fragebogen heißt es unter anderem: Wie oft trägst du Messer, Schlagringe, Softairwaffen und Ähnliches mit dir? Wurdest du schon einmal verletzt und welche nationale Herkunft hatten die Täter deiner Meinung nach? Die Fragebögen umfassen 38 Seiten mit insgesamt 94 Fragen. Eingeteilt sind sie in Jugendliche "deutscher Herkunft" und "nicht deutscher Herkunft". Außerdem werden Schüler aus Einwandererfamilien aufgefordert, ihren Zustimmungsgrad zu Aussagen abzugeben wie: „Die Deutschen sind weniger wert als die Leute meiner Herkunft.“ Oder: „Ein richtiger Mann ist bereit zuzuschlagen, wenn jemand schlecht über seine Familie redet.“ Ziel der Studie sei es, Zusammenhänge zwischen Gewalterfahrungen und extremistischen Einstellungen zu erkennen und welche Rolle diese Erfahrungen bei der Integration junger Muslime spiele, sagt Kristine Tschenett, Sprecherin der Senatsinnenverwaltung.

Der Migrationsrat Berlin und Brandenburg hat die derzeit laufende Schülerbefragung scharf kritisiert. Die Studie versuche, eine Verbindung zwischen der ethnischen Herkunft der Jugendlichen und der Gewaltbereitschaft herzustellen, erklärte Vorstandssprecher Cosar Karadas am Donnerstag in Berlin. „Es wird verkannt, dass diese Jugendlichen größtenteils hier geboren und aufgewachsen sind.“ Es sei „schlicht falsch, behaupten zu wollen, dass bestimmte Jugendliche mit ganz bestimmter ethnischer Herkunft wegen dieser Herkunft gewaltbereiter als andere Jugendliche sind“, erklärte der Migrationsrat weiter.

„Die Studie ist aus datenschutzrechtlichen Gründen sehr fragwürdig, da die Eltern nicht darüber informiert wurden.“ Darüber hinaus kritisierte der Migrationsrat diskriminierende Fragestellungen im Fragebogen, „die rassistische Bilder reproduzieren“.

Kritik an der Untersuchung, die das Auftreten von Gewalt in Abhängigkeit von der Herkunft untersucht, kommt nicht nur von Migrantenverbänden, sondern auch von Özcan Mutlu. „Die Studie suggeriert, dass die ethnische Herkunft in einem direkten Zusammenhang mit der Neigung zur Gewalt steht“, sagt der Bildungsexperte der Grünen. Daher halte er die Untersuchung für „tendenziös und nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert“.