Seitenwechsel

Von Colorado nach Moabit – Amerikaner in Berlin

Tausende Amerikaner ziehen jedes Jahr nach Berlin, vor allem die Start-up-Branche lockt. Ihre amerikanischen Lebensgewohnheiten bringen sie mit und vermischen sie mit Berliner Lebensgefühl.

Eigentlich wollte er nach seinem Studium nach San Francisco ziehen. In der Bay Area in einem Start-up mit kreativen, jungen Menschen arbeiten. Es ist acht Uhr morgens, Mitte April, der Himmel ist grau. Statt im kalifornischen Sonnenschein steht der amerikanische Webdesigner Peter Magenheimer nun vor dem Bürgeramt Pankow. Er ist nicht allein, eine australische Übersetzerin, die er über das Internet gebucht hat, begleitet ihn. „Hier musst du deinen Namen hineinschreiben, da deine Religion und dort deinen Familienstand eintragen“, erklärt sie ihm wenig später auf Englisch seinen Anmeldebogen. Magenheimer kommt aus Fort Collins, Colorado. Seit zwei Wochen wohnt er nun zur Zwischenmiete in Berlin-Moabit, Deutschland. Über das Land weiß er wenig, über die Stadt hat er zuletzt immer wieder gelesen. Auf amerikanischen Tech-Blogs.

„Vor ein paar Jahren hatte Berlin dort noch den Ruf, bloß Kopien von erfolgreichen amerikanischen Ideen zu produzieren“, sagt der 25-Jährige. Dann lacht er. Ein bisschen zu laut, ein bisschen nervös: „Aber genau das hat sich jetzt geändert. Es gibt hier mittlerweile viele innovative, eigene Ideen“, glaubt Magenheimer. „Und die Investoren folgen.“ Während seines Studiums verbrachte er ein Auslandssemester in Italien. Europa gefiel ihm. Die Idee im Ausland zu leben ebenso. Über Berlin las er: Statt in kleinen WG-Zimmern arbeiteten junge Unternehmer hier in lichtdurchfluteten großes Lofts. Die Mieten und Lebenshaltungskosten seien wesentlich günstiger als in San Francisco. Peter schreibt seinen Namen in den Anmeldebogen. „Hat es Auswirkungen auf meine Aufenthaltsgenehmigungschancen, wenn ich schreibe, dass ich nicht verheiratet bin?“

„Arbeitsproben mitbringen, organisiert und ordentlich sein“

14.395 Amerikaner leben aktuell in Berlin. Weitere 6110 haben einen US-amerikanischen Migrationshintergrund. Die wachsende Berliner Start-up-Szene sorgt dabei für einen verstärkten Zuzug. Zogen 2004 noch 2277 Amerikaner nach Berlin, waren es 2011 mehr als doppelt so viele (4846). In Online-Foren wie Toytown Berlin, Internations und Expatica beraten sich viele von ihnen, wie man am besten ein deutsches Visum bekommt. „Immer früh um die Anmeldung kümmern, Arbeitsproben mitbringen, organisiert und ordentlich sein“, lauten ein paar der Tipps. Einen Job hat hat der neu angemeldete Magenheimer noch nicht. Er wolle sich seinen Job lieber vor Ort suchen. Rausgehen, Menschen treffen, sich vernetzen. „So funktioniert das auch in San Francisco am besten“, sagt er.

Auf der Kreuzberger Oranienstraße dämmert es. Ein Roller rast vorbei. Es ist schwül. Auf den Bürgersteigen vor den Cafés sitzen junge Menschen zusammen und trinken. In der zweiten Etage des „Max und Moritz“ tagt eine geschlossene Gesellschaft. Blau-weiß-rote Banner schmücken den Raum. Am Kopf der langen Tafel sitzt ein ehemaliger Opernsänger: „Welcome, you guys“, ruft er und klopft dann mit einem Richterhammer auf den Tisch. Die Stimmen um ihn herum verstummen: „We have an awful lot to talk about tonight.“ Wir haben heute Abend schrecklich viel zu besprechen. David Knutson ist der Vorstand der „Berliner Democrats Abroad“. Sein Richterhammer ist ein Fleischklopfer.

Die „Democrats Abroad“ gibt es seit 1997 in Berlin. Derzeit kommen sie mindestens einmal im Monat zusammen, treffen Abstimmungen. Sie sind Teil der Demokratischen Partei, haben eine Stimme im Parteitag. Ihr übergeordnetes Ziel aber ist es, im Ausland lebende Amerikaner dazu zu bewegen, sich für die Wahlen registrieren zu lassen. „Die meisten Amerikaner, die hier leben, sind Demokraten. Ihre Stimmen können entscheidend sein,“ sagt Knutson und fügt dann hinzu: „Republikaner verlassen ihr Land meistens nicht. Und wenn, dann nur um kurzfristig Geschäfte zu machen.“ Er lacht. Die „Democrats Abroad Berlin“ seien der größte deutsche Ortsverband der Organisation. Wie viele Mitglieder sie haben, darf Knutson nicht sagen. „Aber wir haben in Berlin mehr Mitglieder als in den meisten Landesverbänden. Wir sind größer als Italien.“

USA und Deutschland – wie Geschwister

Knutson ist 67 Jahre alt. 1972 kam der in Seattle Geborene für ein Engagement als Solist an die Deutsche Oper Berlin. Er hat das geteilte Berlin miterlebt, die Wiedervereinigung und den endgültigen Abzug der Alliierten 1994. „Wir haben damals im Foyer der Staatsoper einen Fairwell-Liederabend gegeben“, erinnert er sich. „Es war ein komisches Gefühl, als sie gingen. Erst da habe ich begriffen: Die Teilung, die ist jetzt wirklich vorbei.“ Der Marshallplan mache ihn stolz auf Amerika. Aber auch auf Deutschland sei er stolz: „Wie sie das Land nach dem Krieg und auch wie sie den Osten nach dem Mauerfall wieder aufgebaut haben, das ist beachtlich. Da muss man stolz sein“, sagt Knutson. Auch wenn die Deutschen das viel zu selten wären.

Während Knutson spricht, fällt ihm manchmal ein deutsches Wort nicht ein. Ein englisches Wort stellt ihm dann die Weiche und er fährt in seiner Muttersprache fort. Sein immer noch in Amerika verwurzeltes Leben ist in Berlin in Vereinen organisiert. Er ist der Vorstand der „Democrats Abroad“, Vorstand der gemeinnützigen „Initiative Berlin-USA“ und auch im Vorstand des „Amerika-Haus“-Vereins. Das Informationscenter an der Hardenbergstraße, das 1957 gegründet wurde, um über das Mutterland des Marshallplans aufzuklären, wurde 2006 an die Stadt übergeben. Amerikanische Kultur ist heute allgegenwärtig. Berlin brauchte kein Informationshaus mehr. Knutson ist anderer Meinung. „Ich wäre dafür, dass so etwas wieder errichtet wird“, sagt er. Deutschland und die USA seien durch ihre Geschichte wie Geschwister geworden. „Und Geschwister haben eine enge Beziehung. Aber es gibt auch Missverständnisse.“ Knutson sagt, es sei wichtig, dass man die aus dem Weg räume.

„After all these years, bin ich auch Berliner“

Wannsee. Eine cremefarbene herrschaftliche Villa hinter gusseisernen Toren. Gärtner huschen über den perfekt getrimmten Rasen und grüßen den Besucher. Gary Smith leitet die American Academy am Wannsee. Auch er hat sich der Beziehungspflege zwischen Amerikanern und Deutschen verschrieben. Müde sitzt der gebürtig Texaner auf seinem Ledersessel in seinem Büro. Am vorherigen Abend sei er bis 5 Uhr wach gewesen, sagt der Philosoph entschuldigend: „Nur um die Dodgers verlieren zu sehen.“

Nachdem die Alliierten Berlin verließen, sollte nach der Idee des damaligen US-Botschafters Richard Holbrooke eine neue deutsch-amerikanische Kulturinstitution die Beziehung zwischen den Ländern stützen. Seit 1998 lädt die American Academy US-Politiker, Künstler und Journalisten für Kurzbesuche oder Stipendien ein. 2007 verbrachte so der Bestsellerautor Jonathan Safran Foer seinen Frühling am Wannsee. 2001 schrieb Jeffrey Eugenides hier Teile seines mit dem Pulitzer Preis ausgezeichneten Romanes „Middlesex“. Smith lebt seit 1987 in Deutschland. Mit seinen Mitarbeitern redet er Englisch. Sie servieren „unsweetened Ice Tea“ aus einer Karaffe.

„Ja“, räumt Smith ein. Seine Einrichtung sei sehr amerikanisch. Und obwohl er mit einer Deutschen verheiratet sei, spräche er zu Hause Englisch. Und sie feierten Thanksgiving. „But after all these years, bin ich auch Berliner“, sagt Smith. Als die Deutschen ihn 1998 gefragt hätten: „Ist Berlin wie New York?“ sei das noch eine realitätsferne Frage gewesen. Heute aber sei Berlin schließlich Weltstadt. Mit spannenden Entwicklung in Sachen Kunst, Kultur und auch in der Tech-Szene. Den deutschen Qualitätsjournalismus wisse er überdies zu schätzen, sagt er.

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Seinen Tag beginnt Smith dann aber doch mit der Lektüre der New York Times. Und den New Yorker lese er auch, inbrünstig, sagt er. Und während wir eigentlich über Berlin reden, schweift Smith ab. Schwärmt von New York City. „Die Stadt erlebe ich als ein immerwährendes Gespräch“, sagt er. Eigentlich habe er dorthin ziehen wollen. Aber dann bekam er das Angebot, die Academy am Wannsee zu führen. Das habe er nicht ablehnen können. Jeden Sommer fliege er aber nun erst nach Texas und dann nach New York. Der Amerikaner bleibt seinem Heimatland tief verbunden.

„Uns geht es wohl wie vielen, die im Ausland leben“, sagt David Knutson von „Democrats Abroad“ bei einem Interview im französischen Café Brel am Savignyplatz: „In Berlin sind wir die Amis, in den Staaten sind wir die Deutschen.“ Knutson zuckt mit den Schulter. „Wenn ich mich irgendwo verorten müsste, wäre das also mitten im Atlantik.“ Er lacht. Die deutsche Politik verfolge er aber ebenso wie das, was in Washington passiere. Nur wahlberechtigt sei er hier nicht. Er könne seinen amerikanischen Pass schließlich nicht aufgeben. „Das ist ein Stück Identität“, sagt Knutson. Und seit Clintons Amtsenthebungsverfahren 1999 hätte er nicht mehr still vor dem Fernseher sitzen können. Er hätte etwas machen müssen. Er schloss sich den „Demorats Abroad“ an.

Peter Magenheimer ist glücklich

Zu den in Englisch gehaltenen Treffen der Demokraten kommen nicht nur Amerikaner. Eine Handvoll Deutsche sitzt jeden Monat mit an der Tafel. Abstimmen dürfen sie nicht, nur zuhören. Woher ihre Faszination für die Staaten kommt, kann sich die 31-jährige Gwendoyln Lynch, Schriftführerin und Autorin aus Kalifornien nicht erklären. „Meist haben sie irgendeine Verbindung zu den Staaten. Haben da mal gelebt oder wollen da gerne mal leben.“

In Europa sei man aber nicht immer so positiv auf Amerika zu sprechen gewesen wie jetzt, meint Lynch: „Als ich in Paris gelebt habe und Bush noch Präsident war, bin ich häufiger mal angegangen worden: Du bist Amerikanerin? Aber hinter der Regierung stehst du nicht, oder? Bist du vor ihm geflüchtet und lebst deswegen in Europa?“ Als Obama gewählt wurde, wohnte Lynch in der Schweiz. Plötzlich hätten sich alle für sie gefreut, fast mehr mit der Wahl mitgefiebert als sie selbst. „Mein Freund ist Deutscher. Auch er hat so eine Amerika-Faszination“, sagt sie. „Wir sprechen darüber, eines Tages eventuell gemeinsam nach Kalifornien zu ziehen.“ Sie lacht, ihre dunklen Haare wippen auf ihren Schultern: „Manchmal frage ich, ob er nur wegen meiner Nationalität mit mir zusammen ist.“ Sie hält inne. „Nur ein Spaß“, sagt sie dann.

Anfang Juni, nach anderthalb Monaten in Berlin, hat Peter Magenheimer einen Job. Bei einer Entwickler-Konferenz habe er den Gründer von Research Gate, einem Sozialen Netzwerk für Wissenschaftler mit Sitz in der Invalidenstraße, kennengelernt, sagt er am Telefon. Nach einem Vorstellungsgespräch bekam der Web-Entwickler nicht nur eine Zusage für einen festen Job, sondern auch für eine Blue Card. Vier Jahre kann er nun mindestens in Berlin bleiben. Peter Magenheimer ist glücklich. Er hat allen Grund zur Freude. Kurze Zeit später wird bekannt: Investoren unterstützen das Berliner Start-up-Unternehmen mit 27 Millionen Euro. Einer der Investoren heißt Bill Gates.

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