Staatsbesuch

Warum John F. Kennedy in Berlin gefeiert wurde wie ein Star

Vor 50 Jahren besuchte John F. Kennedy West-Berlin. Bei seinem Besuch wurde er euphorisch empfangen wie kein anderer Staatsgast zuvor. Nicht zuletzt dank des legendären Satzes „Ich bin ein Berliner“.

Genau 484 Minuten. Länger dauert der vielleicht wichtigste, sicher aber berühmteste Staatsbesuch in Berlin nicht. Vom Aufsetzen der „Air Force One“ auf dem Flughafen Tegel exakt um 9.41 Uhr bis zum Abheben um 17.45 Uhr weilt US-Präsident John F. Kennedy am 26. Juni 1963 in Berlin.

Jede Minute des Besuchs ist durchgeplant: Der 46-jährige amerikanische Präsident hält drei Reden und ebenso viele Grußworte, besichtigt zwei Touristenziele, absolviert ein schnelles Staatsbankett und legt genau 53 Kilometer zurück. Beobachter sprechen noch am selben Abend überwältigt von der „größten Show der Welt“.

In Erinnerung bleibt von der Stippvisite vor allem ein mühsam ausgesprochener deutscher Satz: „Ish bin ain Berleener!“ Und natürlich der Jubel. Keinem Besucher zuvor oder danach haben die Berliner einen vergleichbar begeisterten und ausdauernden Empfang bereitet wie damals John F. Kennedy.

Ovationen in Westdeutschland

Schon auf den ersten Stationen seiner Deutschlandreise im Rheinland und in Hessen ist der US-Präsident begeistert begrüßt worden. Er gilt als Lichtgestalt, sieht gut aus, ist jung und scheinbar glücklich. „JFK“, wie er von manch einem genannt wird, hat die Ovationen in Deutschland genossen. Aber seine Berater sind sich nicht ganz sicher gewesen: Werden die West-Berliner ähnlich reagieren? Immerhin liegt der Bau der Berliner Mauer noch keine zwei Jahre zurück, und damals hat Kennedy nichts dagegen unternommen. Vor weniger als einem Jahr, im Jahr 1962, hat es sogar antiamerikanische Demonstrationen gegeben, nach dem Mord an Peter Fechter, dem an der Mauer verbluteten jungen Ost-Berliner. Denn damals sind die amerikanischen Soldaten nicht eingeschritten, haben den jungen Mann nicht gerettet.

Der Empfang für John F. Kennedy an diesem 26. Juni 1963 auf dem Flughafen Tegel fällt geschäftsmäßig aus. Dem französischen Stadtkommandanten obliegt die formale Begrüßung, denn der Flughafen mit seiner langen Landebahn liegt in seinem Sektor. Eine Militärkapelle spielt die Präsidentenhymne „Hail to the chief“, Artilleristen der drei Schutzmächte feuern 21 Schuss Salut.

Willy Brandt misstraut Kennedy

Willy Brandt und Konrad Adenauer müssen zunächst zuschauen. Es knistert zwischen den beiden Politikern: Der greise Bundeskanzler, dessen Amtszeit sich dem Ende zuneigt, misstraut dem Gast aus Amerika. Aber auch der Regierende Bürgermeister, dessen politischer Aufstieg in vollem Gange ist, sorgt sich: Wird Kennedy politisch den richtigen Ton treffen?

Doch der US-Präsident weiß, was sich gehört – sein erstes Grußwort an diesem Tag ist programmgemäß: sorgfältig formuliert, aber etwas blutleer. „Ich bin stolz darauf, in Berlin zu sein, einer Stadt, die 5000 Meilen von den Vereinigten Staaten entfernt und doch ein Teil von uns ist.“

Die Zeremonie fällt kürzer aus als geplant, um immerhin 13 Minuten. Schon um 10.02 Uhr passiert die offene Limousine vom Typ Lincoln mit Kennedy, Adenauer und Brandt das Tor des Flughafens in Tegel. Die Kapelle schmettert in maximaler Lautstärke den Schlager „Das ist die Berliner Luft, Luft, Luft“. Nicht geplant, aber willkommen ist der Nebeneffekt: Zehntausende Berliner entlang der Seidelstraße bringen sich in Stimmung.

Konfetti für Kennedy

Kaum rollt die Kolonne über Berlins Straßen, brandet unvorstellbarer Jubel auf. Wie ein Schlag trifft der Begeisterungssturm die Autos. Kiloweise fliegt Konfetti auf die Straßen, obwohl die West-Berliner Polizei vorher eindringlich darum gebeten hat, darauf zu verzichten. Insgesamt werden an diesem Tag mehrere Tonnen Papierschnipsel auf Kennedys Wagen regnen. Immer wieder müssen die Personenschützer auf der Fahrt durch den Wedding die Frontscheibe freimachen. Dazu die Sprechchöre: „Ken-Ne-Dy!“

Vor dem nächsten Programmpunkt, einer Gewerkschaftstagung in der hypermodernen Kongresshalle, ist eine Fahrt entlang einiger West-Berliner Sehenswürdigkeiten angesetzt. Es geht im schnelleren Schritttempo über den Ernst-Reuter-Platz, die Hardenbergstraße, die Kreuzung Kurfürstendamm / Joachimstaler Straße und die Budapester Straße Richtung Tiergarten.

Der Grund für diesen erst wenige Tage zuvor eingefügten Umweg von rund 40 Minuten Umweg ist nicht, dass Kennedy Renommierprojekte des Wiederaufbaus bewundern soll: Dafür fehlt die Zeit. Es geht darum, den Präsidenten vor Symbolen des modernen, freien, unbeugsamen West-Berlins zu filmen und zu fotografieren.

„West-Berlin ist mein Land“

Am Rande der Strecke gibt es immer wieder fröhliche Zwischenfälle: Junge Frauen drängen sich an den Wagen heran und berühren Kennedys ausgestreckte Arme für einen Sekundenbruchteil. Am Zoo steht ein Tierpfleger mit zwei seiner Affen. Die Schimpansen verstehen nicht, was vor sich geht, aber sie machen nach, was alle um sie herum tun – und winken Kennedy zu.

Mit gerade einmal zwei Minuten Verspätung gegenüber dem vorgesehenen Zeitplan trifft Kennedy um 11.12 Uhr an der Kongresshalle in Tiergarten ein. In Wirklichkeit hat seine Triumphfahrt schon eine Viertelstunde länger gedauert als angesetzt. Die Protokoll-Experten des Weißen Hauses drängen nun aber zur Eile.

Knapp zehn Minuten redet Kennedy vor dem Gewerkschaftskongress und improvisiert dabei: „Die Freiheit ist nicht nur ein Ziel, sondern auch ein Mittel und ein Weg für ein besseres Leben aller Menschen auf dieser Erde.“ Beifallsstürme. „Es ist kein Zufall, dass die kommunistische Bewegung in vergangenen Jahren die Zerstörung unabhängiger Gewerkschaften zu Hauptziel gehabt hat.“ Tosende Zustimmung. Was dem Präsidenten im Kopf herumgeht, zeigt eine weitere spontane Formulierung: „West-Berlin ist mein Land.“ Jubel.

Mit nur noch einer Minute Verspätung geht es um 11.31 Uhr weiter, zum Brandenburger Tor. Der erste polittouristische Höhepunkt des Staatsbesuchs in Berlin. Kennedy besteigt ein Podest, um nach Ost-Berlin schauen. Doch die SED hat sich ebenfalls auf den Gast aus Amerika vorbereitet: Die fünf Durchfahrten des Brandenburger Tores sind mit Stoffbahnen verhängt, viermal rot und in der Mitte die DDR-Fahne, Schwarz-Rot-Gold mit Hammer und Zirkel.

Fahrt zum Checkpoint Charlie

Zum ersten Mal sieht sich der Präsident direkt konfrontiert mit dem militärisch bewachten Todesstreifen quer durch die Stadt. Die Gegend kennt er gut, sowohl bei seinem Berlin-Besuch 1939 als auch 1945 hat John F. Kennedy hier Station gemacht – allerdings auf der anderen Seite des Tores. Es geht zur nächsten Station, dem Ausländerübergang Checkpoint Charlie. Kennedy verzichtet darauf, sein Recht als US-Staatsbürger zu nutzen und in den Ostteil der Stadt zu wechseln. Aber sein Ärger über die martialische, unmenschliche Grenze sitzt tief.

Für 13 Uhr ist die Rede vor dem Schöneberger Rathaus angesetzt, dem Zentrum der West-Berliner Demokratie. Nach kurzer Pause im Büro von Willy Brandt, um sich frisch zu machen und das Hemd zu wechseln, erscheint Kennedy auf der eigens errichteten Bühne. Donnernder Applaus empfängt ihn, minutenlang können die protokollarisch notwendigen Grußworte nicht beginnen. Hunderttausende Berliner sind gekommen, um den amerikanischen Präsidenten zuzuhören.

>>>Interaktive Analyse der Berlin-Rede von John F. Kennedy<<

Nun wird John F. Kennedy endgültig von seinen Gefühlen mitgerissen – von der Dankbarkeit für den grandiosen Empfang und der Empörung über die Methoden des SED-Regimes. Er löst sich von seinem Manuskript und spricht frei: „Ich bin stolz, heute in Ihre Stadt zu kommen als Gast Ihres hervorragenden Regierenden Bürgermeisters, der in allen Teilen der Welt als Symbol für den Kampf- und Widerstandsgeist West-Berlins gilt.“ Jubel.

„Ish bin ain Berleener!“

Ein paar Sätze weiter gelingt ihm dann jene Formulierung, die für immer haften blieben wird: „Vor zweitausend Jahren war der stolzeste Satz, den ein Mensch sagen konnte, der: Ich bin ein Bürger Roms. Heute ist der stolzeste Satz, den jemand in der freien Welt sagen kann: Ich bin ein Berliner.“ Donnernder Applaus.

Kennedy kommt zur inhaltlichen Kernaussage seiner Rede, die er spontan drastisch zuspitzt: „Wenn es in der Welt Menschen geben sollte, die nicht verstehen oder nicht zu verstehen vorgeben, worum es heute in der Auseinandersetzung zwischen der freien Welt und dem Kommunismus geht, dann können wir ihnen nur sagen, sie sollen nach Berlin kommen.“ Zweimal wiederholt er diese rhetorische Formel.

Mit angespanntem Gesicht steht der Regierende Bürgermeister Willy Brandt neben dem Präsidenten. Das ist nicht, was er sich erhofft hat. In Kürze will der SPD-Mann eine politische Initiative zur Entspannung starten – und ausgerechnet jetzt hält Kennedy eine antikommunistische Rede! Doch er kann nichts tun. Der Jubel steigert sich zum Orkan, als Kennedy noch einmal sagt: „Ish bin ain Berleener!“

Völlig ergriffen geht der Präsident zum Staatsbankett, für das nur eine halbe Stunde Zeit bleibt. Das ist durchaus schade, denn der Senat hat groß auffahren lassen: Es gibt „Cocktail von frischem Steinbutt“, dazu Riesling von der Mosel, „Rinderfilet Renaissance mit Spargelspitzen“ und rotem Burgunder, schließlich zu Ehren von Kennedys Ehefrau, die im siebten Monat schwanger in den USA geblieben war, eine Eiskreation „Jacqueline“. Dazu wird Sekt der Kelterei Fürst Metternich serviert.

Willy Brandt ist erleichtert

Genießen kann der Präsident den kurzen Lunch allerdings kaum, denn die weiteren Termine drängen. Vor allem die große Rede an der Freien Universität, deren höchste Ehre, die akademische Ehrenbürgerschaft, Kennedy angetragen worden ist. Im Hof des Henry-Ford-Baus, des hochmodernen Vorlesungskomplexes, hält er sich ans Redemanuskript, argumentiert überlegt und vorsichtig: „Die friedliche Wiedervereinigung Berlins und Deutschlands wird weder rasch erfolgen noch leicht sein.“ Willy Brandts Miene klart sich auf: Das wollte er hören, diese Worte braucht er für seine Initiative.

Um 16.30 Uhr dann der Aufbruch zur letzten Station, dem US-Hauptquartier. Jetzt ohne Brandt und Adenauer, denn Deutsche sind bei der rein amerikanischen Zeremonie unerwünscht. Nach einer kurzen Parade hält Kennedy sein letztes Grußwort, diesmal an die Soldaten, dann geht es zurück in Richtung Flughafen Tegel. Noch mehr Menschen als vormittags drängen sich entlang der West-Berliner Straßen, selbst entlang der gesperrten Stadtautobahn. Mit 25 Minuten Verspätung trifft der Präsident wieder am Ausgangspunkt seines Besuches ein. Nun heißt es Abschied nehmen. Er plaudert noch mit Adenauer und Brandt, dann besteigt er die Treppe zur „Air Force One“, winkt kurz und verschwindet in der Kabine. Um 17.45 Uhr hebt die Boeing 707 ab.

Auf dem Flug nach Dublin ist John F. Kennedy noch ganz ergriffen. Seinen Beratern sagt er, seinen Nachfolgern im Amt werde er eine Nachricht hinterlegen für den Fall, dass schlechte Zeiten kämen. Darin sollen drei Worte zu lesen sein: „Go to Germany.“ Gemeint ist: „Go to Berlin.“

>>>Kennedy in Berlin – das Special<<<