Hauptstadtbrief

Vogelbeobachter

Günter Bannas wägt die nächste und übernächste Zukunft der Groko ab.

Augur zu sein, war vor mehr als zweitausend Jahren ein wichtiger und einträglicher Beruf. Das waren römische Staatsbedienstete, die aus dem Geschrei der Vögel und aus deren Flugbewegungen den Willen der Götter ableiteten, ob ihnen ein von der Republik und später auch vom Kaiser geplantes Unternehmen genehm sei. Auguren gibt es auch heute – sie heißen nur anders: Demoskopen, Hauptstadtjournalisten oder Talkmaster. Auch Politiker und sogar Comedians gehören dazu. Vor einem Jahr waren sich die Auguren sicher: Diese große Koalition, das vierte Kabinett Angela Merkels, wird den ersten Geburtstag nicht erreichen.

Ihr Motto: „Only bad news are good news“. Äußerungen aus der dritten Reihe von Union und SPD, die Groko müsse beendet werden, wurden für bare Münze genommen. Der Streit über einen Verfassungsschutzpräsidenten und die Peinlichkeiten darüber machten den Auguren klar: Das Ende ist nahe. Merkels Vertrauter Volker Kauder verlor sein Amt als CDU/CSU-Fraktionsvorsitzender, die Kanzlerin gab den CDU-Parteivorsitz ab, Seehofer den der CSU. SPD-Altvordere (Schröder, Steinbrück, Gabriel) stichelten gegen Andrea Nahles, die SPD-Vorsitzende, was wiederum zu einer Drei-Viertel-Revolte stilisiert wurde.

Doch siehe da: Die Groko hat immer noch Bestand. Jetzt konnte sie ihr einjähriges Bestehen begehen – mit einer Sitzung des Koalitionsausschusses unter Vorsitz von Angela Merkel. Es wurde gearbeitet und Gutes getan. Der Mindestlohn und die Regelsätze der Sozialhilfe wurden erhöht. Verbesserungen gab es im Gesundheitswesen. Rechte der Mieter wurden erweitert. Das Kindergeld und das Bafög für Studenten werden bald erhöht. Bloß scheint es keiner gemerkt zu haben. Kaum jemand würdigt es. Weil sich die Koalitionäre streiten?

Oder eher, weil die Auguren finden, dass nicht sein kann, was nicht sein darf? Nun gilt das Motto: Die Gemeinsamkeiten zwischen CDU, CSU und SPD sind aufgebraucht. Nach der Europa-Wahl im Mai werde Schluss sein. Oder nach den Wahlen in ostdeutschen Bundesländern im Herbst. Oder wenn die SPD die Nerven verliert. Oder wenn Merkel nicht mehr Kanzlerin sein mag. Oder könnte alles ganz anders kommen? Etwa, weil sich das Publikum gelangweilt abwendet und nicht mehr wissen will, was Auguren aus Vogelflug und Vogelgeschrei lesen. Doch natürlich werden sie recht behalten. Spätestens 2021 ist die Groko beendet. Diese Groko, versteht sich.