Hauptstadtbrief

Laufen lernen

Günter Bannas erinnert an historische Neuanfänge in der CDU in den Jahren 1998 – und 2019.

Internes zu klären, um nach außen wirken zu können – das ist das übergeordnete Ziel der Beratungen, zu denen die Führung der CDU an diesem Sonntag zusammenkommt. Das „Werkstattgespräch“ über Migrations- und Flüchtlingspolitik, wie Annegret Kramp-Karrenbauer, die Parteivorsitzende, das Treffen nennt, ist von beinahe parteihistorischer Bedeutung. Bei der Sitzung, die bis morgen dauern soll, sollen Lehren aus der Vergangenheit gezogen werden.

Es geht also auch um Angela Merkels Politik, weshalb die Bundeskanzlerin aus guten Gründen nicht dabei sein wollte. Der nächste Schritt in die Nach-Merkel-Ära wird vollzogen. Fast 20 Jahre hat Merkel die CDU dominiert. 1998 war sie Generalsekretärin geworden. 2000 wurde sie Parteivorsitzende, 2005 Bundeskanzlerin. Seither ging in der CDU nichts ohne die „Chefin“. Nun aber liegen Vergleiche zu früher nahe – Vergleiche mit dem Ende der Ära Kohl, der 25 Jahre lang CDU-Vorsitzender, 16 Jahre lang Bundeskanzler und dann kurze Zeit „Ehrenvorsitzender“ gewesen war. Ein Titel, der Merkel bisher nicht übergestülpt wurde.

Während der Kohl-/CDU-Spendenaffäre veröffentlichte Merkel – kurz vor Weihnachten 1999 – einen Artikel in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung, der für Furore sorgte. Sie schob Kohl ins Abseits und überging Wolfgang Schäuble, der als CDU-Vorsitzender eigentlich ihr Chef war. Wenig später war Merkel Parteivorsitzende. Passagenweise liest sich ihr Artikel, als hätte er auch heute verfasst worden sein können. „Die Partei muss also laufen lernen“, hatte die junge Merkel geschrieben. Sie müsse sich zutrauen, in Zukunft ohne Helmut Kohl auszukommen. „Sie muss sich wie jemand in der Pubertät von zu Hause lösen, eigene Wege gehen und wird trotzdem immer zu dem stehen, der sie nachhaltig geprägt hat – vielleicht später sogar wieder mehr als heute.“

Was Merkel in der Vergangenheit äußerte, steht ihrer CDU auch in der Gegenwart bevor. „Ein solcher Prozess geht nicht ohne Wunden, ohne Verletzungen.“ Und wie die Partei damit umgehe, „ob wir dieses scheinbar Undenkbare als Treuebruch verteufeln“, schrieb sie damals, „das wird über unsere Chancen bei den nächsten Wahlen in den Ländern und 2002 im Bund entscheiden“. Kramp-Karrenbauer scheint gewillt, 2002 durch 2021 ersetzen und den Ratschlag ihrer Vorgängerin beherzigen zu wollen. Vielleicht macht die Merkel auch noch zur CDU-Ehrenvorsitzenden.