Hauptstadtbrief

Essen Sie doch, was Sie wollen!

Die Diätapostel von heute sind gleichzeitig glühende Moralapostel – und wollen anderen das Essen madig machen.

Sich mit dem Thema Essen zu beschäftigen, das ist ein Unterhaltungsthema, so mag es auf den ersten Blick erscheinen. Etwas, das gemeinhin und besonders an hohen Feiertagen Freude macht, das aber weit davon entfernt ist, mit dem politischen Umfeld von Menschen zu tun zu haben. Doch dem ist nicht so.

Denn etliche herkömmliche Essgewohnheiten stehen heute unter Generalverdacht und an Heilsversprechen im Falle des Verzichts auf dieses und jenes ist kein Mangel. Es liegt in der Natur der Sache, dass Diätapostel es nicht damit bewenden lassen, dass manche lieber frisches Obst und andere lieber eine Currywurst essen. In jüngster Zeit ist eine Form der Ernährungsdoktrin zu beobachten, die darüber weit hinausgeht. Es wird mit einem zum Teil massiven Verzichtsmoralismus versucht, Anders-Essenden, ja häufig Anders-Lebenden schlechthin, ihre Essgewohnheiten und ihren Lebensstil madig zu machen und sie als persönlich mitverantwortlich zu stempeln für die globale Zunahme an Wohlbeleibtheit ebenso wie für die Abholzung der Regenwälder.

Hier geht es nicht darum, der Alltagskultur etwas Neues, Besseres hinzuzufügen – sondern vor allem darum, Teile davon an den Pranger zu stellen und auf ihre Entfernung aus dem öffentlichen und privaten Alltag hin zu arbeiten. Betrieben wird dies mittels „negativer Geschmacksbildung“. Diätapostel finden am Essen immer etwas Böses – ob Fett, Fleisch oder Zucker, ob Farb- und Konservierungsstoffe, ob Gluten oder Laktose.

An den neuen Ernährungsdoktrinen fällt auf, dass von ihren Verfechtern vor allem eins betrieben wird: Speisen und Genüsse, die bei ihnen selbst – aus welchem Grund auch immer – Unbehagen, Kritik und Befürchtungen auslösen, wollen sie anderen Menschen als politisch unkorrekt abgewöhnen. Gern wird zu diesem Zweck damit argumentiert, Essverhalten und Verantwortungsbewusstsein der Anders-Essenden seien, ohne dass diese es wahrnähmen oder wahrhaben wollten, denaturalisiert oder manipuliert – und nur man selbst sei in der Lage, dies zu durchschauen.

Spätestens dort werden Diätapostel zu Moralaposteln – und damit zu Aktivisten der Political Correctness. Ihr Anliegen ist es, Genuss und Genießen paternalistisch zu normieren. Sie versuchen, die Hyperkomplexität der globalen Weltgesellschaft durch das Aufpfropfen einer Hypermoral auf ein überschaubares Maß zu reduzieren. Sie verfolgen ein politisches Programm. Und Politik heißt stets: die Machtfrage stellen. Was ist legitim, was ist es nicht? Wer ist Freund, wer ist Feind?

In einer durch Kommunikationsdiskurse geprägten Demokratie wie der unseren lassen sich Machtfragen sehr gut über die kulturellen Lebensstile von Bevölkerungsgruppen ausfechten. Dieser neue, von der Seite der Moralapostel aus offensiv ausgetragene Machtanspruch verlangt als Antwort, dass all jene, die sich nicht bevormunden lassen wollen, ebenso offen zu ihren eigenen geschmacklichen Vorlieben stehen und einer sozialen und politischen Kultur den Rücken stärken, die die Freiheit des Einzelnen respektiert. Es bleibt dabei: Essen Sie doch, was Sie wollen, aber lassen Sie es sich schmecken!

Dr. Daniel Kofahl ist Ernährungssoziologe und leitet das Büro für Agrarpolitik und Ernährungskultur APEK. Er ist Dozent an der Universität Wien, forscht an der TU Berlin und berät Verbände sowie Unternehmen. Für den HAUPTSTADTBRIEF zeigt er, wie leicht Fragen des Geschmacks heute zur politischen Frage werden.

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