Anschlag

Breitscheidplatz-Attentäter Amri hatte wohl Unterstützer

Italienische Behörden verdächtigten bereits wenige Wochen nach dem Anschlag zwei Islamisten aus Berlin der Mittäterschaft.

Foto: Bernd von Jutrczenka / dpa

Berlin. Der Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, Anis Amri, war womöglich kein Einzeltäter. Ein Ermittlerteam des Polizeipräsidiums der italienischen Stadt Brindisi ging bereits zwei Wochen nach dem Anschlag vom 19. Dezember 2016 davon aus, dass Amri bei der Planung seiner Lkw-Todesfahrt und der anschließenden Flucht von drei Islamisten aus dem Umfeld des Tunesiers unterstützt wurde. Der der Öffentlichkeit bisher unbekannte Vermerk der Italiener datiert vom 2. Januar 2017. Der Inhalt ist einem Rechercheteam der Berliner Morgenpost, des RBB und des ARD-Magazins „Kontraste“ bekannt. Wörtlich heißt es in dem von deutschen Behörden übersetzten Dokument, dass Amri den Anschlag „unter direkter Beteiligung“ der beiden Islamisten verübt habe. Die deutschen Ermittlungsbehörden hatten Amri dagegen bisher stets als Einzeltäter dargestellt.

Italienische Ermittler stützen Verdacht auf abgehörte Telefonate

Die Namen der von den Italienern genannten mutmaßlichen Unterstützer Amri sind dem Rechercheteam bekannt. Sie waren Aktivisten der wenige Wochen nach dem Anschlag geschlossenen Fussilet-Moschee in Berlin-Moabit und müssen sich zurzeit vor dem Berliner Kammergericht verantworten. Die Staatsanwaltschaft wirft ihnen vor, wenige Wochen vor dem Anschlag versucht zu haben, über Italien in die dschihadistischen Kampfgebiete nach Syrien zu reisen. Ihr mutmaßlicher Ausreiseversuch scheiterte allerdings, so dass sie zum Zeitpunkt des Anschlags wieder in Berlin waren. Die Festnahme wegen des mutmaßlichen Ausreiseversuchs erfolgte erst später.

Die italienischen Ermittler stützten ihren Verdacht der Mittäterschaft auf abgehörte Telefonate, die ein Mitglied islamistischen Reisegruppe unmittelbar nach dem gescheiterten Ausreiseversuch in einer italienischen Abschiebeeinrichtung führte. In einem am 30. Dezember, also elf Tage nach dem Anschlag geführten Gespräch unterhielt sich der Mann mit einem weiteren Mitglied der Reisegruppe – mutmaßlich über den Anschlag auf dem Berliner Weihnachtsmarkt. „Das war nicht der richtige Ort“, sagt einer der Männer laut Gesprächsprotokoll. Der andere erwidert: „Die Straße war falsch.“ Dann sprechen sie über einen „Fuffy mit dem LKW“. Das Wort Fuffy wurde nach Erkenntnissen der italienischen Ermittler als Pseudonym für einen der mutmaßlichen Unterstützer von Anis Amri genutzt.

Die deutschen Ermittlungsbehörden schenkten den mehrere dutzend Seiten langen Vermerken ihrer italienischen Kollegen offenbar wenig Aufmerksamkeit. Das abgehörte Telefonat sei offenbar falsch protokolliert worden, heißt es in einem dreiseitigen Vermerk der Berliner Generalstaatsanwaltschaft vom 13. März 2017. Auch das BKA schrieb einen Monat später in einem vierseitigen Vermerk, es gebe „keine Hinweise auf eine Tatbeteiligung“.

Die innenpolitische Sprecherin der Grünen im Bundestag, Irene Mihalic, kritisierte, die deutschen Behörden hätten die Hinweise aus Italien offenbar nicht angemessen geprüft. „Vor allem von der Bundesanwaltschaft fordern wir Aufklärung, wie mit diesen Informationen umgegangen worden ist“, sagte Mihalic.

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