Konzept

Wie der neue Spreepark im Plänterwald aussehen soll

Nach Jahren im Dornröschenschlaf soll der einstige DDR-Vergnügungspark wieder erwachen. Mix aus Kunst, Kultur und Natur geplant.

Berlin. Wer diesen Ort bislang nur als Kulisse aus Film und Fernsehen kannte, ist beim Betreten des Geländes erst mal fasziniert. In morbider Schönheit erhebt sich das alte Riesenrad über die Baumwipfel. Die Gondeln – 40 an der Zahl anlässlich des 40. Geburtstages der DDR – schwingen im Wind. Der Weg führt weiter zu der Achterbahn, dem „Spreeblitz“, auf dem die Wagen immer noch vor sich hin rosten und wo Mutter Natur sich ihren Platz zurückerobert hat. Das berühmte „Katzenmaul“ schimmert bläulich durch Zweige und Gestrüpp.

Ein fast vergessener Ort mitten in Berlin, der seit seiner endgültigen Schließung 2001 allemal noch „populärkulturell mythisiert“ (Wikipedia) und Ziel von Vandalen wurde, soll endlich wieder eine Funktion bekommen. Der Spreepark sei „Teil der Geschichte der Stadt, der lange im Verborgenen lag und jetzt nach und nach zugänglich gemacht werden soll“, sagte Regine Günther am Freitag. Da stellte Berlins Senatorin für Umwelt und Verkehr (parteilos, für Grüne) die Zukunftspläne für den einstigen DDR-Vergnügungspark vor. Und sicher ist: Einen Rummel soll es auf der 23 Hektar großen Fläche im Plänterwald nicht geben. Vielmehr einen „Ort der Überraschungen“, einen neuen „Teil der Kulturmetropole Berlin“.

Die Schlagworte, unter denen ein Team aus Planern, Kunstwissenschaftlern und Architekten in Abstimmung mit Senat, Bezirk und Anwohnern seit 2016 einen Rahmenplan für die Reaktivierung erstellt hat, lauten: Kunst, Kultur, Natur. Der Charme des 1969 als Kulturpark Plänterwald eröffneten Parks soll unter anderem erhalten bleiben, indem die alten Fahrgeschäfte neu genutzt werden.

Eine Chance auf Reaktivierung hat dabei allerdings nur das rote Riesenrad. Es wurde 1989 gebaut und galt als eine der Hauptattraktionen. 45 hoch, fanden hier bis zu 240 Besucher Platz. Eine Untersuchung ergab, dass die Grundkonstruktion noch in gutem Zustand ist. Erneuert werden müsste die Steuerungstechnik, auch die Gondeln würden den heutigen Sicherheitsstandards bei Wiederinbetriebnahme nicht entsprechen. Ob am Ende aber wirkoch wieder Besucher ihre Runde drehen können, ist noch nicht ganz klar.

Nicht mehr fahren wird der „Spreeblitz“. Ihn will die landeseigene Grün Berlin GmbH, die für die Umsetzung des Projektes verantwortlich ist, begehbar statt befahrbar machen. Denkbar ist, dass auf den Schienen Wege entstehen, über die sich die Bahn erkunden lässt. Arbeitstitel: „Catwalk“ – wegen des Katzenmauls. Einen Rundgang könnte es auch auf der ehemaligen Wasserrutsche geben. Aus dem einstigen „Teetassenkarussell“ will die Grün Berlin einen Aufenthaltsort für Groß und Klein machen. Im reaktivierten Kino könnten alte Filmsequenzen aus dem Park laufen.

Es ist ein Mammutprojekt, das sich die Landesregierung vorgenommen hat. Das zeigt schon, dass sich die Verantwortlichen in vielen Kernfragen nicht konkret äußern wollen – oder können. Eine Menge Fragen sind noch offen. Einen Eröffnungstermin etwa will die Umweltverwaltung erst mal nicht nennen. Wenn man schnell sei, so Christian Pfeuffer, Projektmanager bei der Grün Berlin, könne der Bebauungsplan in etwa zwei Jahren stehen. Aber dann folgen noch die Ausschreibungen und natürlich der Bau selbst.

Die Nostalgiker werden sich wohl noch eine Weile gedulden müssen, bis alles fertig ist. „Wir werden den Park abschnittsweise in Betrieb nehmen“, sagte Günther. Bislang gibt es nur Führungen, von einer zuvor noch in Aussicht gestellten Teileröffnung 2019 war am Freitag keine Rede mehr. Wie sehr sich manche Berliner den Park zurückwünschen, zeigt die Anekdote zweier Männer, die je einen Kopf einer Dinosaurierattrappe gestohlen hatten – und diese zurückbrachten, als sie erfuhren, dass der Park reaktiviert werden soll.

48 Millionen Euro Kosten, die Eintrittspreise stehen noch nicht fest

Insgesamt sind 48 Millionen Euro für das Projekt veranschlagt: 24 Millionen Euro fließen aus dem Berliner Investitionsfonds Siwana, sechs Millionen stehen im Haushalt, den Rest will man beim Bund beantragen. Sicher ist, dass der Park ein Zuschussgeschäft bleiben wird, schon jetzt kostet die Bewirtschaftung des Geländes – unter anderem wegen der permanenten Überwachung durch Sicherheitskräfte – eine Million Euro im Jahr. Wie viel der Eintritt kosten soll, darauf will man sich ebenfalls noch nicht festlegen. Die zuletzt kolportieren fünf bis sieben Euro wollte Günther am Freitag nicht bestätigen. Die Preise sollen aber „familienverträglich“ sein.

Erste Teiletappen sind indes geschafft. In den vergangenen Monaten wurden 1700 Kubikmeter Arsen-verseuchte Erde beseitigt. Bereits seit Herbst saniert wird das „Eierhäuschen“, das einstige Ausflugslokal im Süden des Parks. „Zusammen mit der angrenzenden Werkhalle soll hier ein wichtiger Übergangsbereich zum Gelände entstehen“, sagte Pfeuffer. Am „Eierhäuschen“ ist neben einem Biergarten zudem ein Schiffsanleger vorgesehen. Zum Verkehrskonzept gehört auch, höchstens 100 Parkplätze zu schaffen und die Leute überwiegend mit Bussen, Fahrrad (durch ausgebaute Radwege) oder eben übers Wasser (per Fähre) in den neuen Spreepark zu leiten. Für einen modernen Kunstpark braucht es natürlich auch Künstler. Im „Eierhäuschen“, dessen Sanierung bis 2021 abgeschlossen sein soll, sind deshalb Ateliers für Kreative geplant. Sie sollen dort auch temporär wohnen können.

Dinos, Koks und Insolvenz: Die Geschichte des Spreeparks

Der Spreepark im Plänterwald (Treptow) wurde am 4. Oktober 1969 zum 20. Geburtstag der DDR als „VEB Kulturpark“ eröffnet. Doch dem einzigen ständigen Vergnügungspark in der DDR, der bis zu 1,7 Millionen Menschen im Jahr anlockte, war nur eine kurze Erfolgsgeschichte beschieden. Der Park, zu dessen Attraktionen neben dem 45 Meter hohen Riesenrad eine Vielzahl von Fahrgeschäften, aber auch Konzert- , Tanz-, und Kinderveranstaltungen gehörten, wurde nach der Wende 1991 abgewickelt. Die Spreepark Berlin GmbH des Schaustellers Norbert Witte erhielt unter mehreren Bewerbern den Zuschlag – ein fataler Fehler wie die weitere Chronik der Ereignisse schnell zeigte.

Denn Schausteller Witte hatte Großes vor. Er wollte aus dem Spreepark mit seinen recht bescheidenen Attraktionen einen Freizeitpark nach westlichem Vorbild machen. Die asphaltierte Fläche um das Riesenrad wurde in eine Wasserlandschaft umgewandelt. Achterbahnen (davon eine mit Looping), zwei Wildwasserbahnen, eine Bühne für Shows, ein Westerndorf und ein englisches Dorf wurden errichtet. Der Spreepark wurde nun eintrittspflichtig. Für den Pauschalpreis von 29 DM, ermäßigt 27 DM, war die Nutzung aller Fahrgeschäfte inklusive, statt wie zuvor an jedem Fahrgeschäft einzeln zu bezahlen. 1997 schloss das Land Berlin schließlich mit der Spreepark GmbH einen Erbbaurechtsvertrag. Laut Vertrag bürgte das Land mit einer Grundschuld von 20 Millionen Euro für Witte, die später noch einmal um 4,2 Millionen Euro erhöht wurde. Von Anfang an gab es Zweifel, ob diese hohe Summe von Sachwerten gedeckt sei. Der Wert des Grundstücks wurde damals mit lediglich acht bis zehn Millionen Euro angesetzt. Der Vermögensausschuss des Abgeordnetenhauses stimmte trotz der Bedenken schließlich dem umstrittenen Vertrag zu.

Um die Jahrtausendwende wurde immer offensichtlicher, dass Witte sich übernommen, die Spreepark GmbH hoch verschuldet war. Hauptursache waren ausbleibende Besucher, 2001 kamen nur noch 400.000 Gäste in den Park. Am Ende der Saison musste Witte schließlich Insolvenz anmelden. Für bundesweite Schlagzeilen sorgte Witte mit seiner filmreifen Flucht, als er sich zu Jahresbeginn 2002 mit seiner Familie und seinen engsten Mitarbeitern nach Peru absetzte und dabei sechs Fahrgeschäfte in Schiffscontainern außer Landes schaffte. Doch auch der Versuch, mit einem Freizeitpark in Lima neu zu starten, scheiterte – genauso wie Wittes weitere Karriere als Drogenkurier. 2004 wurde Witte in Deutschland zu einer siebenjährigen Haftstrafe verurteilt. Er hatte versucht, im Mast des Fahrgeschäftes „Fliegender Teppich“ 167 Kilogramm Kokain von Peru nach Deutschland zu schmuggeln. Erst 2008 wurde Witte aus der Haft entlassen.

In Folge des Insolvenzverfahrens blieben Schulden in Höhe von elf Millionen Euro ungedeckt, der Spreepark wurde seit 2002 nur noch sporadisch geöffnet und verwahrloste immer mehr. Weil Gebäude und Fahrgeschäfte einsturzgefährdet waren, musste zudem ein Sicherheitsdienst engagiert werden, der das Areal bewacht. Seit 2009 konnten Interessierte den verlassenen Spreepark an Wochenenden bei Führungen besichtigen. Dazu hatte die Spreepark-Homepage von Christopher Flade zusammen mit der Sicherheitsfirma unter dem Motto „40 Jahre Rummel im Plänterwald“ aufgerufen. Zudem wurden am Wochenende und Feiertagen das Café „Mythos“ geöffnet. Der Verkaufserlös kam der Reparatur sanierungsfähiger ehemaliger Fahrgeschäfte zugute. Erfolgreich reaktiviert wurde auch die Parkeisenbahn Santa-Fe-Express. Im Sommer 2014 wurde das Gelände mit einem stabileren Zaun gesichert – trotzdem kam es im August 2014 zu einem Großfeuer, die Brandstifter wurden gefasst, die Sicherheitsmaßnahmen erhöht.

Zwar bekundeten Investoren aus dem In- und Ausland Interesse, den Park zu betreiben, doch aus verschiedenen Gründen kam es nie zu einem Vertragsabschluss. Anfang Juli 2013 wurde ein Termin für eine Zwangsversteigerung des Spreeparks angesetzt. Ein privater Investor bot 2,5 Millionen Euro, jedoch wurde die Versteigerung von Finanzsenator Ulrich Nußbaum überraschend abgesagt. Im Februar 2014 erwarb das Land Berlin das Erbbaurecht von der insolventen Spreepark GmbH und verfügt damit nun über das Grundstück. Die landeseigene Grün Berlin GmbH übernahm ab 2016 die Bewirtschaftung.