Pflegenotstand

Charité-Personalmangel: Pflegekraft widerspricht Direktor

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Katharina Viktoria Weiß
Charite, Bettenhochhaus, Luisenstrasse, Mitte, Berlin, Deutschland [ Rechtehinweis: picture alliance/Bildagentur-online ]

Charite, Bettenhochhaus, Luisenstrasse, Mitte, Berlin, Deutschland [ Rechtehinweis: picture alliance/Bildagentur-online ]

Foto: dpa Picture-Alliance / Bildagentur-online/Schoening / picture alliance / Bildagentur-o

Umstrittene Zustände in der Charité: Pflegekräfte halten Aussagen ihres Direktors für falsch und alarmieren die Morgenpost.

Berlin. Es sei nur eine Frage der Zeit, bis Patienten zu Schaden kämen: Nachdem Pflegekräfte der Charité in einem Brandbrief auf gravierende Mängel im neuen Notfallzentrum des Universitätsklinikums in Mitte hingewiesen hatten, gab der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, der Morgenpost ein Interview. Darin wies er den Vorwurf der Patientengefährdung zurück und revidierte die Darstellung der Autoren und Autorinnen des Brandbriefs, welche vor allem den extremen Personalmangel im Anästhesieteam der Charité anprangerten.

Nach unserem Artikel wandten sich Angestellte der Charité an uns, die die Aussagen des Direktors als respektlos und größtenteils falsch empfanden. Aus Angst vor Repressalien wollten uns die Pflegekräfte nur ein anonymes Interview geben. Wir sprachen mit einer Person, die seit mehr als einer Dekade zum Stammpersonal der Charité gehört, über die Gefahren, die der Personalmangel und bauliche Fehlplanungen Ihrer Meinung nach mit sich bringen.

Morgenpost: Bereits im Mai diesen Jahres veröffentlichten Pflegekräfte des neuen Notfallzentrums einen Brandbrief, der Ihren Angaben nach von mehr als 160 Mitarbeitern aller im OP tätigen Berufsgruppen unterzeichnet wurde. Ihr Chef, der Ärztliche Direktor der Charité, Ulrich Frei, sagte gegenüber der Berliner Morgenpost, dass unklar sei, wie viele Mitarbeiter das Schreiben unterstützen. Möglicherweise seien es nur sehr wenige, so Frei. Ist dieser zweite Brandbrief nur das Werk einzelner?

Pflegekraft: Wäre dem so, dann hätten diese wohl eher die Charité verlassen, als arbeitsrechtliche Konsequenzen zu riskieren. Bei dem großen Mangel an Fachpersonal in unserem Beruf ist es nicht schwer, in einer anderen Berliner Klinik eine Anstellung zu finden. Aber uns liegen die Patienten am Herzen, wir haben ein tolles Team, das zusammenhält. Deshalb kämpfen wir. Zu behaupten, dass nur wenige hinter diesen Forderungen stehen, ist nicht wahr. Der zweite Brandbrief wird, genauso wie der erste, von fast allen Mitarbeitern der Anästhesiepflege getragen und er erhält in großem Maße die Unterstützung aller im OP beschäftigten Berufsgruppen. Ob Herr Frei die Stimmung und die Zustände im Team kennt, wage ich zu bezweifeln. Ich zumindest habe ihn noch nie im OP gesehen.

Herr Frei spricht davon, dass ein veränderter Schichtbetrieb mit verstärkten Spätschichten für das Stammpersonal Grund für den Unmut des Personals sei.

Entgegen den von Prof. Frei getroffenen Aussagen hatte und habe ich keine Probleme damit, im Schichtdienst zu arbeiten. Mir war vom ersten Tag meiner Ausbildung, vor grob zwei Jahrzehnten, bekannt, dass dies zum Pflegeberuf dazugehört. Und so arbeiten wir auch im OP und in der Anästhesie im Schicht- und im Bereitschaftsdienst. Ich habe allerdings ein Problem damit, dass wir zunehmend unsere Dienste ohne Pausen verrichten müssen und genötigt werden, ungefragt Überstunden zu leisten. An dieser Stelle möchte ich ganz klar erwähnen, dass die Ursache hierfür keine Notfälle sind, sondern das geplante OP-Programm, welches nicht dem vorhandenen Personal angepasst wird. In Notfallsituationen verzichte ich, genauso wie meine Kollegen/-innen selbstverständlich auf Pausen oder einen pünktlichen Feierabend. Das ist für uns selbstverständlich!

Für Außenstehende ist es schwer zu begreifen, warum es nach dem Umbau des Notfallzentrums so gravierende Probleme gibt. Wie Herr Frei erwähnte, wurde doch sogar von 15 auf 12 OP-Säle reduziert.

Ja, dafür wird aber länger operiert – bis 20 Uhr, statt bis 15 Uhr, wie es im Großteil der Säle im Altbau der Fall war. Dieser Umbau geschah im Rahmen der Effizienzsteigerung. Für den OP-Betrieb bedeutet dies, dass die Wechselzeiten zischen zwei OPs möglichst minimiert werden sollen. Deshalb gibt es nun eine sogenannte „Zentrale Einleitung“. Um dieser herum spannen sich quasi halbkreisförmig die 12 Operationssäle. Der Sinn dieser Zentralen Einleitung ist, die Patienten in die Anästhesie einzuleiten und ihnen alles an Vorbereitung zukommen zu lassen. Damit der Patient, sobald der OP frei wird, nur noch in den Saal gefahren werden muss, und dann kann es losgehen. Speziell für diesen Bereich gibt es aber kein eigenes Pflegepersonal: Die Kräfte, die in den Sälen eingeteilt sind, kümmern sich in der sehr knapp bemessenen freien Zeit außerhalb des Saals um die Patienten – von denen sie nicht wissen, welcher Patient für welchen Saal auf welchem Platz liegt. Arbeitsprozesse werden häufig dadurch unterbrochen, dass die Pflegekraft zurück in den Saal gerufen wird. Es gibt keine Übergabe, das kann für die Patienten immens irritierend sein. Manchmal werden sie von drei oder vier Pflegekräften dasselbe gefragt, das macht ihnen Angst. Ich habe noch nie so viele Patienten vor der OP weinen sehen. Wir brauchen dringend mindestens zwei Kollegen, die nur für diese Zentrale Einleitung zuständig sind.

Zumindest auf die von Ihnen im Brandbrief hingewiesenen Lärmschutz-Mängel und die mangelhafte Luftabsaugung im Aufwachraum, die zu starken Kopfschmerzen bei Pflegekräften führt, ging die Charité ein. In einer Stellungnahme von Herrn Frei, die auf den 13.11. datiert ist, aber erst heute Morgen über den Personalrat Becker an das Pflegepersonal weitergleitet werden konnte, werden bauliche Verbesserungen zeitnah zugesagt.

So gut es klingt, da warten wir erst einmal ab. Zudem finden wir: Mit diesen Mängeln hätte der Aufwachraum gar nicht erst in Betrieb genommen werden sollen. Viele andere dieser Punkte in der Stellungnahme sind für uns zudem nicht schlüssig. Er behauptet, dass das Team der Pflegenden um fünfzehn Vollzeitkräfte ergänzt wurde. Acht verließen das Team, darunter zwei, die in Rente gehen und zwei, die sich versetzen ließen. Herr Frei klammert sich da an Zahlen, die mit unserem Arbeitsalltag wenig zu tun haben. Zudem wurde in der Stellungnahme nicht berücksichtigt, dass unseres Wissens nach fünf Mitarbeiter jetzt gekündigt haben und das Team Anfang 2018 verlassen werden. Auch wenn es neue Mitarbeiter gibt, die gerade eingelernt werden: An der schlichten Tatsache, dass wir unter extremem Personalmangel arbeiten, ändert das zudem alles nichts. Davon sind nicht nur die Pflegekräfte, sondern auch die Ärztinnen und Ärzte betroffen. Und welcher Patient wird gerne von einem Anästhesisten betreut, der im Akkord arbeiten muss, ohne anständige Pausen zu bekommen.

In seiner Stellungnahme spricht Herr Frei davon, dass eine externe Prüfung Anfang November den Standard der Abteilung zertifiziert und sogar gelobt hätte. Was sagen Sie dazu?

Diese Prüfungen sind für uns Pflegekräfte immer etwas undurchsichtig. Wird beispielsweise von oben ein Audit angekündigt, dann gibt es eine große Hektik – und es werden unter anderem alle Medikamente zuvor nochmals auf das Verfallsdatum geprüft. Etwas, wozu man sonst nie Zeit hat. Zudem sei einer wissenschaftlichen Analyse nach eine geringere Komplikationsrate festgestellt worden. Das bedeutet unseres Erachtens nach nur, dass weniger Patienten zu Schaden kommen – und nicht, dass weniger Patienten gefährdet werden. Wir wollen nicht darauf warten, dass diese Gefährdung in eine Schädigung übergeht. Wir dokumentieren alles und haben Aufzeichnungen, die deutlich belegen, wann und wie gehäuft kritische Situationen aus pflegerischer Sicht eingetreten sind.

Haben Sie und Ihre Kollegen keine Angst davor, aus dem Team entfernt zu werden, wenn bekannt wird, wer sich noch weiterhin zu den Mängeln äußert?

Doch, natürlich – aber wir wollen etwas ändern, weil uns das Wohl der uns anvertrauten Mitmenschen am Herzen liegt.