Notstand

Berlin fehlen mindestens 7000 Schulplätze - jährlich

Die Schülerzahl in der Stadt soll bis zum Jahr 2023 um 75.000 wachsen. Doch dafür fehlen die Kapazitäten. Und die Lehrer.

Bis 2021 wird es in Berlin ca. 75.000 Schüler mehr geben

Bis 2021 wird es in Berlin ca. 75.000 Schüler mehr geben

Foto: Franziska Kraufmann / dpa

Berlin.  Berlin muss beim Neubau und bei der Erweiterung von Schulen viel schneller werden als bisher. Andernfalls drohen in den kommenden Jahren massive Kapazitätsprobleme. Denn die aktuellsten Prognosen der Senatsverwaltungen für Bildung und Stadtentwicklung weisen ein erhebliches Wachstum der Schülerzahlen aus. Der derzeit noch im Abgeordnetenhaus vorliegende Schulentwicklungsplan ist hoffnungslos veraltet.

Allein für Erstklässler muss Berlin schon im kommenden Schuljahr ab September 2016 rund 1200 Plätze mehr bereitstellen als im laufenden Schuljahr. Bei 24 Schülern pro Klasse bedeutet das 50 zusätzliche Züge. Jede Grundschule bietet in der Regel drei bis vier Züge an. Rechnerisch geht es also um die Kapazität von zehn bis zwölf Grundschulen. Und es handelt sich bei dem Zuwachs zum kommenden Jahr nicht um eine Ausnahme: Jedes Jahr werden in absehbarer Zeit jeweils knapp 1000 zusätzliche Plätze benötigt. Die Prognosen sehen bis 2021 einen Anstieg auf 32.400 Erstklässler voraus – knapp 5000 mehr als derzeit.

Mit den neu eingeschulten Kindern wächst der Bedarf auch für die nächst- höheren Klassenstufen. Insgesamt soll die Schülerzahl in der Stadt bis zum Jahr 2023 um 75.000 wachsen. Grob gerechnet verlangt dieses Wachstum 70 bis 80 neue Schulen. Die Prognose übersteigt die bisherigen Annahmen um 40.000 Schüler. Bislang war Bildungssenatorin Sandra Scheeres (SPD) nur von einem Wachstum der Zahlen von 35.000 ausgegangen.

Neubauten in vielen Bezirken

Am heutigen Dienstag wird Scheeres im Senat ihr Konzept für einen beschleunigten Bau von Schulgebäuden vorlegen. Durch bessere Koordination der beteiligten Behörden soll die Planungs- und Bauzeit von bisher acht bis neun auf nur noch vier bis fünf Jahre verkürzt werden. Das Pilotprojekt der Bildungsverwaltung umfasst, wie berichtet, elf Schulbauten in sieben Bezirken – das entspricht in etwa 6600 neuen Schulplätzen – sowie den Bau von sieben Sporthallen in fünf Bezirken. Für diese Vorhaben sind bereits 250 bis 300 Millionen Euro im Haushalt eingeplant. Vorgesehen sind Neubauten in Mitte, Friedrichshain-Kreuzberg, Pankow, Spandau, Marzahn-Hellersdorf, Lichtenberg, Reinickendorf, Charlottenburg-Wilmersdorf und Steglitz-Zehlendorf.

Aber auch dieses ambitionierte Vorhaben steht unter dem Druck der Realitäten. 6600 zusätzliche Plätze bis 2020/21 entspricht noch nicht einmal einem Drittel des erwarteten zusätzlichen Bedarfs von 41.000 Plätzen. Jedes Jahr muss der Senat quer über alle Schularten zwischen 7000 und 10.000 zusätzliche Plätze schaffen, damit Kinder ordentlich unterrichtet werden können. Mit den nötigen Räumen steigt auch der Bedarf nach Lehrern.

Müller will "Hin und Her" beenden

Die große Koalition aus SPD und CDU hat kurz vor der nächsten Abgeordnetenhauswahl den drohenden Notstand erkannt. Der Regierende Bürgermeister Michael Müller rief beim SPD-Landesparteitag am vergangenen Freitag Schulneubau und -sanierung zum wichtigsten Thema für die Zeit nach der Wahl am 18. September aus. Müller versprach ein Programm, um in den kommenden Jahren wirklich jede Schule „anzufassen und zu sanieren“. Er kündigte an, das „Hin und Her“ der Zuständigkeiten beenden sowie Personal und Mittel aufstocken und bündeln zu wollen.

Die Opposition verlangt schon länger ein entschlossenes Handeln des Senats. „Die waren schon auf die früheren Prognosen nicht vorbereitet, geschweige denn auf die neuen Zahlen“, sagte die Bildungsexpertin der Linke, Regina Kittler, am Montag. Die große Koalition habe viel zu spät angefangen, sich ernsthaft um das Thema zu kümmern, kritisierte Kittler.