Mordprozess

Gericht verurteilt Knox zu 28 Jahren Haft

Im dritten Mordprozess gegen Amanda Knox ist das Urteil gefallen. Nach einer Verurteilung und einem Freispruch in den ersten beiden Verfahren wird die Amerikanerin erneut schuldig gesprochen.

Er ist doch gekommen. Er stellt sich. Am Tag des Urteils. Raffaele Sollecito betritt am Donnerstagmorgen das Gerichtsgebäude in Florenz. Lange, strähnige Haare, blauer Mantel, lila Pullover, im Kragen die Sonnenbrille eingehängt. Begleitet wird er von seinem Vater Francesco und seinem Onkel.

Mit den Journalisten reden will er nicht. „Wer gegen mich ist, der hatte gedacht, dass ich nicht erscheinen würde“, zischt ihnen nur kurz zu und setzt sich sofort auf den Platz, der für ihn reserviert ist.

Eigentlich war erwartet worden, dass Sollecito in seiner Heimatstadt Bari bleibt und nur alles von der Ferne verfolgt. „Das ist eine Geste des Muts und Respekts gegenüber dem Gericht. Es bezeugt das Vertrauen in die Justiz“, sagt sein Vater Francesco. Doch dann hält Raffaele das Warten nicht mehr aus.

Er verlässt den Saal und taucht nicht wieder auf. „Wir schaffen es einfach nicht“, sagt sein Vater, auch er geht. Am Ende bleiben die Verteidiger allein zurück.

Amanda Knox lässt sich gar nicht blicken. Sie verharrt in Seattle, im Nordwesten der USA. Knapp 9000 Kilometer entfernt, neun Stunden Zeitverschiebung. Ihre Mutter leistet ihr Gesellschaft. Was sich aus Florenz abspielt, bezieht sie aus dem Fernsehen, den Nachrichtenseiten im Internet und von ihren Anwälten, mit denen sie telefonisch in Kontakt steht.

Extrem aufgeregt sei sie, sagt ihr Verteidiger Luciano Ghirga, der mit ihr am Mittwochabend telefoniert hat. Schließlich schaltet sie den Fernseher aus, allzu groß ist die Anspannung.

30 Jahre Haft für Amanda, 26 Jahre für Raffaele

Raffaele und Amanda, früher einmal ein Paar, sind angeklagt wegen Mordes. Ihnen wird vorgeworfen, die britische Erasmus-Studentin Meredith Kercher in der Nacht zum 2. November 2007 in ihrer Wohnung in Perugia nach einem Streit sexuell missbraucht und brutal ermordet zu haben.

Staatsanwalt Alessandro Crini fordert schwere Strafen. 30 Jahre Haft für Amanda, 26 Jahre Haft für Raffaele. Lange müssen sie es aushalten, bis sie Gewissheit haben.

Um genau 21.52 Uhr ist es soweit. Nach fast zwölf Stunden Beratung schreitet der vorsitzende Richter Alessandro Nencini in den Gerichtssaal. Die Anwesenden erheben sich. Nach einem kurzen Augenblick liest Nencini die entscheidenden Worte vom Blatt. „Amanda Marie Knox, verurteilt zu 28 Jahren und sechs Monaten Haft.“ Auch Raffaele wird für schuldig befunden. 25 Jahre bekommt er aufgebrummt.

Es ist der vorläufige Schlusspunkt in einer scheinbar nie enden wollende Justizsaga. 2009 wurden Raffaele und Amanda verurteilt, 2011 freigesprochen. Im Frühjahr 2013 wurde der Freispruch kassiert. Seit September lief der zweite Berufungsprozess in Florenz. Jetzt, am 30. Januar, steht das Urteil.

Es ist das vierte in bald sieben Jahren. Vorbei ist es das Verfahren allerdings immer noch nicht. Gegen den Richterspruch von Nencini kann erneut Einspruch erhoben werden. Erst wenn das Kassationsgericht, das höchste Gericht Italiens, das Urteil bestätigt, legt die italienische Justiz den Fall Meredith ein für alle mal zu den Akten. Rechtskräftig zu einer Haft von 16 Jahren verurteilt ist bislang nur der Ivorianer Rudy Guede.

Das Drama um Meredith löste ein weltweites Medienecho aus, nicht zuletzt wegen der Protagonisten. Amanda, blond und blauäugig, tauften die Journalisten „Engel mit den Eisaugen“. Sie veröffentlichte ein Buch und gab serienweise Interviews. Immer wieder suchte sie den Kontakt zu der Familie des Opfers. Sie gab zu Protokoll, am Grab von Meredith beten zu wollen. Sie schrieb einen Brief an die Kercher-Familie, die ihn bislang noch nicht geöffnet hat.

Regelmäßig meldete sich über den Internettelefondienst Skype zu Wort. Zuletzt stand sie mit einem Journalisten der „New York Times“ in Kontakt. Erneut stellte sie sich als ein Opfer der italienischen Justiz dar: „Niemand kann die Erinnerung auslöschen, zu Unrecht eingesperrt worden zu sein.“

Knox bleibt wohl auf freiem Fuß

In den Zeitungen landete auch Raffaele. Auch er schrieb ein Buch. Während des Prozesses residierte er wochenlang in der Dominikanischen Republik, im Luxusressort in Bayahibe, unweit entfernt vom Traumstrand von Wyndham Dominicus Beach. Aufgespürt wurde er vom Wochenmagazin „Oggi“, in Begleitung eines Freundes und später an der Bar, umgeben von Inselschönheiten. Überhaupt machte er mit Frauengeschichten von sich reden.

Die Amerikanerin Kelsey Kay behauptet, dass Raffaele sich bemüht habe, über eine Heirat an eine Green Card zu kommen. Erst habe er um die Hand von Amanda angehalten. Als seine Ex-Freundin ihn abgewiesen habe, habe er es bei ihr versucht, erzählte Kay einer amerikanischen Nachrichtenseite. Raffaele streitet alles ab und behält sich rechtliche Schritte gegen Kay vor.

Jetzt sind Amanda und Raffaele verurteilt. Doch ihnen winkt ein höchst unterschiedliches Schicksal. Amanda wird wohl auf freiem Fuß bleiben. Es gilt als höchst unwahrscheinlich, dass die USA die Amerikanerin nach Italien ausliefert. Denn in den Vereinigten Staaten kann niemand ein zweites Mal für ein Verbrechen verurteilt werden.

Doch die Amerikanerin ist in ihrer Freiheit eingeschränkt. Sollte sie ausreisen, beispielsweise nach Europa, würde sie Gefahr laufen, festgesetzt und den italienischen Behörden überstellt zu werden.

Herrscht nach dem Urteil nun Gerechtigkeit?

Raffaele muss erst dann ins Gefängnis, wenn das Kassationsgericht das Urteil bestätigt. Doch schon vorher kann er sich nicht mehr frei bewegen. Staatsanwalt Crini spricht von Fluchtgefahr und forderte, dass die beiden Angeklagten im Falle einer Verurteilung bis zum finalen Urteil des obersten Gerichts festgesetzt werden.

Der Richter wies den Antrag für Amanda ab, da sich als US-Bürgerin in ihrer Heimat aufhält. Für Raffaele bestätigte Nencini jedoch die Vorsichtsmaßnahmen. Das bedeutet konkret, dass Raffaele seinen Pass abgeben muss und nicht mehr Italien verlassen darf. Seine Reisen in die Karibik sind ihm untersagt.

Herrscht nach dem Urteil nun Gerechtigkeit? Lyle und Stephanie, Bruder und Schwester Merediths, brachen um 13.00 Uhr in Richtung Florenz auf. Auf dem Flughafen Amerigo Vespucci wurden sie von den Anwälten Francesco Maresca und Serena Perna in Empfang genommen und zum Gericht in Florenz gebracht. „Wir akzeptieren die Entscheidung des Gerichts, egal wie sie auch ausfallen mag“, sagte Stephanie in die Fernsehkameras.

„Wir wollen nicht, dass die falschen Personen büßen müssen. Wir wollen wissen, was in der Nacht geschehen ist.“ Können die beiden vergeben? Ihr Bruder Lyle schließt das aus. „Jeder sollte die Anklageschrift genau lesen und sich fragen, ob es möglich ist, jemandem zu verzeihen, der seiner Schwester so etwas angetan hat“, sagte Lyle vor dem Urteilsspruch. „Für mich ist das unmöglich.“