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Kinder

KUBIBE: Wo Kinder entscheiden

Schon bei den Kleinsten sollen gezielt die Kreativität und die kulturellen Kompetenzen gefördert werden – für ein spielerisches und selbstbestimmtes Lernen mit allen Sinnen.

Schon bei den Kleinsten sollen gezielt die Kreativität und die kulturellen Kompetenzen gefördert werden – für ein spielerisches und selbstbestimmtes Lernen mit allen Sinnen.

Foto: unsplash

Die KUBIBE.Berlin gGmbH arbeitet seit über 20 Jahren als Träger der freien Jugendhilfe.

Sie vereint sechs Einrichtungen der Kinder- und Jugendhilfe in Prenzlauer Berg und Berlin Buch unter ihrem Dach: vier Kitas und zwei betreute Wohnprojekte. Im Februar 2020 startete die erste Klasse der „Weiterdenker – Fachschule für Sozialpädagogik“.

KUBIBE-Geschäftsführer Thilo Schwarz-Schlüßler und Geertje Doering, Schulleiterin der „Weiterdenker – Fachschule für Sozialpädagogik“, geben einen Einblick in die Demokratiepädagogik und Teilhabekultur.

Wofür steht KUBIBE.Berlin?

Thilo Schwarz-Schlüßler: KUBIBE steht für kulturelle Bildung und Betreuung, wobei wir Kultur weniger im Zusammenhang mit Kunst sehen, sondern mit „cultura“ („Bestelle dein Feld“). Dazu gehört Architektur, Mathematik, Chemie. Alles, was der Mensch kultiviert. Und Betreuung heißt, dass wir Menschen helfen, wenn sie manche Dinge nicht allein können. Bei ganz kleinen Kindern ist das zum Beispiel das Windelwechseln. Das ist bei uns der Betreuungs- und Pflegeaspekt, der klar gesetzlich definiert ist. Der Betreuungs- und Bildungsbereich der KUBIBE schließt Kita und HzE-Einrichtungen mit ein. Wir haben diesen ausgeweitet auf die Ausbildung von Erzieher:innen und haben die Weiterdenker Fachschule für Sozialpädagogik gegründet. In allen Bereichen setzen wir uns für die Rechte von Kindern ein.

Werden deren Wünsche und Ideen nicht ausreichend wahrgenommen?

Thilo Schwarz-Schlüßler: Es geht uns darum, dass der Mensch, sobald er geboren ist, ein eigenständiges Wesen ist, und nach den Kinderrechten, welches Menschenrechte sind, unmittelbar eingebunden werden muss in den Entscheidungsbereich, was mit ihm als Mensch passiert, was er gerne möchte, woran er teilhaben möchte. Immer ausgerichtet auf seine motorischen und kognitiven Fähigkeiten.

Geertje Doering: Wir als Erwachsene denken häufig, und das aus guten Motiven heraus, dass wir den Kindern eine wunderschöne Kindheit und einen schönen Alltag bereiten. Ob im familiären oder im institutionalisierten Rahmen. Und aus der Überzeugung heraus, die immer nur unsere eigene Biografie und unsere aktuelle Sichtweise widerspiegeln kann, dürfen wir nicht blind werden, zu sagen: Aber wir leben nicht das Leben der Kinder und das sind andere Bedürfnisträger, andere Individuen, die andere Lebenswege gehen. Hier ist eine Berücksichtigung der Rechte – und ich würde sie runterbrechen, gar nicht nur auf den justiziablen Bereich, sondern eher auf den menschenrechtlichen Bereich oder auf den psychischen Bereich eines Menschen – wichtig: Jeder ist individuell, jeder ist anders. Ist das, was für A richtig ist, auch für B richtig? Kann ich das mitdenken? Insofern ist es Aufgabe der Pädagog:innen wie auch der Eltern zu sagen: Ich sehe genau hin, ich höre genau hin. Wer ist mein Kind? Welche Bedürfnisse fordert es ein, wie kann ich ihm gerecht werden? Und wenn ich mehrere habe – was eine Institution wie Kita immer hat – wie kriege ich das zueinander? So, dass jeder sich aufgehoben und zugehörig fühlt und ich setze nicht meine Sichtweise als Erwachsener über die von Kindern und sage: Ich meine es ja gut, insofern wird es auch gut sein.

Thilo Schwarz-Schlüßler: Das finde ich richtig. In Institutionen, wie der unseren, ist es wichtig, den zukünftig wie auch derzeit tätigen Pädagog:innen zu vermitteln, dass, wenn die Kinder in der Gruppe sind, sie die Bedürfnisse und individuellen Wünsche der einzelnen auch untereinander wahrnehmen. Wichtig sind die Aushandlungsprozesse bei unterschiedlichen Haltungen. Diese müssen auch mit erlernt und vermittelt werden.

Der Beteiligungsgedanke selbst ist nichts Neues. Was aber macht ihn gerade so aktuell?

Geertje Doering: Hier würde ich erstmal schauen, was ist der Beteiligungsgedanke? Reicht uns ein Beteiligen? Ist das nicht etwas, wo ich sage, ich bin ganz großzügig und gebe euch etwas? Ist es nicht eher Teilhabe? Wenn jemand sagt, ich habe teil, ganz selbstverständlich und mir muss das nicht gegeben werden. Warum aktuell? Da können wir natürlich gucken auf die gesellschaftliche Lage und sagen, welche Menschen möchten wir erziehen, wie soll ein Urteilsbildungsprozess von Menschen sein? Je facettenreicher ich gucken kann, umso differenzierter kann ich die Welt wahrnehmen, umso mehr Möglichkeiten habe ich, ein eigenes Urteil zu einer Sache, sei es des politischen Weltgeschehens, der Umwelt um uns herum, zu bilden. Da gibt es genug Entwicklungsaufgaben für die nächste Generation, die wir ihr hinterlassen. Und das will geübt sein. Es will geübt sein, dass ein Kind von klein auf die Erfahrung macht seiner Entwicklung entsprechend: Ich habe eine eigene Meinung und die interessiert auch jemanden. Und die kann ich äußern und mir wird zugehört. Und genauso gehört die Erfahrung dahin: Nur, weil ich so denke, denkt ein anderer noch lange nicht so. Wir müssen uns miteinander in Beziehung setzen, in das Gespräch gehen, in Aushandlungsprozesse, die sicher, je jünger die Kinder sind, umso mehr auch moderiert werden müssen durch Erwachsene. Aber wir wissen, dass Kinder das in vielerlei Hinsicht auch selbst machen können und üben das altersentsprechend an kleinen Alltagssituationen, die ihr Leben betreffen. Aber perspektivisch – das, was es aktuell macht – brauchen wir Menschen, die die Geschicke der Gesellschaft in die Hand nehmen und sie mutig und engagiert lösen und mit anderen in den Dialog treten dazu.

Thilo Schwarz-Schlüßler: Die Stoßrichtung ist genau die, dass wir Menschen dazu befähigen, Teil einer Gesellschaft zu sein, diese auch zu reflektieren, sich und das Verhalten anderer zu reflektieren, um später auch aktiv in Veränderungsprozesse eintreten zu können. Das ist entscheidend. Dieses Selbstbewusstsein, das das Kind am Anfang hat – wenn es geboren ist, ist es ganz selbstbewusst, sagt, ich habe jetzt Hunger, kann sehr eindeutig zeigen, was es braucht. Und je differenzierter es sich mitteilen kann und teilhaben kann am Gesamtprozess Gesellschaft, umso mehr muss es sich einbringen können. Es geht nicht darum, dass wir beteiligen wollen, sondern dass wir ein Teilhaberecht voraussetzen, das ist die Grundhaltung und die ist eine andere.

Warum sollte demokratisches Handeln schon in der Kita beginnen? In welchem Alter setzen Teilhabeprojekte denn optimalerweise an?

Thilo Schwarz-Schlüßler: Demokratisches Handeln in der Kita bedeutet, ich habe die Teilhabegedanken fest in meiner Arbeitsweise und in meinem interaktiven Prozess mit den Kolleg:innen im Gesamten schon als Grundvoraussetzung verankert, als Grundhaltung.

Geertje Doering: Wenn ich in die Biografie eines Kindes gucke, dann ist die Kita ein Ort, wo die Kinder über viele Stunden eines Tages über mehrere Jahre sind. Dort findet Leben statt. Und da, wo Leben stattfindet, muss man Teilhabe mitgestalten, den Ort, das Miteinander, sich selbst als beteiligte Person, als aktive Person begreifen. Es ist ein Ort, wo Menschen, ob Groß oder Klein, gemeinsam sind und alle haben das Recht, gleichermaßen daran mitzuwirken, wie dieser Ort ist, wie er zu ihrem Ort wird – jeden Tag aufs Neue.

Thilo Schwarz-Schlüßler: Um auf die Frage zurückzukommen, in welchem Alter das einsetzt: In dem Moment, in dem ich entscheide, dass dieses Kind auf der Welt sein wird. Noch vor der Geburt. In dem Moment, wo die Entscheidung getroffen wird, dass dieses Leben lebt.

Geertje Doering: Ich störe mich ein bisschen an dem Wort „Projekte“. Das suggeriert: Bald ist Bundestagswahl, wir üben Kinderwahl. Ein Projekt ist etwas, das mache ich temporär. Und darum geht es überhaupt nicht in dem Alter. Es geht um den Alltag, alle Dinge, die einen selbst betreffen, aktiv mitzugestalten. Und wenn ich an kleine Kinder denke – hier gibt es viele Tätigkeiten, die zu Routinen von Erwachsenen gehören, sei es beim Mittagessen das Lätzchen umzubinden. Es gibt Kinder, die finden das ganz unangenehm, und wenn es hier dazu gehört, zu sagen: Hier gibt es Lätzchen, wer möchte denn eines? Oder: Darf ich dir ein Lätzchen umbinden? Dann habe ich das Kind an der Stelle beteiligt am kleinen Tagesprojekt „Wir essen Mittag“. Ich nehme das Kind ernst. Wenn mir jemand etwas umbindet, werde ich gefragt, zum Beispiel beim Frisörbesuch. Und wenn ich sage, dass mir das am Hals unangenehm ist, dann kann ich das äußern. Und hier müssen wir schauen, an welchen kleinen Sachen wir ihnen zeigen, dass es uns wichtig ist. Es geht um dich. Möchtest du das oder nicht? Und was für dich richtig ist, muss für dein Nachbarkind, das daneben sitzt, noch lange nicht richtig sein. Und deswegen frage ich auch dieses Kind wieder: Darf ich auch dir ein Lätzchen umbinden?

Wie lässt sich selbstbestimmtes Mitwirken und demokratisches Handeln vermitteln?

Thilo Schwarz-Schlüßler: Indem es immer stattfindet, zu jedem Zeitpunkt und zu allem, was das Kind betrifft. Ein anderes Beispiel: Schuhe zu binden. Gibt es den Moment, in dem alle Kinder das als Projekt gemeinsam lernen oder kann ich individuell gucken, welche Kinder schon die motorischen Fähigkeiten dazu haben? Welche Kinder fangen schon von selbst an? Und dann nehme ich die Hände weg. Nur weil es schneller geht als Erzieher:in, den Kindern die Schuhe zuzubinden, heißt es noch lange nicht, dass ich dem Kind diesen selbstbestimmten Lernprozess, den es jetzt gerade starten möchte, unterbreche. Natürlich ist das ein schwieriger Prozess im Alltag. Das hängt mit guten Personalschlüsseln zusammen. Die Frage ist, ob ein Personalschlüssel in Berlin in dem Bereich der über Dreijährigen von 1:9 ohne Betrachtung von Urlaub, Krankheit und individueller Fortbildung wirklich angemessen ist? Oder braucht es da vielleicht auch nochmal andere Diskussionen?

Was zeichnet eine demokratische Kita aus?

Thilo Schwarz-Schlüßler: Dass die Grundhaltung aller am Prozess beteiligten diese ist: Es dreht sich um die Bedürfnisse und die Bedürfnisanzeige der Kinder in – und da kommen wir zum Bereich des demokratischen Handelns – Abstimmung mit den anderen Kindern. Es ist völlig klar, wenn ich zehn Kinder habe und sie hätten die freie Wahl und jeder möchte jetzt was Eigenes machen, muss ich zehn Angebote entwickeln. Wir sind aber nur zwei Erzieher:innen. Jetzt kommen wir in einen Aushandlungsprozess und darüber lernen wir demokratisches, teilhabendes und auch rücksichtsvolles, zugewandtes Handeln.

Geertje Doering: Ja. Demokratische Kita ist für mich etwas, bei der die Gelegenheit geschaffen wird. Das ist ja oft etwas, was wir bei Heranwachsenden rückblickend auf deren Biographie sehen, dass viel zu wenig Gelegenheiten da waren, so etwas zu üben. Was ja auch heißt: Toleranz, sich selbst verstehen, sich selbst an mancher Stelle auch mal zurücknehmen, zu erfahren, manchmal kann ich mich mit meiner Meinung nicht durchsetzen, manchmal schon. Und auch: Wie baue ich schon als Kind eine kleine Argumentation auf, was natürlich nachfolgende Institutionen noch erweitern können, weil die Kinder dann einfach über mehr kognitive Möglichkeiten verfügen. Aber hier ist es eine Grundhaltung im Alltag. Nicht: An dieser Stelle sind wir jetzt mal partizipativ und ermöglichen den Kindern Teilhabe oder geben ihnen dieses Recht für eine halbe Stunde. Vielmehr fängt es früh an, wenn die Kita aufmacht und es zieht sich den ganzen Tag durch und morgen ist es auch wieder da.

Thilo Schwarz-Schlüßler: Ich möchte an der Stelle ein Beispiel bringen aus einer unserer Kitas: Wir haben die interne Evaluation durch Kinder im Trägerkonzept verankert. Das heißt, einmal im Jahr evaluieren die Kinder ihre Kita. Eine Kita hat sich die Teilhabe der Kinder an allen Prozessen im Alltag auf die Fahnen geschrieben, sie hat ein Kinderparlament, in dem Dinge miteinander abgestimmt werden, in dem auch schon die Kleinsten vertreten sind über die Erzieher:innen aus dem Nestbereich, die vorher altersgerechte Abfragen machen. Diese Kita hat eine Umfrage gemacht: Wo fühlt ihr euch nicht beteiligt? Und die Kinder haben gesagt: Wir können hier eigentlich alles super mitbestimmen, und es funktioniert alles wunderbar. Aber wenn wir weggehen, rausgehen, dann sagen eigentlich immer die Erzieher:innen, auf welchen Spielplatz wir gehen. Hier wurde etwas offengelegt, was dem Team gar nicht bewusst war. Wie lässt sich demokratisches Handeln vermitteln? Indem ich frage. Indem ich in die Kommunikation gehe. In den Austausch auf Augenhöhe. Und das muss man auch institutionell verankern, indem man in einem gemeinsamen Qualitätskonzept vereinbart, dass einmal im Jahr die Kinder gefragt werden, so wie alle Eltern oder Mitarbeiter:innen einmal im Jahr zu bestimmten Themen der Einrichtung gefragt werden. Wir machen das seit 2018.

Was wird durch partizipative Erziehungsstile gefördert?

Geertje Doering: Selbstwirksamkeit. Mit all dem, was dazu gehört: Welches Bild habe ich von mir? Wie kann ich meine Umwelt mitgestalten? Wo nehme ich mich passiv, wo aktiv wahr? Was sehe ich an als beherrschbar für mich, was kann ich innerhalb meiner Umgebung kontrollieren und insofern besser zugänglich für mich machen? Und wie gestalte ich meine Interaktion mit den Menschen, mit denen ich Umwelt teile?

Zu den Totschlagargumenten gegenüber der Kinder- und Jugendbeteiligung gehört der Verweis auf die mangelnden Kompetenzen und den fehlenden Sachverstand junger Menschen. Was setzen Sie dem entgegen?

Thilo Schwarz-Schlüßler: Das ist die Erwachsenensicht. Das ist Adultismus, das meint die Haltung: Ich als Erwachsener weiß viel besser, über all die Dinge Bescheid. Aber nur, weil ich früher geboren bin, heißt das ja nicht, dass ich alles viel besser verstanden habe. Nur weil ich kognitiv einfach schon gereifter bin, bedeutet das ja nicht, dass ich meine Umgebung besser verstehe als ein Kind oder ein Jugendlicher. Wir haben in der KUBIBE auch junge Frauen und Mütter, die wir betreuen. Jeder ist erstmal der Experte seiner eigenen Lebenswelt.

Geertje Doering: Natürlich haben wir Erkenntnisse aus der Entwicklungspsychologie und wissen, wenn wir zum Beispiel kognitive Prozesse angucken, dass das Hirn noch nicht voll ausgereift ist. Noch lange Jahre lang nicht, die ganze Kindheit und auch Jugend über sind Umstrukturierungsprozesse und Ausreifungsprozesse des Hirns im Gange. Wir wissen, dass bestimmte Perspektivübernahmefähigkeiten erst mit etwa acht Jahren möglich sind. Perspektivisches Denken in die Zukunft gerichtet ist auch erst im Grundschulalter möglich. Aber das Jetzt und Hier, und darum geht es, wenn ich über Kita nachdenke, gestalten und erleben Kinder mit. Aufgabe von Pädagog:innen ist es dann, darum zu wissen, auf welchem Entwicklungsstand hole ich ein Kind ab und welche Unterstützungsmöglichkeit braucht es von mir, um seine eigenen Interessen und Bedürfnisse artikulieren und verdeutlichen zu können. Das kann ein Krippenkind natürlich mehr auf nonverbale Weise. Aber das muss ich lesen können. Und ich muss um den Entwicklungsstand wissen. Und deswegen ist es uns so wichtig, zukünftige Pädagog:innen in unserer Fachschule so auszubilden, dass sie detaillierte Kenntnisse haben und Rückschlüsse auf ihr pädagogisches Handeln ziehen können, um Kinder jeden Lebensalters so zu begleiten, dass sie ihrer Entwicklung gemäße Unterstützung erhalten, um ihre Bedürfnisse zum Ausdruck bringen zu können.

Thilo Schwarz-Schlüßler: Dem Totschlagargument „fehlender Sachverstand“ habe ich etwas entgegenzustellen: Deutschland hat die UN-Kinderrechtskonventionen unterschrieben. Die besteht aus vielen Paragraphen und Vorgaben, da steht alles eindeutig drin, insofern sind wir verpflichtet dazu, die Teilhabe von Kindern und Jugendlichen zu gewährleisten.

Geertje Doering: Und fehlender Sachverstand: Jeder ist Experte seiner selbst. Ich kann als Erwachsener sicher Sachen voraussehen und sagen, wenn bei diesem Wetter keine Mütze aufgesetzt wird, könnte es gesundheitlich vielleicht Folgen haben, vielleicht auch nicht. Das weiß ich ja gar nicht. Und das sind Sachen, wo ich drauf hinwirken kann. Aber womit sich ein Mensch wohlfühlt, in welcher Situation, was er mag, was er nicht mag, wo er Vorlieben hat, wofür er eine Motivation hat, das kann ich nur für mich selbst wissen. Und da kann ich mich nicht aufschwingen und sagen, ich glaube, das für 20 andere auch zu wissen. Ich kann es im Idealfall für mich selbst wissen. Und da möchten wir junge Menschen dazu befähigen, das über die Zeitspanne ihres Lebens wahrzunehmen, das, was viele ja nicht können: eigene Bedürfnisse wahrnehmen, Motivation steuern.

Thilo Schwarz-Schlüßler: Und wenn ich den fehlenden Sachverstand akzeptiere, weil die kognitive Entwicklung einfach noch nicht soweit sein kann, muss ich aber akzeptieren, dass, wenn ich vom ersten Tag an partizipative Strukturen habe und lebe, ich automatisch Menschen permanent beteilige an der Gestaltung ihres eigenen Lebens und ihrer Umgebung. Es geht jetzt eher um die Fragen, wie und ab wann sollten Jugendliche wählen können, ab wann können Kinder dies oder das entscheiden. Das kann ich nicht entscheiden, ich muss einfach die Möglichkeiten anbieten und dann den Menschen die freie Wahl lassen, sich daran zu beteiligen oder nicht. Wir haben, wie schon erwähnt, in einer Kita ein Kinderparlament, das heißt aber nicht, dass die Kinder gezwungen sind, daran teilzunehmen. Teilhabe ist immer ein Angebot.

Geertje Doering: Eine gute Methode für Kitas ist, nicht nur sich selbst immer wieder zu hinterfragen, sondern auch kollegiale Beobachtungen zu nutzen – man nennt es „Jobshadowing“. Da nimmt sich mal ein/e Kolleg:in Zeit und beobachtet zum Beispiel eine Situation beim Essen oder beim Wickeln, in der Graderobe, wo auch immer. Hinterher schaut man sich die Situation videografiert an und fragt sie, wo hier Teilhabe von Kindern ermöglicht wurde. Wo waren die Erzieher:innen zu ungeduldig? Wo ist es nicht gelungen und woran liegt es? Sind es personale oder situationale Rahmenbedingungen und wie können wir darauf einwirken, dass wir den Kindern immer wieder Teilhabe im Kleinen und in Alltagssituationen verschaffen?

Thilo Schwarz-Schlüßler: Natürlich haben wir auch Eltern, die das nicht umgesetzt haben wollen, die Vorgaben machen, wie: Mein Kind muss schlafen. Oder eben darf nicht schlafen, damit es abends besser einschläft. Wir müssen bei allen Beteiligten immer wieder vermitteln, dass wir auf die Bedürfnisse der Kinder hören. Das ist nicht so einfach. Deswegen ist es wichtig, dass, wenn wir bei uns in der Fachschule die zukünftigen Erzieher:innen ausbilden, wir auch den kommunikativen Aspekt zu Erwachsenen mit ausbilden. Es ist unsere Aufgabe allen Beteiligten darzustellen, wie unser Denken und unser Handeln ist.

Geertje Doering: Und hier drehe ich nochmal den Blick auf das Kind. Sicher sind Erziehungsstile von Eltern unterschiedlich und da haben sie auch ein Recht drauf, ihren Erziehungsstil zu praktizieren. Aber für ein Kind ist es dann auch eine Chance zu sagen: Ich erlebe innerhalb der Kita nochmal was anderes, so, dass es später auch für sich ein größeres Verhaltensspektrum hat, auf das es zurückgreifen kann, weil es das kennengelernt und letztlich auch immer mehr Entscheidungsbefugnisse hat, wie es sein eigenes Leben gestalten möchte.

Thilo Schwarz-Schlüßler: Es gibt übrigens auch positive Auswirkungen dieser Prozesse auf das Zuhause: Oft melden Eltern zurück, dass Kinder viel früher, zum Beispiel am Abendbrottisch mitentscheiden, was auf den Tisch kommt oder wer wo sitzt. Da die Kinder das in den Kitas erleben, möchten sie das natürlich auch Daheim erleben. Es ist schön, wenn wir sehen, wie unser Konzept Erfolge in der ganzen Lebenswelt der Kinder findet.

Geertje Doering: Dann müssen wir nur noch das Wort „Erziehen“ abschaffen, weil das ja eigentlich widerläufig ist. Wir ziehen in eine Richtung.

Thilo Schwarz-Schlüßler: Genau. Deswegen bilden wir ja auch pädagogische Fachkräfte und keine Erzieher:innen aus. Auch wenn das leider noch auf den Zertifikaten steht.

Wir freuen uns auf Sie:

 

 

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