Zwölf Stunden

Mit den Pferden in der Manege

Die Show „EquestrianArt“ bringt bis Ende Oktober die Kunst des Reitens und der Dressur ins zweitgrößte Zirkuszelt Deutschlands.

Sarah Sperlich (l.) und Jastin Renz vom Circus Berolina mit Kaltblut Bajazzo

Sarah Sperlich (l.) und Jastin Renz vom Circus Berolina mit Kaltblut Bajazzo

Foto: Jörg Krauthöfer

Berlin. 8:10: Im Bürowagen macht Marcello Spindler die „Kindergartenpost“ fertig. Hunderte Umschläge hat er vorbereitet, um die aktuelle Show „EquestrianArt“ bekannt zu machen, in der sich besonders viel um die Kunst des Reitens dreht. Der Circus Berolina gilt als Deutschlands bester Pferdezirkus, die große Reitertruppe hat sogar einen Preis beim Zirkusfestival in Monte Carlo eingeheimst. „Es gibt aber noch einen anderen Grund für die Pferdeshow in diesem Jahr“, sagt Marcello Spindler, „denn der klassische Zirkus ist 1768 entstanden und feiert sein 250-jähriges Bestehen.“ Die runde, mit Sand gefüllte Manege war ursprünglich wegen der Pferde erdacht worden, und es gibt sie bis heute, erklärt er. „Wir sagen immer, der Zirkus ist auf dem Pferd geboren worden!“

9:30: In das zweitgrößte Zirkuszelt Deutschlands passen 1300 Besucher, und insgesamt 40 Trucks rücken an, wenn es aufgebaut wird. Wohn-, Kassen- und Restaurationswagen, Tiertransporter und natürlich Laster für das Zelt und das Equipment. „In zwei bis höchstens drei Tagen bauen wir dann alles auf“, sagt Senior Markus Spindler, der gerade einen der Lkw vom Gelände steuert. „Hier an der Landsberger Allee waren die Platzverhältnisse nicht die günstigsten, wir mussten eine Menge Gestrüpp bereinigen und erst einmal Löcher in die Betonplatten bohren, um die Halterungen für das Zelt zu verankern.“

10:40: Mit der Schaufel seines Radladers planiert Alessandro Spindler die Manege. Stattliche zehn Tonnen Lehm wurden in das Rund gekippt, ungefähr zwei Stunden dauert es, bis alles für Proben und Aufführungen glatt gewalzt ist. „Klassischerweise kommt Sand in die Manege, wir nehmen aber Lehm, weil der das Ausrutschen der Tiere besser verhindert.“ Sicherheit und Gesundheit der Tiere stünden an erster Stelle, außerdem würden Unfälle auch Artisten wie Alessandro Spindler gefährden. Er macht bei den Jockeyreitern und beim Bodenturnen mit.

11:05: Andere Kinder müssen auf den Spielplatz, die sechs Jahre alte Marie und die zwölfjährige Helena Spindler können dagegen jederzeit nach Lust und Laune mit dem Lamanachwuchs oder im Ponystall spielen. Sechs Shetlandponys machen bei der aktuellen Show mit, und auch die jüngsten Spindlers sind teils schon dabei. „Kindern geben wir Freiraum, bis sie von allein mitmachen wollen“, erklärt Oma Gina Spindler, „sie fangen dann mit dem Bodenturnen an.“

12:25: Über dem Besuchereingang befindet sich das Technikpult, der Arbeitsplatz von Mario Spindler – wenn er nicht gerade für einen Pas de deux zu Pferde in der Manege weilt. Er bedient alle Regler und kümmert sich gleichzeitig um Lichtspots, Moving Heads, Konfettikanonen, Vorhänge oder Musik. Kilometerweise Kabel mussten vor der Show verlegt werden, „und ich klettere auch in die Kuppel und kontrolliere Aufhängungen oder Motoren, denn da hängen Leben dran“.

14:00: Santiano wird zur Nachmittagsprobe ins Zelt geführt. Weiße Kamele wie er sind selten und anscheinend auch sehr neugierig. Sofort beschnuppert Santiano unbekannte Gesichter. „Bei uns trainieren immer drei Kamele und drei Pferde zusammen“, sagt Trainer Marlon Spindler, „zusammen treten sie mit einer Freiheitsdressur auf.“ Ohne Longe oder Reiter machen die Tiere ihre Nummer dabei quasi selbst und reagieren nur auf akustische Kommandos. „Dressur heißt, natürliche Bewegungen abrufbar zu machen, in diesem Sinne drehen sie später Runden, Pirouetten oder steigen auf Podeste.“ Wenn er nicht gerade Kamele und Pferde dirigiert, stolpert Marlon Spindler übrigens als Clown durch die Manege.

14:55: Der Circus Berolina ist ein Familienunternehmen – deshalb hören auch fast alle auf den gleichen Nachnamen. Ein anderer Effekt: Jeder macht so gut wie alles. Wer vorab seine Karten kaufen möchte, wird deswegen nicht selten von den Artisten selbst bedient. Zum Beispiel von Chiara Spindler, die vor der Premiere einen Kassendienst einschiebt, denn die Zirkusfans beginnen frühzeitig, sich Tickets zu sichern. Abends begeistert sie die Gäste dann mit ihrer Luftakrobatik.

16:15: Wenig Stoff und viel Glitzer, so lässt sich die modische Konzeption der Kostüme von Sarah Sperlich und Jastin Renz umschreiben. Sarah Sperlich ist Schlangenfrau und führt die „Kautschuk“-Nummer vor, Jastin Renz ist als Luftakrobatin und Jockeyreiterin zu sehen. Fertig umgezogen für die Show müssen sie nur noch den stämmigen Bajazzo zur Arbeit bekommen – das dunkle deutsche Kaltblut tritt auch mit auf.

17:10: Das Leben im und für den Zirkus hört auch nach dem Artistenruhestand nicht auf. „Man bleibt diesem Leben treu und immer dabei“, sagt Gina Spindler. Früher hat sie Kunststücke am Trapez vollführt, heute passt sie auf ihre Enkel auf, sitzt an der Kasse oder serviert Gästen auch schon einmal einen Kaffee in ihrer mobilen Stube. Die ausfahrbaren Zirkuswohnwagen bieten erstaunlich viel Platz, 20 Quadratmeter hat allein das Wohnzimmer ihres Wagens. Außerdem gibt es noch ein Schlafzimmer, ein Bad mit Badewanne, ein Kinderzimmer und eine Veranda. Insgesamt 25 Menschen wohnen in der kleinen Zirkusstadt hinterm Zelt.

18:20: Picasso ist durstig, und James Spindler tränkt den zutraulichen Hengst. Araber, holländische Friesen, deutsche Kaltblüter und Ponys teilen sich den „Marstall“, das Zelt für die Pferde. Jedes Tier hat eine geräumige Box von zwölf Quadratmetern zur Verfügung, mehr als in den meisten Gestüten. „Wir kümmern uns alle gemeinsam um die Pferde, aber es sind auch noch drei Extra-Tierpfleger angestellt.“

19:45: Zuletzt wird das Freigehege fertig. Erdanker werden gesetzt, ein Weidezaun aufgespannt und 100 Tonnen Sand angefahren, um neben dem Zelt eine 2500 Quadratmeter große Koppel anzulegen. Den vierbeinigen Stars der Manege soll es nicht an Auslauf fehlen. „Entgegen den Vorstellungen vieler Tierschützer sorgen wir sehr akribisch für das Wohl unserer Tiere“, sagt Marcello Spindler.

Die Show „EquestrianArt“ läuft bis zum 28. Oktober, mittwochs bis sonntags auf dem Festplatz Ferdinand-Schultze-Straße an der Landsberger Allee, Ticket-Hotline: 0177 408 79 03, www.circusberolina.de. Am Sonntag, 7. Oktober, findet von 10 bis 12 Uhr ein Tag der offenen Tür statt..

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