Krawall-Nacht

Wie ein Berliner Polizist den 1. Mai erlebt

Brian M. ist einer der 5000 Polizisten, die am 1. Mai im Einsatz sind - in Kreuzberg, an der Spitze der „Revolutionären Mai-Demo". Es ist sein 14. Mai-Einsatz. Mit Morgenpost Online sprach er über Ängste, Gewalt und das ohnmächtige Gefühl, wenn ungebremster Hass den Beamten entgegen schlägt.

Eins von acht. Zwei Zahlen, für den Laien ohne Bedeutung, Quersumme neun, was heißt das schon. Für Brian M. bedeuten die Zahlen sehr viel. Sie bedeuten, dass es am 1. Mai zu schweren Krawallen kommen wird. Bundesweit wird nach diesem Raster des Bundeskriminalamtes (BKA) die Wahrscheinlichkeit eines Ereignisses gemessen, wobei eins die höchste Wahrscheinlichkeit darstellt. Brian M. ist einer von mehr als 5000 Polizisten, die am 1. Mai im Dienst sind. Seine Einheit, die 23. Hundertschaft, wird an der Spitze der „Revolutionären Mai-Demo“ eingesetzt sein. Dort, wo die Ausschreitungen stets beginnen. Er kennt das, schon 13 Mal war er an diesem Datum in Voll-Montur in Kreuzberg unterwegs.

Brian M. kennt die hassverzerrten Gesichter der Menschen, die ihn mit Flaschen und Pflastersteinen bewerfen, mit Eisenstangen angreifen, mit Molotowcocktails in Flammen aufgehen lassen wollen. „Steine fressen“ heißt das im Jargon. Er kennt die bleierne Müdigkeit am Morgen danach, wenn es zurück in die Unterkunft geht, so man nicht im Krankenhaus liegt. Er selbst hat im Einsatz keine Zeit für Emotionen wie Angst. Seine Frau umso mehr, sie arbeitet in der Pressestelle der Polizei. Dort erfährt sie aus erster Hand, was gerade und an welcher Stelle geschieht. Welche Einheit gerade angegriffen wird. Auf die Zahl 23 wird sie an diesem Tag besonders achten.

Nein, er empfinde keinen Hass auf die Steinewerfer. Hass sei das falsche Wort. „Es ist diese innerliche Ohnmacht. Ich kann diese teilweise uferlose Gewalt nicht nachvollziehen, die uns von Leuten entgegengebracht wird, die mit uns wahrscheinlich ein Bier trinken würden, wären wir keine Polizisten“, sagt der 37-jährige Polizeiobermeister und zaubert seiner kleinen Tochter einen Keks aus dem Ohr. Mit Frau Kerstin (31) und den fünf und zwei Jahre alten Töchtern Phoebe und Ziva wohnt er in Brandenburg, die Familie hat gerade gebaut.

Polizei musste Frau mit Baby vor Randalierern schützen

Brian erinnert sich an das letzte Jahr und berichtet, wie er und seine Kollegen nur die Rauchsäulen über den Häuserdächern gesehen haben. „Über Funk kam die Meldung, dass Kollegen einer anderen Einheit mit Brandsätzen angegriffen wurde. In dem Moment hast du keine Angst, da willst du nur noch helfen.“ Er selbst wurde zweimal verletzt. „Das Übliche, Quetschungen von den Steinen, Prellungen von den Fußtritten.“ Feige seien die Autonomen auch noch, weil sie den Polizisten die Steine auch in den Rücken werfen würden. „Die Schmerzen bekommt man im Adrenalin-Rausch gar nicht mit. Ein Mann aus meiner Einheit sagte im letzten Jahr bei der Heimfahrt, dass er nichts abbekommen hätte. Erst am nächsten Tag unter der Dusche hat er die vielen blauen Flecken entdeckt.“

Kerstin M. hat ihren Mann bei der Bereitschaftspolizei kennengelernt. Sie selbst hatte zweimal „Mai-Dienst“ als Bereitschaftspolizistin, mehrfach war sie zudem als Polizeisprecherin vor Ort, und sie weiß daher auch, welche Gefahren die Krawalle für die Polizisten selbst aber auch für Passanten und Schaulustige bedeuten. „So zynisch das auch klingen mag, aber früher hatte man es nur mit dem schwarzen Block zu tun, der angriff und nach einer Taktik vorging“, erzählt die Polizeioberkommissarin. „Heute hat man in den Abendstunden jede Menge Idioten, die wahllos mit Flaschen in die Menge schmeißen, wo sich aber teilweise gar keine Polizisten befinden. Wir haben im letzten Jahr eine Fußgängerin mit einem Baby abgeschirmt, weil sie sonst getroffen worden wäre.“

Phoebe und Ziva wissen nicht, was ihr Vater genau macht. „Papi fängt Verbrecher“, sagt die Ältere und jagt ihrer Schwester ins Haus hinterher, weil beide ein Eis haben wollen. Dass Oma und Opa am Wochenende extra aus Mecklenburg-Vorpommern kommen, weil die Eltern im Dienst sind, ist für sie einfach nur ein tolles Erlebnis. Dass Papi schwer verletzt werden kann, sollen sie nicht wissen.

"Wenn der Krach beginnt, ist es still"

Brian M. ist stellvertretender Gruppenführer bei seiner Einheit. Das bedeutet, dass er als Letzter geht und die Truppe zusammenhält, wenn es gilt, aus dem Mob Steinewerfer herauszuholen. „Denn wir haben auch viele junge Kollegen dabei, die so etwas noch nicht mitgemacht haben. Man gerät ganz automatisch in Stress, wenn der Auftrag kommt, genau denen entgegen zu laufen, die dir vermummt gegenüber stehen und mit Steinen werfen.“ Bei den Zugriffen würden die Schutzschilde seit geraumer Zeit nicht mehr mitgenommen, sie gelten als hinderlich, bei der Festnahme müsste man sie hinlegen, sie störten mehr als sie nützten. Sicherlich habe man eine Wut auf „die Anderen“, zu Übergriffen dürfe es allerdings nicht kommen. „Natürlich wird bei einer Festnahme hart zugefasst, und es geht bei den körperlichen Auseinandersetzungen rau zu. Wenn wir aber unberechtigt zuschlagen würden, wären wir nicht anders als die. Für so etwas bin ich nicht Polizist geworden.“

Der Krach, wenn die Pflastersteine und Baustellenteile gegen die Mannschaftswagen – kurz Wannen genannt – knallen, den könne man nicht beschreiben. „Das muss man gehört haben.“ Wenn es von der Unterkunft der 23. Hundertschaft an der Ruppiner Chaussee in Reinickendorf in den Einsatz geht, ist die Stimmung an Bord meist noch gut. „Man versucht, sich mit Witzchen oder Gesprächen über ganz alltägliche Dinge von dem abzulenken, was einen in Kreuzberg erwartet.“ Je mehr man sich allerdings dem Kiez nähere, umso stiller sei es in der Wanne. „Wenn der Krach beginnt, ist es still. Dann spricht kaum noch einer. Eigentlich hofft man ständig, dass der Befehl zum Aussteigen kommt. Und eigentlich hofft jeder, dass genau dieser Befehl nicht kommt. Denn von einer Sekunde auf die andere ist man mittendrin.“ So wird es auch an diesem 1. Mai sein. Phoebe und Ziva werden an diesem Tag mit ihren Großeltern einen Ausflug machen.

"Passt auf Euch auf, passt aufeinander auf"

Die jüngsten Prognosen des Berliner Staatsschutzes lassen nichts Gutes ahnen. So gelten nach einer Gefährdungseinschätzung Straftaten in der Walpurgisnacht als höchst wahrscheinlich. Ebenso mit eins von acht werden Straftaten gegen Lokale, Institutionen und Privatanschriften von „Rechten“ bewertet. Für den 1. Mai kommt der für politische Straftaten zuständige Staatsschutz ebenso mit eins von acht zu dem Ergebnis, dass im Anschluss an den Aufzug der „Revolutionären Mai-Demo“ gewaltbereite Personengruppen in Kreuzberg unterwegs sein werden, um die Konfrontation mit der Polizei zu suchen. Im Internet wird seit Tagen in aggressiver Art und Weise mobilisiert, ein Foto des so genannten „schwarzen Blocks“ sorgt zudem für Unruhe, weil sich die dort abgebildeten vermummten Akteure mit Macheten und anderen Schlagwerkzeugen zeigen. Zwar werde dies innerhalb der Polizei als reines Propaganda-Foto gewertet, mit dem den Rechten Angst gemacht werden soll, dennoch zeige es die Entschlossenheit der linken Szene, sich mit dem politischen Gegner anzulegen.

„Kein Autonomer ist so dumm, sich mit einer solchen Waffe erwischen zu lassen“, sagt ein Ermittler. „Begeht er damit eine Straftat, hat er vorsätzlich gehandelt. Aber wenn der Mob entschlossen ist, reichen Pflastersteine aus, um schwere Verletzungen zu verursachen.“

Brian wird am 1. Mai um 13 Uhr in der Unterkunft an der Ruppiner Chaussee seinen Dienst antreten. Dort wird er mit seiner Gruppe reden, dann werden Funkgeräte und Waffen ausgegeben, die Fahrzeuge werden mit Ausrüstung und Mineralwasserflachen bestückt, bevor es zur letzten Besprechung geht. „Wir gehen die jüngsten Einschätzungen durch und fahren dann in den Einsatz.“

Die Schlussworte des Hundertschaftsführers an seine Männer und Frauen sind immer die gleichen, seid Jahren schon: „Passt auf Euch auf, passt aufeinander auf.“ Die Fahrt nach Kreuzberg wird auch wie in den Jahren davor zunächst geprägt sein von Gesprächen über die nächste Grillparty und die Schulnoten der Kinder. Bis es dann still wird. Dann, wenn der Krach beginnt.