07.01.13

Marktsicht

Neun Regeln für Krisenmärkte

Das Jahr 2012 war in vielerlei Hinsicht die Fortsetzung von 2011, so Oliver Borgis, Leiter Vermögensverwaltung der Weberbank.

Von Oliver Borgis
Foto: dapd
Moody's entzieht Rettungsschirmen ESM und EFSF Top-Bonitaet
Mit den richtigen Strategien kann man sich vor der Krise schützen

2012 war geprägt von der andauernden Staatsschuldenkrise mit wachsenden Konjunktursorgen. Und doch gibt es erhebliche Unterschiede, die auf einen Gewöhnungseffekt und die Rückbesinnung auf nachhaltige Erfolgstreiber zurückgeführt werden können. Aus dem Erlernten im Umgang mit der Krise und den erfolgreichsten Anlageklassen des Jahres 2012 lassen sich Merksätze ableiten, die auch 2013 hilfreich bleiben dürften:



1. Bereits rekordniedrige Zinsen können noch weiter sinken

Zu Beginn des Jahres waren die Zinsen bereits sehr niedrig, doch sie sind noch weiter nach unten abgerutscht. Von Jahresanfang bis Ende Juli gingen die Renditen über alle sicheren Anlagesegmente zurück: Bei deutschen öffentlichen Anleihen zum Beispiel im Durchschnitt von 1,52 % auf unter 1 % (Umlaufrendite gemäß Bundesbank), bei 3-Monatsgeld von 1,34 % auf unter 0,18 % (Euribor). Die Europäische Zentralbank hat ihren Leitzins von 1,0 % auf 0,75 % gesenkt. Andere führende Notenbanken sind bereits weiter gegangen: in Großbritannien bis auf 0,5 %, in den USA bis auf 0,25 %, in Japan bis auf 0,1 %, und in der Schweiz und in Dänemark gar auf 0,0 %. Der Euroraum durchlebt seine größte Krise und steckt in der Rezession, hat aber noch einen vergleichsweise hohen Leitzins. Verlierer sind dabei zunächst einmal nur die Geldmarktanleger, denn Festzinsanleihen profitieren immerhin von den parallel steigenden Kursen.

2. Hohe Anleihenerträge sind auch bei niedrigen Zinsen möglich

Wenn die bereits niedrigen Anleihenzinsen zusätzlich fallen, steigen auch die Anleihenkurse weiter. Der Renditerückgang bescherte zum Beispiel Bundesanleihen bis dato eine Wertentwicklung von 4,81 %. Die Rendite von Bundesanleihen betrug zum Jahresbeginn hingegen nur 1,42 %. Die Rendite bei Kauf ist bei der Investitionsentscheidung also kein guter Entscheidungsparameter. Sie ist vor allem relevant, wenn man plant, das Papier bis zur Endfälligkeit zu halten. Zwischenzeitlich dominieren Kursschwankungen, die es ermöglichen, eine höhere Rendite als die Kaufrendite oder den Kupon zu erzielen. Das gilt bei niedrigem Zinsniveau mehr denn je. Durch aktives Disponieren erhält man sich diese Chance.

3. Besicherte Hypotheken-Pfandbriefe schlagen Staatsanleihen

Einen noch besseren Ertrag als Bundesanleihen haben 2012 bislang Pfandbriefe erwirtschaftet. Inklusive Kurszuwachs verbuchten sie per 11. Dezember im Durchschnitt ein Plus von 5,92 %. Bei geschickter Laufzeiten- und Emittentenwahl waren auch über 7 % möglich. Und das bei einer deutlich stabileren Kursentwicklung als bei Bundesanleihen. Bundesanleihen lagen im Jahresverlauf auch zwischenzeitlich bis knapp 1 % im Minus, Pfandbriefe vom Start weg sehr gradlinig im Plus. Sollte auf den negativen Ratingausblick von Moody's eine tatsächliche Herabstufung Deutschlands folgen, dürfte sich diese Tendenz noch verstärken.

4. Höherverzinste Anleihen profitieren vom Niedrigzinsniveau

Weg von den niedrigen Zinsen im sicheren Bereich, hinein in die höher verzinsten Segmente – das ist eine weltweite Bewegung, die durch den Kummer über niedrige Zinsen ausgelöst wurde und folglich ebenso lange wie die Tiefzinsphase anhalten kann. Wer höher verzinste Anleihen beimischen möchte, war insgesamt gut beraten, Emittenten ohne wirtschaftlichen Schwerpunkt in den PIIGS-Staaten zu wählen. Mit guten Unternehmensanleihen der Eurozone war eine sogar noch bessere Wertentwicklung als mit Pfandbriefen möglich, im Schnitt gut 10 %. Ergänzend zum Portfolio aus Pfandbriefen und Unternehmensanleihen hat es sich als profitabel erwiesen, in wachsende Märkte mit sich verbessernden Ratings zu investieren. Dies gilt insbesondere für Schwellenländer und deren Staats- sowie Unternehmensanleihen, hier sind mit und ohne Währungsrisiko noch attraktive Zinsaufschläge bei gesünderen Finanzen zu finden. Ergebnis des laufenden Jahres bislang je nach Segment meist zwischen 10 und 15 %, teilweise auch mehr, bei allerdings größeren Kursschwankungen.

5. Liquidität ist nicht wahllos

Die Flut hebt nicht alle Schiffe gleichzeitig und in gleichem Maße an. Das Gleiche gilt für die den Finanzmärkten zufließende Liquidität. Hier gilt vor allem: Qualität geht vor. Der Dax hat mit einer Wertentwicklung von nahezu 30 % die Schwergewichte aus den USA und den meisten anderen Regionen weit abgehängt. Egal, wie preiswert z. B. die Anleihen der europäischen Peripherie sind – das Geld der Anleger macht einen Bogen um sie. Solide Unternehmensanleihen und Schwellenländeranleihen sind gefragt. Die Liquidität fließt also nicht mehr wahllos in die größten Töpfe, sondern differenziert wieder stärker nach dem Verhältnis von Ertrag und Risiko. Das ist nichts weiter als eine Normalisierung der Märkte. Klassische Auswahlkriterien wie Qualität und Wachstumsperspektive setzen sich auch im Modus der Krise und der zentralbankgelenkten Geldströme durch. Auf der Aktienseite sind es neben deutschen Werten insbesondere die Schwellenländer, die sich zunehmend in den Mittelpunkt drängen. Und die Werte der Unternehmen, die in diesen Zukunftsmärkten schon jetzt gut aufgestellt sind.

6. Dem langfristigen Wachstum folgen!

Bei Schwellenländeraktien sind größere Schwankungen inklusive Währungsbewegungen einzukalkulieren. 2012 ging es in Euro gerechnet zunächst im Schnitt um 15 % aufwärts, dann bis auf ein Plus von 2 % zurück, um Anfang Dezember einen Zuwachs von rund 15 % auszuweisen. Natürlich gibt es große Unterschiede zwischen den Schwellenländern, entsprechend groß ist die Variation der Kursentwicklung. Asien als wachstumsstärkste Region kommt im laufenden Jahr bislang auf ein Ergebnis von im Mittel + 21 %. Noch sind diese Märkte eher Randmärkte und werden stark von Kapitalumschichtungen internationaler Investoren beeinflusst. Bereits seit längerem aber sind die im Aufholprozess befindlichen Schwellenländer die Wachstumsträger der Weltwirtschaft, und sie werden es wohl noch lange bleiben. Unabhängig davon, wie die Eurokrise ausgeht, am Ende des Jahrzehnts wird die Welt anders aussehen. Die Schwellenländer werden einen wesentlich größeren Teil der Weltwirtschaft und auch der Kapitalmärkte ausmachen. Von Europa ausgehende Belastungen können diesen Trend zwischenzeitlich bremsen, aber nicht umkehren. Ob die Krise auf Asien überspringt oder nicht – China wird Exportweltmeister bleiben. Ebenso können zwischenzeitlich sicher hier und dort auftretende Spekulationsblasen das Wachstum der asiatischen und lateinamerikanischen Schwellenländer ins Stottern bringen, jedoch nicht in Gänze aufhalten. Zudem sind Schwellenländeraktien zumeist besonders attraktiv bewertet. Der Zukunft der Kapitalmärkte folgen, heißt in die Schwellenländer und in die Profiteure des dortigen Booms zu investieren. Letzteres sind zum Beispiel die westlichen Hersteller von Maschinen und Infrastruktur sowie global starke Konsummarken.

7. Aktien sind relativ zum Zins stark unterbewertet

Ein übliches Bewertungsverfahren von Unternehmen und Aktien ebenso wie von Miethäusern ist es, die zukünftig erwarteten Gewinne abzudiskontieren. Je niedriger der Diskontierungszins desto höher der Barwert, also der faire Preis. Auf die als Daumenregel hierfür gängige Betrachtung von Kurs-Gewinn-Verhältnissen (KGV) umgemünzt heißt das, je niedriger das Zinsniveau, desto höhere KGV sind gerechtfertigt. Am Immobilienmarkt findet diese Neubewertung übrigens tatsächlich statt, hier stieg der Multiplikator, den man auf die Jahresmiete anwenden muss, um auf den Wert von Mietshäusern zu kommen, stark an. In sehr guten Lagen bis auf 18, 20 und mehr. Übertragen auf Aktien sind deutsche Weltmarktführer, wie sie im Dax vertreten sind, wohl zweifellos als absolute "Toplage" zu bezeichnen, werden aber nur mit dem 12fachen ihrer Gewinne bewertet. Bleiben die Zinsen längere Zeit sehr niedrig, so würde es verwundern, wenn sich die Aktienbewertungen dieser neuen Realität nicht anpassen würden. Sollten umgekehrt die Zinsen wegen aufkommender Inflationsgefahr steigen, so sind etablierte Aktien nicht einmal die großen Verlierer. Als Sachwerte sind sie dann ebenfalls besser als die meisten Alternativanlagen geeignet, den realen Werterhalt zu sichern.

8. Aktien aus Deutschland und den USA bevorzugen

Deutsche Unternehmen stachen 2012 nicht nur innerhalb des Euroraums positiv hervor, sie gehören auch weltweit zu den erfolgreichsten Aktien. Selbst breitere US-amerikanische Indizes deutlich abhängend schafften sie eine Wertentwicklung von +27 % und waren damit fast doppelt so stark wie der weltweite Aktienindex MSCI World, der 15 % verdiente. Neben der vergleichsweise hohen Wirtschaftskraft und Konjunkturstabilität dieser Länder machen auch Innovationskraft, Margenstärke und führende Wettbewerbspositionen insbesondere auch in den wachstumsstarken Schwellenländern die hier überdurchschnittlich vorzufindenden Vorteile aus. Deutschland profitiert zudem aktuell enorm von der Schwäche des Euro, die eine Begünstigung des Exports darstellt, die es in vergleichbaren Krisensituationen für die D-Mark nie gegeben hätte. Gegenüber dem Abnehmerland China, also dem Yuan, hat der Euro in den vergangenen Jahren um 20 % abgewertet und ist so billig wie seit zehn Jahren nicht.

9. Nicht alles auf ein Szenario setzen

Der "schwarze Schwan" ist zum geflügelten Wort geworden. Er bezeichnet ein unvorhersehbares Krisenereignis, auf das man sich nicht konkret vorbereiten kann, weil es erstmalig und unabsehbar auftritt. Inzwischen befleißigen sich viele Geldmanager, mit dem Bewusstsein des Restrisikos "schwarzer Schwäne" zu investieren und versuchen, den nächsten schwarzen Schwan zu prognostizieren. Bemerken Sie, wie sich der Unsinn potenziert? Prognosen sind generell höchst unsicher, in einer Krise erst recht, und ganz besonders gilt das wohl für "unvorhersehbare" Ereignisse! Ein Szenario als das wahrscheinlichste zu deklarieren und das gesamte Portfolio darauf auszurichten, ist schlicht eine riskante Wette – kann gut gehen, tut es meistens aber nicht. Besser ist es, eine Prämie für Put-Optionen als Absicherung für den Ereignisfall auszugeben und ansonsten nicht nur über Anlageklassen und Regionen zu diversifizieren, sondern auch über mögliche Zukunftsverläufe. Als Anleger will man ja in allen Szenarien ganz gut dastehen und nicht in einem top und in allen anderen flop. Das geht scheinbar zulasten einer konsistenten Strategie, für die aber zahlt man mitunter einen hohen Preis, nur weil man meint, eine klare Meinung haben zu müssen.

Fazit

Es gibt viele Verlockungen in der Krise, die sich bislang als Fettnäpfchen erwiesen haben. Aus dem Schmerz der niedrigen Zinsen heraus die eigene Risikotoleranz auszuhöhlen und ungeprüft auf hohe Zinsen zu schielen, ist ein Vabanquespiel. Das Gleiche gilt für den Versuch, sich aktienseitig auf das vermeintlich wahrscheinlichste Euro-Szenario auszurichten und im Hoffen auf eine baldige Lösung der Krise alles auf eine Karte, zum Beispiel Banken der Peripherie, zu setzen. Liquidität zu halten, bis bessere Zeiten kommen, bedeutet den Verzicht auf den charmanten Kurseffekt, den rückläufige Zinsen für Anleihen bedeuten – egal, wie hoch manche um Einlagen verlegene Bank das Termingeld verzinst. Neben der Vermeidung von Fettnäpfchen ist die Ausrichtung an simplen Grundpfeilern, wie der Bevorzugung deutscher Unternehmen und andere auf die langfristigen Wachstumsbereiche der Weltwirtschaft abstellenden Strategien, wohl auch weiterhin ein guter Ansatz, der Krise ohne überhohes Risiko das Bestmögliche abzuringen. Dennoch gehört unbedingt auch das dazu, was man "Diversifikation 2.0" nennen könnte, verschiedene Szenarien zu berücksichtigen (wie unter Punkt 8 beschrieben). Das eigene Depot ist nicht der Ort, um Meinungen oder gar europapolitische Überzeugungen auszudrücken. Die Krise ist nicht vorbei – die Merksätze aus der Krise dürften noch eine Weile eine gute Richtschnur sein.

Haftungsausschluss:

Diese Darstellung der aktuellen Marktsituation hat die Weberbank entweder selbst angestellt oder aus von der Weberbank als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen. Trotz Anwendung größter Sorgfalt kann die Weberbank für die Richtigkeit ihrer Einschätzungen keine Haftung übernehmen. Diese Darstellung ist nicht als Aufforderung zum Erwerb, Verkauf oder Halten bestimmter Wertpapiere intendiert.

www.weberbank.de



Oliver Borgis

Oliver Borgis,
Leiter Vermögensverwaltung der Weberbank

Oliver Borgis ist seit 2004 verantwortlich für den Bereich Portfoliomanagement und damit für die Kapitalmarktanalyse sowie Portfoliostrategie der Weberbank. Abschlüsse als Diplom-Volkswirt, DVFA- sowie CFA-Analyst bilden den Hintergrund seiner langjährigen beruflichen Erfahrung.

Weberbank

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Die Weberbank, 1949 in Berlin gegründet, ist spezialisiert auf Privatkunden. Die Bank hat ihren Sitz am Hohenzollerndamm.

Weitere Informationen zur Weberbank: www.weberbank.de

Wenn Sie Fragen oder Anregungen zu den "Marktsicht"-Artikeln haben, nehmen Sie Kontakt mit den Autoren der Weberbank auf.

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