08.11.12

Marktsicht

Nach US-Wahlen rückt die "Fiscal Cliff" in den Fokus

Steuersenkungen und Ausgabenkürzungen bedrohen das US-Wachstum, so Sascha Rehbein, Portfoliomanager der Weberbank.

Foto: dapd
Wall Street
Ein Börsenhändler beobachtet die TV-Übertragung der Wahl. Obama muss jetzt die Fiskalklippe umschiffen

Ein Wahlkampf, geprägt von hart umkämpften Debatten, unterschiedlichen politischen Perspektiven und hauchdünnen Mehrheiten, fand in der Nacht zu Mittwoch ein Ende. Der Sieger ist Präsident Barack Obama! Somit darf sich der Amtsinhaber weitere vier Jahre der Verbesserung des maroden Gesundheitssystems, der Unterstützung des schrumpfenden Mittelstandes und dem Aufbau erneuerbarer Energien widmen.


Mit der Wiederwahl sollten auch Spekulationen über eine (unter Romney) mögliche Einflussnahme auf den geldpolitischen Kurs der US-Notenbank ein Ende haben. Daran sollten sich insbesondere die Kapitalmärkte erfreuen, da diese von den hohen Liquiditätszuflüssen reichlich profitieren konnten.


Machtverhältnisse im US-Kongress fordern Kompromisse


Doch es werden sicherlich keine einfachen Amtsjahre für den alten und neuen Präsidenten. Allein die Machtverhältnisse im amerikanischen Kongress werden viele politische Kompromisse erfordern. Dieser wird sich auch zukünftig aus einem demokratischen Senat und einem republikanischen Repräsentantenhaus zusammensetzen. Nach den Wahlen rücken Verhandlungen beider Parteien um die kritische fiskalpolitische Situation in den Fokus. Denn zum Jahreswechsel laufen zahlreiche Steuersenkungen aus, und es stehen diverse Ausgabenkürzungen an. Diese sogenannte "Fiscal Cliff" (Fiskalklippe) kann dem bisher moderaten Wachstum in den USA deutlichen Schaden zufügen.


Fiskalmaßnahmen bedrohen die US-Wirtschaft


Sollten diese Maßnahmen im vollen Umfang tatsächlich eintreten, könnte die US-Wirtschaft aktuellen Schätzungen zufolge mit über 600 Mrd. US-Doller belastet werden. Dies entspräche ca. 4,4% des Bruttoinlandproduktes der USA und würde unweigerlich die größte Volkswirtschaft der Welt in eine Rezession stürzen. Um diese fiskalpolitischen Maßnahmen zu verhindern, müssen die US-Politiker schnellstmöglich eine Einigung finden. Trotz des hohen Interesses beider Parteien an einer baldigen Lösung ist ein rascher Kompromiss bei weitem nicht garantiert. Bereits im vergangenen Jahr führten Verhandlungen beider Parteien über die Anhebung der Schuldengrenze beinahe zum Staatsbankrott und konnten erst in letzter Sekunde abgewendet werden.


Aufgrund der daraus resultierenden Möglichkeit der Schuldensteigerung hat die Ratingagentur Standard&Poor's im vergangenen August den Vereinigten Staaten das Top-Rating AAA aberkannt, woraufhin der US-Aktienmarkt innerhalb von zwei Wochen einen massiven Einsturz von über 15% verkraften musste.


Investoren hoffen auf schnellen Kompromiss


Neben der "Fiscal Cliff" rückt der amerikanische Schuldenberg auch in diesem Jahr gefährlich nahe an seine Obergrenze. Sollte in den kommenden Wochen bis zum Jahreswechsel tatsächlich ein langfristiger Kompromiss erreicht werden, würden die Kapitalmärkte gewiss mit Erleichterung reagieren. Basierend auf den Erfahrungen des letzten Jahres werden allerdings schwerfällige Verhandlungen erwartet. Sollten die Akteure bis zum Jahreswechsel keinerlei Kompromissbereitschaft signalisieren, wäre ein Abrutschen von der "Fiskalklippe" die logische Konsequenz.


Unter diesem Szenario wäre mit einer weiteren Herabstufung der Bonitätseinschätzung Amerikas zu rechnen. Die Kapitalmärkte würden daraufhin mit hoher Unsicherheit und Volatilität zu kämpfen haben. Aufgrund des hohen parteiübergreifenden Interesses an einer Abwendungen der Rezessionsgefahr erwartet jedoch ein Großteil der Investoren, dass die verantwortlichen Politiker sich kurzfristig zumindest auf eine zeitliche Hinauszögerung einigen können. So wäre es zum Beispiel denkbar, dass nur ein Teil der fiskalpolitischen Maßnahmen tatsächlich zum Jahreswechsel in Kraft tritt, um den handelnden Akteuren genügend Zeit zu geben, eine langfristige parteiübergreifende Lösung präsentieren zu können.


Haftungsausschluss:

Diese Darstellung der aktuellen Marktsituation hat die Weberbank entweder selbst angestellt oder aus von der Weberbank als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen. Trotz Anwendung größter Sorgfalt kann die Weberbank für die Richtigkeit ihrer Einschätzungen keine Haftung übernehmen. Diese Darstellung ist nicht als Aufforderung zum Erwerb, Verkauf oder Halten bestimmter Wertpapiere intendiert.

www.weberbank.de

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Sascha Rehbein

Sascha Rehbein,
Portfoliomanager der Weberbank


Sascha Rehbein ist seit 2007 in der Weberbank tätig. Der Diplomkaufmann ist zuständig für die Kapitalmarktanalyse und das Rentenmanagement mit Schwerpunkt Unternehmensanleihen.


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In unserer neuen Gastbeitragsreihe "Marktsicht" schreiben Experten der Weberbank zu aktuellen Wirtschafts- und Finanzthemen.
Die Weberbank, 1949 in Berlin gegründet, ist spezialisiert auf Privatkunden. Die Bank hat ihren Sitz am Hohenzollerndamm.

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