02.08.12

Marktsicht

Rentenmärkte - immer mehr Geld sucht sichere Häfen

Anleger festverzinslicher Wertpapiere werden zunehmend mit negativen Renditen konfrontiert, so Jens Herdack, Analyst der Weberbank.

Foto: DAPD
Moody's senkt Aussicht für LBBW und L-Bank
Moody's senkt Aussicht fuer LBBW und L-Bank © 2012 AP. Photographer: Mark Lennihan/AP/dapd

"Deutschland: negativ". So sieht es die Ratingagentur Moody's. Zwar tastet sie das AAA-Rating deutscher Staatsanleihen nicht an, versieht es aber mit dem Zusatz "negativer Ausblick". Das bedeutet nichts anderes, als dass sich die Ratingagentur Sorgen macht, dass Deutschland auf Dauer mit der Rettung Europas überfordert sein könnte. Die deutsche Kanzlerin dürfte sich mit diesem Schuss vor den Bug bestätigt fühlen. Denn schließlich unterstreicht die Kritik ihre Warnung, dass Deutschland nicht die Last aller Europäer tragen kann und wird.

Konjunktur in Europa kühlt sich weiter ab

Während sich fast Gesamteuropa bereits in der Wirtschaftskrise befindet, muss nun auch Deutschland einen deutlichen Rückgang der Auftragseingänge aus dem In- und Ausland hinnehmen. Sie gelten als Vorlaufindikator für die Industrieproduktion. Auch das Konjunkturbarometer des ifo-Institutes ist nun zum dritten Mal in Folge gefallen und steht kurz davor, eine Rezession anzuzeigen.

In den USA zeigt sich dagegen kein so klares Konjunkturbild. Während Arbeitsmarkt und Einzelhandelsumsätze eher auf die Stimmung der Börsianer drücken, konnten zuletzt sowohl Industrieproduktion als auch Immobilienmarkt wieder bessere Zahlen liefern. Zwar sind auch die USA weit von einem Konjunkturboom entfernt, können aber weiterhin ein niedriges Wachstum aufweisen.

Negative Renditen werden zum Preis für sichere Häfen

Ein durchwachsenes Umfeld für die Märkte. Doch was machen sie daraus? Die Rentenmärkte sind weiterhin zweigeteilt. Auf der einen Seite die Anleihen der USA und Deutschlands, die zu immer neuen Kurshöhenflügen ansetzen. Die Suche nach "sicheren Häfen" führt zu immer kurioseren Verhaltensweisen der Marktteilnehmer. So konnte Deutschland jüngst eine zweijährige Anleihe mit negativer Nominalrendite erfolgreich am Markt platzieren. Negative Realrenditen waren schon seit einiger Zeit zu beobachten, also Anleihen, die dem Investor eine geringere Rendite zahlen, als ihm die Inflation gleichzeitig an Kaufkraftverlust wieder wegnimmt.

Doch jetzt war sogar die Nominalrendite negativ. Das heißt, dass Deutschland zwei Jahre lang Zinsen für die Aufnahme von Krediten gezahlt bekommt, anstatt dafür selbst Zinsen zahlen zu müssen. Auch die Neubewertung von Moody's wird den Trend zu immer niedrigeren deutschen Renditen kaum aufhalten können.

Die Peripheriestaaten kämpfen auf der anderen Seite des Renditespektrums. So notierten zwischenzeitlich fast alle spanischen Anleihen ungeachtet ihrer Restlaufzeit mit einer Rendite über 7%. Das erinnerte an die Renditen griechischer Anleihen, die zum Schluss über alle Laufzeiten hinweg nur noch die Ausfallwahrscheinlichkeit des Landes einpreisten. Erst die deutlichen Worte des EZB Präsidenten Draghi, man würde alles für die Rettung des Euros unternehmen, konnten die Renditen der spanischen Anleihen zuletzt wieder etwas abmildern. Hier stehen uns und den Spaniern noch schwere Zeiten bevor, da die Kapitalmärkte eine Finanzierung des spanischen Staates am freien Markt unmöglich machen und damit einen neuerlichen Fall für den Rettungsschirm erzwingen können. Sofern nicht die EZB zu direkten Ankäufen spanischer Anleihen schreitet – was nach Draghis Worten nun immer wahrscheinlicher wird und die Lage für einige Wochen oder Monate entspannen könnte.

Haftungsausschluss:

Diese Darstellung der aktuellen Marktsituation hat die Weberbank entweder selbst angestellt oder aus von der Weberbank als zuverlässig angesehenen Quellen bezogen. Trotz Anwendung größter Sorgfalt kann die Weberbank für die Richtigkeit ihrer Einschätzungen keine Haftung übernehmen. Diese Darstellung ist nicht als Aufforderung zum Erwerb, Verkauf oder Halten bestimmter Wertpapiere intendiert.

Jens Herdack

Jens Herdack,
Senior-Portfoliomanager der Weberbank


Jens Herdack hat die Schwerpunkte Aktien-, Rohstoff- und Alternative Investments. Seit 2002 ist der Diplomkaufmann und Analyst bei der Weberbank tätig und blickt auf insgesamt 14 Jahre Investmenterfahrung im Wertpapier- und Derivatesegment zurück.

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In unserer neuen Gastbeitragsreihe "Marktsicht" schreiben Experten der Weberbank zu aktuellen Wirtschafts- und Finanzthemen.
Die Weberbank, 1949 in Berlin gegründet, ist spezialisiert auf Privatkunden. Die Bank hat ihren Sitz am Hohenzollerndamm.

Weitere Informationen zur Weberbank: www.weberbank.de

Wenn Sie Fragen oder Anregungen zu den "Marktsicht"-Artikeln haben, nehmen Sie Kontakt mit den Autoren der Weberbank auf.

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