20.09.13

Berufliche Qualifizierung

Die Bedeutung von lebenslangem Lernen wird immer größer

Durch Weiterbildungen können Arbeitnehmer Fachkenntnisse vertiefen, um ihren Arbeitspaltz zu sichern. Doch Seminare und Workshops geben auch neue Impulse – eventuell sogar für einen Berufswechsel.

Von Kirsten Niemann
Foto: Christian Kielmann

Tanja Wolburg (lks.) arbeitet als Galerieassistentin. Hier hängt sie mit Galeristin Nicole Löser Arbeiten von Wanda Stang in der Galerie Whiteconcepts auf
Tanja Wolburg (lks.) arbeitet als Galerieassistentin. Hier hängt sie mit Galeristin Nicole Löser Arbeiten von Wanda Stang in der Galerie Whiteconcepts auf

Die Galerien an der Berliner Auguststraße kennt sie ebenso gut wie die Supermärkte in ihrer Nachbarschaft, den Hamburger Bahnhof und die Neue Nationalgalerie sowieso. Die ehemalige Erzieherin Tanja Wolburg hat sich immer schon gerne Ausstellungen angesehen, doch vor einem Jahr hat sie beschlossen, ihr Hobby zum Beruf zu machen. In einer Zeitungsannonce vom Forum Berufsbildung las sie von einem Lehrgang zum Galerie- und Kunstassistenten, einer bislang einzigartigen Ausbildung dieser Art in Deutschland. Das wollte sie machen, soviel wusste die 46-Jährige sofort.

Zunächst bildet sich die Quereinsteigerin alleine weiter und steckt ihre Nase jede freie Minute in ein Reclam-Handbuch über die Kunstepochen des 20. Jahrhunderts. "Meine Bibel", wie sie sagt. "Ich wollte unbedingt einen dieser freien Plätze bekommen. Meine Konkurrenten waren Kunsthistoriker, Künstler und andere kunstbegeisterte Leute, viele haben schon mal eine Ausstellung oder ein Kulturprojekt geleitet."

Passgenaue Angebote finden

Die Berufsberater des Anbieters konnte sie schnell davon überzeugen, dass sie das Zeug zu dieser Weiterbildung hat. Tanja Wolburg bekam ihren Platz und lernte in neun Monaten alles über Vertrags- und Versicherungswesen, Buchhaltung und Galeriemanagement. Sie erfuhr, wie man Ausstellungen organisiert, wie das entsprechende Marketing funktioniert, wie man fachkundig mit anderen Galerien und Künstlern korrespondiert – und wie man selbst für abseitige Videokünstler einen Markt findet. Ein dreimonatiges Praktikum in einer Galerie brachte ihr erste professionelle Kontakte in der Branche.

"Viele Menschen, die sich mit Kunst beschäftigen, haben keine Ahnung von kaufmännischen Dingen", sagt Sabine Taubenheim vom Forum Berufsbildung, die Ausbildung könne dabei helfen, die "brotlose Kunst" im Hinblick auf eine eigene Karriere interessant zu machen. Dieser erst 2009 ins Leben gerufene Lehrgang ist beliebt. In der Regel bemühen sich jedes Jahr rund hundert Leute um einen von 20 Ausbildungsplätzen. Da gilt es natürlich, die beruflichen Weiterbildungen möglichst passgenau zu vermitteln.

Neben den privaten Bildungsträgern bieten auch Handelskammern und Volkshochschulen Seminare zur beruflichen Weiterbildung an. In Berlin existiert sogar eine Universität, die sich ausschließlich mit Weiterbildung befasst. Bewährt haben sich auch Anbieter von Soft-Skills: Wie man sich unter Kollegen und bei Kunden durchsetzt, Verkaufstraining, vom Business-Knigge bis zum Achtsamkeitsseminar – auch Dinge, die die Persönlichkeit formen und damit der Karriere nutzen, lassen sich lernen. Besonders gefragt sind jedoch Weiterbildungen, die den Unternehmen ihre Fachkräfte sichern.

Berufliche Zwischenstation

"Unternehmen setzen in ihrer Kooperation mit Hochschulen zunehmend auf modularisierte Studienelemente. Dabei kann zum Beispiel ein viermonatiges arbeitgeberfinanziertes Zertifikatsprogramm auf den sich anschließenden Masterstudiengang, den der oder die Beschäftige selbst bezahlt, angerechnet werden", sagt Udo Thelen, Kanzler und Geschäftsführer der Deutschen Universität für Weiterbildung in Berlin, die ihre Inhalte als Fernstudium vermittelt.

"Die Bedeutung von lebenslangem Lernen wird branchenübergreifend anerkannt", sagt Stefan Mathews, Bereichsleiter Weiterbildung der Industrie- und Handelskammer Berlin. Vor allem im Industriesektor, wo mit sehr kurzen technologischen Innovationszyklen gearbeitet wird, aber auch die Handels- und Dienstleistungs- und die Gesundheitsbranche setzten immer mehr auf Weiterbildung.

Weil Franziska Schwarzer nach dem Abitur keinen Studienplatz für Medizin bekommen hatte, absolvierte sie erst einmal eine Ausbildung als Krankenschwester. Danach fühlte sie sich ausgebrannt. "Der Alltag im Krankenhaus hat mich sehr belastet", sagt sie, "ich konnte nicht abschalten." Ihr kamen Zweifel. Auch das Medizinstudium, das sie schließlich doch noch antreten konnte, schien nicht das Richtige zu sein. "Wie will man da Beruf und Familie unter einen Hut bringen?"

Neue Perspektiven mit Bachelor

Also brach sie das Studium nach zwei Semestern ab und suchte nach einer Weiterbildung für einen Gesundheitsberuf. An der Apollon Hochschule für Gesundheitswirtschaft schrieb sich die Berlinerin für das Fernstudium Gesundheitsökonomie ein.

Mit einem Bachelor in der Tasche ergeben sich ganz neue Perspektiven, dachte sie: Arbeitgeber finden sich nicht nur in Krankenhäusern, sondern auch in der Pharmabranche und Verbänden der Krankenkassen oder anderer Institutionen, die gesundheitspolitische Interessen vertreten. Selbst in der Medizintechnik sah sie berufliche Perspektiven. "Prothesen, Herzschrittmacher – das wird alles gebraucht."

Vier Jahre lang geht Franziska Schwarzer jeden Tag mit ihren Studienheften zum Lernen in die Bibliothek der Technischen Universität. Hier bewegt sie sich unter "richtigen Studenten" und kommt in den "richtigen Arbeitsmodus". Es ist nicht immer leicht, sich ohne den täglichen Austausch mit Kommilitonen zu motivieren, 36 Stunden in der Woche. Nebenbei muss sie auch noch Geld verdienen – und bekommt ihre kleine Tochter. Diese – heute 16 Monate alt – bringt sie schließlich auf eine eigene Geschäftsidee.

Schritt in die Selbstständigkeit

Am 3. Oktober, drei Monate nach ihrem Abschluss, wird Franziska Schwarzer in der Zionskirchstraße 63 Berlins erstes "Präventionscafé" eröffnen – einen Treffpunkt für Eltern und Kinder, in dem ausschließlich gesunde Produkte angeboten werden und Eltern sich über Seminare und Vorträge, für die sie anerkannte Fachleute gewinnen will, über Gesundheitsförderung und Prävention bei Kindern informieren können. Hier soll ihr das betriebswirtschaftliche Wissen, das ihr im Studium vermittelt wurde, zugute kommen. Schon ein kleiner Rechenfehler kann schließlich Folgen für ein ganzes Jahr haben, hat sie gelernt. "Es ist alles durchgerechnet. Ich freue mich darauf, dass es bald losgeht", sagt die 30-Jährige.

Nicht nur Festangestellte, die sich fachlich innerhalb ihres angestammten Wissensbereiches weiterbilden, profitieren vom Konzept Weiterbildung. So war es auch bei der ehemaligen Kita-Leiterin Tanja Wolburg. Sie konnte sogar ihre Sachbearbeiterin bei der Arbeitsagentur davon überzeugen, dass die Ausbildung zur Galerieassistentin Erfolg verspricht. "Obwohl Erzieherinnen händeringend gesucht werden", sagt sie und lächelt.

Soft Skills sind gefragt

Das Zertifikat ist noch nicht trocken, schon sucht Tanja Wolburg nach einem Job. Vielleicht wird sie ihn in einer Galerie finden, vielleicht aber auch im Kunstverein, bei einem Art-Consultant oder in einem großen Unternehmen, das sich eine Sammlung aufbauen möchte.

Alles Fachliche hat Tanja Wolburg bei der Weiterbildung gelernt. Doch die Soft Skills, die sie für ihren neuen Beruf braucht, bringt sie von Hause aus mit: "Es sind eigentlich die gleichen Talente gefragt, wie wenn man eine Kindertagesstätte leitet: Man muss anpacken können, andere überzeugen, aus dem Nichts organisieren – und das alles häufig ohne Budget."

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