Medizin studieren

Numerus Clausus, Medizin Studium und eine Auslandsreise

Derzeit kommen in Deutschland etwa 45.000 Bewerber auf knapp 10.000 Plätze für das Medizin-Studium. Vincent Wittkowski konnte keinen Studienplatz ergattern. Medizin studiert er trotzdem – in Łódź.

Foto: Christian Kielmann

Vor der Stadthalle Graz gibt es an diesem Freitagmorgen einen Menschenauflauf wie bei einem Popkonzert. Von den großflächigen Plakaten lächeln zwar Nena und James Blunt herüber, aber heute spielt hier eine andere Musik: In dem großen Veranstaltungsgebäude steigt der jährliche Medizinertest. 2765 Prüfungswillige drängen sich um 7.30 Uhr vor den schweren Glastüren, um einen der 360 begehrten Studienplätze zu ergattern.

26 Prozent Deutsche sind darunter, obwohl drei Viertel der verfügbaren Plätze für einheimische Bewerber reserviert sind. 2014 haben sich 30 Prozent mehr Anwärter als im vergangenen Jahr angemeldet. Vincent (20) aus Berlin ist zum ersten Mal dabei und gibt nach der Registrierung im Foyer von 9 bis 17 Uhr in den Fächern Biologie, Chemie, Physik und Mathematik sein Bestes.

Die Organisatoren der drei weiteren Testorte Wien, Innsbruck und Linz berichten von ähnlichen Rekordzahlen – insgesamt 12.600 Personen für 1560 Plätze. Denn: Für den Zugang zu diesen medizinischen Fakultäten zählt nicht die Abiturnote, sondern einzig das erreichte Testergebnis. Kein Wunder also, dass viele Deutsche angereist sind, um hier ihren Beruf zu erlernen, anstatt jahrelang in Deutschland auf einen Studienplatz zu warten, wo es vor allem in den ländlichen Regionen an Ärzten mangelt. Trotzdem kommen derzeit etwa 45.000 deutsche Bewerber auf knapp 10.000 Plätze. Seit Jahrzehnten schon ist das Fach Medizin zulassungsbeschränkt und verlangt einen Numerus Clausus (abgekürzt NC).

Durchschnittsnoten von 1,0 bis 1,3

So werden 20 Prozent der in Deutschland zur Verfügung stehenden Plätze vom zentralen Bewerbungsportal hochschulstart.de über die Abiturbestenquote vergeben. Um in diesem Rahmen einen Studienplatz für Humanmedizin zu erhalten, mussten Abiturienten für das Wintersemester 2014/15 Durchschnittsnoten von 1,0 bis 1,3 erreichen.

Eine weitere Möglichkeit bieten die individuellen Auswahlverfahren der Hochschulen, wobei die Chance auf einen Studienplatz mit einem Abiturdurchschnitt von schlechter als 1,7 gering bleibt. Die restlichen Bewerber stellen sich auf Wartezeiten bis zu sechs Jahren (oder mehr) ein oder aber probieren es im Ausland. Den Großteil zieht es dabei immer noch nach Österreich wegen der vergleichsweise geringen Studiengebühren.

Aber auch Universitäten in den Niederlanden, Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Kroatien, Slowakei, Tschechien, Lettland und Polen stehen hoch im Kurs. Die jedoch kosten richtig viel Geld. Pro Jahr liegen die Gebühren zwischen 2500 und 11.000 Euro, wobei man große Qualitätsunterschiede bei der Ausbildung berücksichtigen muss. Sie findet in der Regel auf Englisch statt.

Teure Dienstleister

Längst haben Dienstleister, diverse Agenturen und so genannte "Partner" ausländischer Universitäten darin ein Geschäftsmodell erkannt und vermitteln die angehenden Mediziner höchstpreisig mit zum Teil fragwürdigen Verträgen nach Ost- und Mitteleuropa.

Wem man in diesem Fall vertrauen kann und wem nicht, wissen die Studienberatungen "College Contact" in Münster und die (ebenfalls kostenpflichtige) Berliner Studienberatung "PlanZ", deren Mitarbeiter sich unter anderem auf das Fach Medizin spezialisiert haben. Das Team um Patrick Ruthven-Murray hilft vor allem bei der Bewerbung über hochschulstart.de in Deutschland, aber auch in der Stadthalle Graz liegen die Flyer der privaten Studienberatung aus.

Harter Prüfungsmarathon

Der lange Prüfungstag hat bei den jungen Leuten sichtlich Spuren hinterlassen. Auch Vincent ist "ziemlich erschöpft" und überlegt, ob er in den Wochen zuvor ausreichend gelernt hat. Einige Wochen später erhält er das Resultat im Netz: So bekommen in Graz 252 von 1386 Österreichern einen Studienplatz, 68 von 699 EU-Bürgern und 17 von 21 Nicht-EU-Teilnehmern. Vincent ist auf dem 190igsten Rang gelandet. "Eigentlich ein ganz gutes Ergebnis", findet er, "aber für das EU-Ranking eben nicht gut genug".

Der 20-Jährige hat einen echten Prüfungsmarathon hinter sich. Im April fuhr er nach Salzburg zu dem mehrstündigen Aufnahmeverfahren der Paracelsus-Medizinische-Privatuniversität (PMU), die ab diesem Wintersemester 50 Ärzte am Klinikum Nürnberg ausbildet. Studieren darf, wer nach guten schriftlichen Prüfungen auch das mündliche Gespräch besteht und Gebühren von insgesamt 67.500 Euro für die (nur) fünfjährige Ausbildung zahlt.

Der Studiengang basiert zwar auf österreichischem Recht, darf laut EU aber in jedem Mitgliedsstaat angeboten werden. Am Ende ist man in Österreich approbierter Mediziner und kann in Deutschland arbeiten – so sehr sich hiesige Universitäts-Granden auch dagegen wehren, weil bestimmte Vorschriften der Bundesärzteverordnung bezüglich der Inhalte eines Medizinstudiums umgangen werden.

Zukunft Brandenburg

In Neuruppin wird die Medizinische Hochschule Brandenburg Theodor Fontane (MHB, eine öffentliche Hochschule in privater Rechtsform) ab dem Sommersemester 2015 einen "Modellstudiengang Medizin" mit 45 Studierenden eröffnen. Der Deal lautet: Die Ausbildung wird an den Ruppiner Kliniken in Neuruppin, dem Städtischen Klinikum Brandenburg in Brandenburg an der Havel sowie bei niedergelassenen Ärztinnen und Ärzten der Region stattfinden.

Im vierten und im fünften Studienjahr sollen die Studierenden in den kooperierenden Krankenhäusern Brandenburgs den klinischen Alltag kennenlernen. Im sechsten Studienjahr sollen sie im praktischen Jahr in den beteiligten Lehrkrankenhäusern tätig werden und dann ihr Staatsexamen ablegen.

Dass der praktische Unterricht an der MHB sehr auf das Bundesland Brandenburg beschränkt ist, stört die potenziellen Kandidaten nicht: 2013 flatterten bereits die ersten Bewerbungen in Neuruppin ein – da war gerade erst der Antrag für die Genehmigung des Modellstudiengangs eingereicht worden.

Medizinertest-Tourismus

Um seine Chancen auf einen Studienplatz zu verbessern, hat Vincent nicht nur für den deutschen Medizinertest gelernt. Er hat sich sich auch für den (englischsprachigen) Aufnahmetest (Schwerpunkt Biologie und Chemie) für die Comenius University in Bratislava angemeldet. Am Prüfungstag traf er dort Leute wieder, mit denen er sich schon in Salzburg unterhalten hatte.

Er bestätigt: "Es gibt einen regelrechten Medizinertest-Tourismus." Und der hat seinen Preis – völlig unabhängig von jeglichen Zu- oder Absagen: Beglaubigungen diverser Dokumente und Zeugnisse, vereidigte Übersetzungen, medizinische Untersuchungen und Zertifikate, Bewerbungsgebühren, Fachliteratur sowie Reise- und Übernachtungskosten.

Der Vorteil eines Studiums in Städten wie etwa dem lettischen Riga ist, dass dort in kleinen Gruppen unterrichtet wird. Einige Deutsche beginnen erst einmal im Ausland mit einem teuren Medizinstudium und versuchen später dann den Quereinstieg in Deutschland über eine Studienplatzklage. Die Hamburger Agentur MediStart um den Rechtsanwalt Dirk Naumann zu Grünberg hat sich darauf spezialisiert, angehende Mediziner in ein höheres Fachsemester an einer deutschen Universität einzuklagen.

Interview per Skype

Vincent hat sich gegen eine Studienplatzklage entschieden. Stattdessen geht er nun an die Medizinische Universität Łódź. Von den dortigen Prüfern wurde er zu einem 30-minütigen Skype-Interview auf Englisch eingeladen, bei dem zwei Ärztinnen ihm erst einige persönliche Fragen zu seiner Motivation und seinem Lebenslauf stellten, um dann Vincents Wissensstand in Biologie und Chemie abzuklopfen.

Der Berliner hat die Prüfung vor der Webcam bestanden und zieht nun, in knapp zwei Wochen, in die drittgrößte Stadt Polens. Falls er keine Zusage erhalten hätte, würde er jetzt wohl eine Bewerbung für Neuruppin zusammenstellen.

Um dem Ärztemangel auf dem Land entgegenzutreten, hat man in Sachsen gerade ein anderes Projekt in Gang gebracht. Dort wählen die Kassenärztliche Vereinigung Sachsen (KVS) mit den gesetzlichen Krankenkassen pro Jahr 20 Bewerber aus, denen sie ein knapp 80.000 Euro teures Medizinstudium in Ungarn finanzieren. Bedingung: Die Studenten müssen in der Regelstudienzeit von zwölf Semestern abschließen und sich danach für mindestens fünf Jahre als Hausärzte im ländlichen Sachsen niederlassen, ansonsten müssen sie die Studiengebühren zurückzahlen.

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