Steuerberater

Angestaubtes Image, aber interessante Aufgaben

Viele Menschen denken beim Steuerberater an Aktenberge. Wer den Job ausübt, erzählt vom Umgang mit Menschen und lebensnahen Themen.

Jesse Kelpin ist Steuerfachangestellter in der Beratungsgesellschaft Erbel + Bernsen

Jesse Kelpin ist Steuerfachangestellter in der Beratungsgesellschaft Erbel + Bernsen

Foto: Sven Lambert

Der Beruf des Steuerfachangestellten oder Steuerberaters gilt eher nicht als Kindheitstraum. Die Steuerfachleute kämpfen gegen ein angestaubtes Image, die meisten Menschen verbinden mit ihrem Berufsbild vor allem Zahlenkolonnen, Aktenberge und Gesetzestexte. "Dabei ist der Beruf alles andere als langweilig", findet Sandra Ziegler.

Die Steuerfachangestellte schätzt die Vielseitigkeit, die Herausforderungen und die Karrierechancen ihres Jobs. "Und es ist ein sehr strukturierter Beruf – also genau mein Ding. Auch wenn in Steuerfragen nicht alles logisch erscheint", räumt die 24-Jährige ein. Wer den Beruf wählt, muss unbedingt Freude am Lernen haben: "Man muss sich sehr viel Wissen aneignen", sagt Ziegler, die auf ihrem bisherigen Berufsweg ein flottes Tempo vorgelegt hat.

Nach der Ausbildung Wechsel in große Kanzlei

Ihre Ausbildung zur Steuerfachangestellten hat Sandra Ziegler in zwei statt der üblichen drei Jahre abgeschlossen – obwohl die duale kaufmännische Ausbildung als sehr anspruchsvoll gilt. Um beruflich weiterzukommen, wechselte sie nach der Ausbildung von einem kleinen Steuerbüro in ein sehr großes international agierendes Wirtschaftsprüfungsunternehmen.

Dort arbeitet sie jetzt in einer 38-Stunden-Woche, berät Start-up-Unternehmen und qualifiziert sich in ihrer Freizeit weiter. Nach nur anderthalb Jahren BWL-Studium mit Schwerpunkt Steuern an der Beuth Hochschule hatte sie den Bachelorabschluss in der Tasche. Zurzeit schreibt sie berufsbegleitend an ihrer Masterarbeit.

"Das Masterstudium ist schon mal eine super Vorbereitung für die Steuerberatertätigkeit", sagt sie und weiß, dass ihr noch viel Arbeit bevorsteht. Die Schwierigkeit liege in der Komplexität des Steuerrechts, erklärt Ziegler. Eine Vereinfachung sei nicht in Sicht: "Die Steuererklärung, die auf den Bierdeckel passt, wird es wohl demnächst nicht geben."

Nächstes Jahr die Prüfung ablegen

Ihr nächstes Ziel hat Sandra Ziegler bereits im Blick. Sie möchte im kommenden Jahr die Steuerberaterprüfung ablegen. Obwohl das Examen als besonders anspruchsvoll und hart gilt, ist sie optimistisch, es gleich im ersten Anlauf zu bestehen. Ungefähr vier Monate Vorbereitungszeit plant sie für die Klausuren in verschiedenen Bereichen des Steuerrechts sowie die mündliche Prüfung vor der Steuerberaterkammer ein.

Und danach? "Ich könnte mir später ein eigenes Steuerbüro vorstellen", sagt die 24-Jährige. Wenn sie die Prüfung schafft, wird Sandra Ziegler deutschlandweit zu den jüngsten Steuerberatern zählen.

Mehr Zeit für den Entschluss, eine steuerliche Laufbahn einzuschlagen, hat sich Jesse Kelpin gelassen – obwohl die Mutter selbst Steuerberaterin ist. "Das Interesse wurde mir damit eigentlich in die Wiege gelegt", sagt er und lacht. Doch die große Leidenschaft war es nicht von Anfang an. Erst mit 21 Jahren – nachdem er sich in verschiedenen Jobs ausprobiert hatte – begann Kelpin seine Ausbildung zum Steuerfachangestellten, die er im Sommer 2016 abschloss.

Eine gewisse Reife ist für den Beruf sinnvoll

"In meiner Ausbildung war ich nicht der Einzige, der erst ein paar Jahre nach dem Schulabschluss begonnen hat", erzählt er. Eine gewisse Reife halte er für sinnvoll, um sich mit dem Steuerfach zu beschäftigen. "Ich hatte einfach früher nicht so den Fokus auf Schreibtischarbeit", sagt er rückblickend.

Der 25-Jährige arbeitet in der Steuerberatungsgesellschaft Erbel + Bernsen. Die Gesellschaft berät schwerpunktmäßig Non-Profit-Unternehmen, Organisationen und Vereine, aber auch Privatkunden. In einem Team von insgesamt 30 Mitarbeitern kümmert sich Jesse Kelpin vorwiegend um Buchhaltung und um die Lohnabrechnung. "Das kann wirklich Spaß machen", sagt er. "Es ist manchmal ein bisschen wie ein Puzzle." Beruflich möchte er noch weiter vorankommen und erwägt, später ein BWL-Studium zu absolvieren.

Die Arbeit bedeute Kontakt mit Mandanten. Man müsse zuhören können, bekomme dann viel von den Menschen, deren berufliche und private Hintergründe mit, erzählt Kelpin. Und: Ohne Software für die Finanzbuchführung oder die Lohnabrechnung läuft in dem IT-lastigen Beruf nichts.

Wechsel ins Digitale bald vollendet

Auch das Eintippen von Buchungssätzen werde perspektivisch wegfallen. "In fünf Jahren werden 95 Prozent aller Buchungen vollautomatisch laufen", sagt Thomas Bernsen. Der Steuerberater und zertifizierte Testamentsvollstrecker ist Chef der Beratungsgesellschaft Erbel + Bernsen. Die technische Entwicklung ziehe einen sinkenden Bedarf an Buchungspersonal nach sich. Doch seine Gesellschaft hat – wie auch andere Steuerbüros – eher mit Personalmangel zu kämpfen.

"Es ist dramatisch", sagt Bernsen. "Wir brauchen qualifizierten Nachwuchs, aber finden keinen." Schuld daran sei vor allem das Imageproblem der Steuerfachangestellten und Steuerberater. "Steuerrecht ist kein Kriminalroman. Aber in der Buchhaltung arbeitet man manchmal kriminalistisch", beschreibt er augenzwinkernd sein Fachgebiet. Er charakterisiert seinen Beruf so: "Steuerberater ist der wirtschaftliche Hausarzt. Er genießt ein enormes Vertrauen."

Als Student in einer Steuerberatung gejobbt

Sein eigener Weg zum Steuerberater verlief über Umwege. Nach einer Ausbildung beim Finanzamt, die er 1979 begann, startete er als Beamter. Es folgte eine Zeit als Funker bei der Bundeswehr. Danach konnte er sich nicht vorstellen, wieder in die Amtsstube zurückzukehren. Während des Studiums der Luft- und Raumfahrtstechnik jobbte Thomas Bernsen bei einem Steuerberater. Er entschied sich für diese Laufbahn und legte 1995 die Prüfung ab.

Das eigene Büro führt er mit zwei Geschäftspartnerinnen – darunter eine Anwältin, welche die rechtliche Seite des Steuerfachs abdeckt. Das Thema Steuer betreffe junge Eltern ebenso wie Senioren, die den Nachlass absichern möchten. "Steuerfragen gibt es von der Geburt bis zur Bahre", sagt Thomas Bernsen. Damit begründet er auch die Verbindung von Steuerrecht und Testamentsberatung, die er anbietet.

Von der Umsatz- bis zur Lotteriesteuer: Mehr als 50 verschiedene Abgaben lassen sich aufzählen. Deutsches Steuerrecht gilt im weltweiten Vergleich als besonders kompliziert – zumal Gesetze immer wieder novelliert werden. Das erfordert ständige Fortbildung. "Die Bereitschaft zu permanentem Lernen muss man haben. Schnarchnasen werden nicht gebraucht", sagt der Steuerberater mit Nachdruck.

Fortbildung und Kooperation mit anderen Arbeitgebern

Bis zu acht Fortbildungstage pro Jahr und ein interner wöchentlicher Austausch gehören deshalb für das Team von Erbel + Bernsen dazu. Zusätzlich bildet die Gesellschaft einen Verbund mit sieben anderen Büros. Sie bilden gemeinsam ihre Mitarbeiter weiter, tauschen Erfahrungen aus und bieten Veranstaltungen für Mandanten an. Das Beraternetzwerk ist auch Herausgeber der Mandantenzeitschrift "tatort: Steuern".

Thomas Schöbel (59) wiederum ist als Quereinsteiger zu den Steuern gekommen. Der Agraringenieur orientierte sich nach der Wende neu. "Wer im Beruf des Steuerberaters gut ist, hat auch Erfolg. Das spricht sich rum", sagt er. Bis vor sechs Jahren hatte er eine eigene Kanzlei, die alle Berufszweige beriet. Inzwischen leitet er die Berliner Niederlassung des Unternehmens Prof. Dr. Bischoff & Partner, das Steuer-, Rechts- und Wirtschaftsberatung anbietet.

Fortbildung und Kooperation mit anderen Arbeitgebern

Die Kanzlei betreut schwerpunktmäßig Zahnärzte zu betrieblichen und privaten Steuerfragen. Einmal im Vierteljahr erhalten die Zahnärzte den Praxis-Navigator-Bericht: "Mit dieser Analyse wird sichtbar, wo das Geld bleibt. Wichtig ist ja, was am Ende des Quartals übrig bleibt", sagt Thomas Schöbel.

Eine Spezialisierung im Beruf hält Thomas Schöbel generell für "nicht verkehrt". "Für die Beratung aller Berufszweige ist die Rechtslage zu kompliziert und zu undurchsichtig", sagt er. Wichtig im Beruf sei unternehmerisches Denken sowie nicht nur ein Gefühl für Zahlen, sondern auch für den Menschen dahinter. Er schätzt seinen Beruf sehr: "Steuern sind etwas Furchtbares, wenn man sie zahlen muss. Doch der berufliche Umgang damit ist spannend."

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