Interview

"Die Qualifikation als Heilpädagoge wird sehr geschätzt"

Der Berufsverband BHP sieht einen großen Arbeitsmarkt für Heilpädagogen. Voraussetzung für den Beruf ist Freude am Unterstützen anderer.

Heilpädagogen schauen darauf, was eine Person braucht, um sich selbst „ganz“ zu fühlen“, sagt Kai Timpe vom Berufsverband BHP.

Heilpädagogen schauen darauf, was eine Person braucht, um sich selbst „ganz“ zu fühlen“, sagt Kai Timpe vom Berufsverband BHP.

Foto: FatCamera / Getty Images

Berlin: Der Geschäftsführer des Berufs- und Fachverbands Heilpädagogik (BHP), Kai Timpe, sprach mit Adrienne Kömmler über Aufgaben, Spezialisierungen und Einsatzmöglichkeiten für Heilpädagogen.

Herr Timpe, Heilpädagogik klingt ein bisschen nach Therapie. Damit hat es aber gar nichts zu tun, oder?

Kai Timpe: Heilpädagogik ist in erster Linie Pädagogik. Sie ist dort gefragt, wo Menschen jedes Alters aufgrund von Benachteiligungen, Beeinträchtigungen, bestehenden oder drohenden Behinderungen vor Teilhabebarrieren stehen. Sie vertritt ein Menschenbild, das die Person stets in allen Kontexten, also ihrer Lebenswelt mit allen Wechselwirkungen sieht.

Darauf aufbauend schaut sie, was die Person braucht, um sich selber "ganz" zu fühlen und teilzuhaben am gesellschaftlichen Leben. Insofern baut die Heilpädagogik auch auf medizinischen Erkennt­nissen auf. Aber Heilpädagoginnen und Heilpädagogen gehen nicht mit Doktorköfferchen auf Klienten zu, um es mal salopp zu formulieren.

Muss man eine besondere Eignung für diesen Beruf mitbringen?

Timpe: Bevor man sich dafür entscheidet, sollte man für sich reflektieren, ob man die Bereitschaft mitbringt, sich gegen Ausgrenzung und Benachteiligung von Menschen einzusetzen. Ansonsten erlernt man während des Studiums alles, was benötigt wird, um Menschen mit Benachteiligungen zu fördern, zu bilden, zu beraten und zu stärken. Und man lernt, systemisch und sozialraumorientiert zu denken und zu handeln. Interesse für diese genannten Handlungsansätze sollte also vorhanden sein.

Welche Eigenschaften hat für Sie ein perfekter Heilpädagoge?

Timpe: Die perfekte Heilpädagogin oder den perfekten Heilpädagogen gibt es genauso wenig wie etwa einen perfekten Arzt. Sie fragen nach Eigenschaften: Ein guter Heilpädagoge sollte zunächst einmal Interesse an Menschen und der Arbeit mit Menschen haben, vom Grundsatz überzeugt sein, dass jeder Mensch erziehungs- und bildungsfähig ist, Einfühlungsvermögen besitzen, zuhören können, kreativ, originell und vielleicht sogar ein wenig rebellisch sein. Denn in der Gesellschaft ist noch einiges zu tun in Sachen gleichberechtigter Teilhabe für alle Menschen.

Fachschul- oder Fachhochschulstudium – das sind spezialisierende Aufbau-Qualifikationen. Es gibt also nur den Weg über eine vorherige Erzieher- oder Sozialpädagogikausbildung?

Timpe: Wer über eine Voraussetzung für eine Hochschulzulassung verfügt, kann ein Hochschulstudium im Fach Heilpädagogik beginnen. Richtig ist, dass das Studium an einer Fachschule eine abgeschlossene Ausbildung ebenfalls an einer Fachschule voraussetzt – in der Regel zum Erzieher oder in einem als gleichwertig anerkannten Ausbildungsberuf. Das ist in Deutschland einzigartig. Der Weg in die Heilpädagogik führt also über zwei Fachschulausbildungen und zeugt daher natürlich von einer besonderen fachlichen Qualität.

Wie viel Heilpädagogen gibt es, und wie ist der Bedarf?

Timpe: Exakte Zahlen zu nennen ist sehr schwer. Wir als Verband können Statistiken oder Daten auswerten und auf dieser Grundlage eine Schätzung abgeben. Aktuell gehen wir von etwa 30.000 bis 35.000 Heilpädagogen in Deutschland aus. Den Bedarf schätzen wir als sehr hoch ein. Die Qualifikation wird im sozialen Dienstleistungsbereich sehr geschätzt.

Wo werden die Fachpädagogen gebraucht?

Timpe: Heilpädagogik wird viel eingesetzt – begonnen bei der Frühförderung, in Kindertageseinrichtungen, über Einrichtungen der stationären und ambulanten Kinder- und Jugendhilfe sowie natürlich auch in der Begleitung, Beratung und Unterstützung von erwachsenen Menschen mit Beeinträchtigungen oder drohenden Behinderungen. Zudem beobachten wir, dass Heilpädagogen vermehrt im Schuldienst als nicht lehrendes Personal und in der Arbeit mit Menschen mit Demenz gefragt sind.

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