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22.02.12

Geldanlage

Mittelstandsanleihen bringen zweistellige Renditen

Der deutsche Mittelstand wagt sich auf Bondparkett. Für Anleger sind Renditen von mehr als 30 Prozent drin. Doch die Risiken sind hoch.

© Infografik DWO
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Die Bundesbürger haben wieder Vertrauen in ihr Land und in ihre Wirtschaft. Und was läge da für Sparer näher, als auf eine der Stützen der Ökonomie zu setzen: den Mittelstand. Tatsächlich kommt nach einer mehrmonatigen Durststrecke nun das Geschäft mit Schuldtiteln kleiner und mittelgroßer deutscher Firmen wieder in Gang.

Gerade private Sparer legen ihre Risikoscheu ab und greifen beherzt bei Mittelstandsanleihen zu. Das erste Papier in diesem Jahr war innerhalb von drei Stunden vergriffen. In dieser kurzen Zeit sammelte das Recyclingunternehmen Scholz 150 Mio. Euro ein.

"Bei Mittelstandsanleihen geht wieder was", sagt Raimar Bock vom Wertpapierhaus Close Brothers Seydler. Die Angst in der Investorenschaft schwinde. Er hat einen immensen Anlagestau beobachtet. "Milliarden schlummern etwa auf schlecht verzinsten Tagesgeldkonten. Anleger begeben sich nun auf die Suche nach attraktiveren Renditen."

Ablesen lässt sich die neue Lust an den Bonds, wie Anleihen auf dem Parkett genannt werden, auch am Bondm-Index. Das Marktbarometer, das die Wertentwicklung der Mittelstandsanleihen an der Börse Stuttgart abbildet, hat seit Jahresanfang zehn Prozent zugelegt. Mit 100,57 Punkten markierte der Bondm-Index am gestrigen Mittwoch den höchsten Stand seit vergangenem August.

Banken knausern mit Krediten

Vergessen scheinen die Turbulenzen um die Anleihen einiger Solarunternehmen, die vorübergehend zu einer Bürde für das ganze Anleihesegment geworden waren. Insbesondere private Sparer hatten sich zuletzt mit Engagements zurückgehalten. Wegen dieses Käuferstreiks waren in den vergangenen sechs Monaten kaum noch neue Titel am Markt platziert worden.

Doch der gelungene Bond-Auftakt mit der Scholz-Anleihe lässt auch die Mittelständler wieder hoffen, die nach einer Finanzierungsalternative zum klassischen Bankkredit suchen. Seit der Finanzkrise 2007 vergeben die Institute nur noch sehr restriktiv Geld an kleine und mittelgroße Firmen. Viele Banken wollen sogar ihre Bilanzen schrumpfen und versuchen daher Mittelstandskredite abzubauen.

Und so haben die Firmen den Bond als neue Finanzierungsquelle entdeckt. Private Sparer sind als Gläubiger besonders beliebt, weil sie in der Regel die Schuldtitel kaufen und treu bis zur Endfälligkeit halten. Hier kann die Scholz-Anleihe Mutmachen. Mit 28 Millionen Euro wurde rund ein Fünftel des Emissionsvolumens von Sparern abgenommen. Das ist deutlich mehr als noch vor wenigen Monaten. Da hatten Kleinanleger bei einzelnen Papieren gerade noch eine Millionen Euro beigesteuert. "Das Thema Schuldenkrise wird aus den Köpfen gespült. Nun ist der Blick wieder klarer für Chancen", sagt Bock.

Seidensticker legt Anleihe auf

Der Emissionsexperte rechnet damit, dass der Optimismus eine Weile halten wird und erwartet in den kommenden Wochen eine wahre Flut von Schuldtiteln. Bis Juli könnten bis zu 14 Mittelständlern Anleihen platzieren.

Gestern brachte sich bereits der nächste Kandidat ins Gespräch. Der Hemdenhersteller Seidensticker will sich über eine Unternehmensanleihe bis zu 30 Millionen Euro bei Investoren besorgen. Mit den Geldern wollen die Bielefelder ihr eigenes Filialnetz ausbauen und Verbindlichkeiten umschulden. Der Mittelständler habe sich zu dieser Form der Kapitalbeschaffung entschieden, weil bei den Banken ein "unsicherer Finanzierungsmarkt" herrsche: "30 Millionen hätten wir von einer Bank nicht bekommen", sagt Gerd Oliver Seidensticker, einer der Vorstände des Familienunternehmen.

Die Seidensticker-Anleihe soll am Mittelstandsmarkt der Börse Düsseldorf begeben werden und kann von 27. Februar 2012 an gezeichnet werden. Der Zinssatz soll bei einer Laufzeit von sechs Jahren 7,25 Prozent pro Jahr betragen. Das sind immerhin sechs Prozentpunkte mehr als der Bund für Schuldtitel mit vergleichbarer Laufzeit derzeit bietet. Dafür birgt die Seidensticker-Anleihe auch höhere Risiken. Das Eigenkapital ist mit rund fünf Prozent sehr niedrig nach einem verlustreichen Ausflug ins Geschäft mit Damenoberbekleidung.

Mittelständler sammeln Milliarden ein

Seidensticker zeigt, dass selbst Mittelständler mit bekannter Marke nicht frei von Risiken sind. Inzwischen sind über 40 Titel deutscher Mittelständler platziert. Knapp 2,3 Milliarden Euro sammelten bekannte Adressen wie Valensina, Katjes, Underberg, Air Berlin, Bastei Lübbe oder weniger bekannte Namen wie Royalbeach, FFK, Rena ein. Quasi aus dem Nichts entstand ein ganz neuer Markt.

"Hier existieren teils große Diskrepanzen, die dem Anleger deutlich vor Augen geführt werden müssen", sagt Bock. Kritisch sieht er zum Beispiel Titel aus dem Bereich Erneuerbare Energien und Luftfahrt. Auch von Projektfinanzierungen lasse man lieber die Finger.

Ein Blick auf die Kurstafel offenbart die immensen Unterschiede. So finden sich unter den Mittelstandsanleihen mit der höchsten Rendite gleich drei Solar-Titel. Deren Kurse sind zuletzt derart gefallen, dass die Papiere Renditen von 30 Prozent und mehr abwerfen. Eine solche Verzinsung erinnert an Griechenland-Anleihen vor einem halben Jahr.

Bock rät Investoren, sich auf solide Mittelständler aus der Industrie mit einem nachhaltigen Geschäftsmodell zu konzentrieren. Dann wird das Vertrauen in die eigene Wirtschaft nicht an der Börse enttäuscht.

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