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08.02.12

Keine Gnade

Einst superreiche Chinesin sitzt in der Todeszelle

Die chinesische Justiz verhängt trotz Kooperation mit der Polizei die Todesstrafe gegen die Multimillionärin Wu Ying. Die Anklage lautet auf Finanzbetrug.

© dapd/COLOR CHINA PHOTO
Unternehmerin Wu Ying vor Gericht
Unternehmerin Wu Ying vor Gericht: Die Justiz kennt keine Gnade mit ihr

Wu Ying schien das Glückskind aus dem Märchen zu sein, das Chinas Wirtschaftsreformen schrieben. Aus der Bauerntochter, die ihre Schulausbildung abbrach, wurde in kaum zehn Jahren eine der Top-Businessfrauen Chinas.

Shanghais "Reichenreport Hurun" krönte sie 2006 zur sechstreichsten Frau Chinas. Da war die Multimillionärin, die Ferrari und BMW fuhr, erst 26 Jahre alt. Sie besaß eine Kette von Schönheitssalons und Hotels. Sie nannte sich Chefin der "Zhejiang Bense GmbH". Ein Jahr später war sie verhaftet. Die Anklage: Finanzbetrug.

Zu Paten ihrer Traumkarriere wurden reiche Geldgeber, Bankbeamte und ebenso gierige wie korrupte Funktionäre. Mindestens 17 Personen, darunter elf Kredithaie, gab sie den Ermittlern preis, berichtete Pekings "Global Times".

Wus Fall erregt Chinas Öffentlichkeit aber aus einem ganz anderen Grund. Die mit ihrem schwarzen Pagenhaarschnitt apart wirkende, heute 31-Jährige sitzt im Gefängnis in Ostchinas Provinz Zhejiang in der Todeszelle. Ihr Leben hängt nur noch an einem seidenen Faden. Chinas höchstes Volksgericht prüft als einzige Instanz, die sie noch retten könnte, das Urteil. Pekings Richter könnten es kassieren.

Hälfte des Geldes ist verloren

Sonst stirbt Wu durch Giftinjektion. Sie hat den Gerichtsweg in allen zwei Instanzen ausgeschöpft. Ihre Berufung gegen das Todesurteil wurde verworfen. Das Obere Provinzgericht bestätigte am 18. Januar ihre Hinrichtung kurz vor Chinas Frühlingsfest als Strafe für ihre Gründung illegaler Privatfonds.

Von Großinvestoren und anderen Anlegern erschwindelte sie gegen das Versprechen, Tageszinsen bis zu 0,5 Prozent zu zahlen, zwischen Mai 2005 und Februar 2007 rund 770 Millionen Yuan, umgerechnet mehr als 95 Millionen Euro privates Kapital. Die Hälfte davon ist verloren.

In China dürfen nur staatliche oder Joint-Venture-Banken Kapital von Anlegern aufnehmen und wieder ausleihen. Sie sind neben den Pfandhäusern die einzige legale Möglichkeit, wenn kleine und mittlere Unternehmen Kredite brauchen. Als Folge von 30 Jahren unvollendeter Wirtschaftsreformen, bei denen das Finanzsystem nicht mitreformiert wurde, wimmelt China wieder von Geldverleihern, Schattenbanken und Wucherern aller Art.

Deren Geldverleih-Geschäft boomt, wobei sie Wucherzinsen bis zu 60 Prozent nehmen. Seit Pekings Regierung 2011 ihre Politik knapper Kredite und knappen Geldes weiter verschärfte, stecken Hunderttausende private Unternehmen in einer Finanzierungsfalle, müssen sich privat Geld zu Wucherzinsen beschaffen.

Allein im Mekka der chinesischen Privatindustrie in der Ostküsten-Metropole Wenzhou, wo der Umfang der Privatkredite 2011 von den städtischen Behörden auf 13 Milliarden Euro geschätzt wird, gingen bis Oktober 2011 rund 100 Unternehmer in Konkurs, die keinen anderen Ausweg sahen, als zu fliehen oder Selbstmord zu begehen. Sie hatten zusammen 1,2 Milliarden Euro Schulden angehäuft.

An Wu Ying soll ein Exempel statuiert werden

Das ist das Umfeld, in dem auch Wu Ying schnell zu Geld kam. Chinas Strafgesetz bewertet die betrügerische, private Anhäufung von Geld und Kapital neben Mehrwertsteuerbetrug als die beiden Wirtschaftsdelikte, die es immer noch mit der Todesstrafe ahndet.

Zhejiangs Provinzgericht verwarf am 18. Januar die Berufung der jungen Frau, obwohl sie sich als geständig erwies. Nach Angaben von "China Daily" rechtfertigte Gerichtspräsident Shen Ziming die Todesstrafe, da Wu Ying mit ihren Schwindelfonds die Anleger um "extreme Summen" prellte und "besonders hohe Verluste" anrichtete.

Chinas Medien aber fragen nach: "Warum wurde ihre Kooperation mit der Polizei, um den Schwindel aufzudecken, nicht strafmildernd gewertet? Welche korrupten Beamten gab sie der Polizei preis?" An der jungen Frau soll ein Exempel als abschreckendes Beispiel statuiert werden. Dagegen formiert sich landesweit Protest. Anwälte, Freunde, Verwandte und eine kritische Öffentlichkeit machen mobil, um die Todesstrafe in lebenslange Haft umzuwandeln.

Selbst die staatliche Nachrichtenagentur "Xinhua" berichtete von "Bedenken und Sorgen" über das harte Urteil. "Überall ist nicht nur die Bitte um Gnade für Wu Ying zu hören." Ebenfalls wird der Ruf nach einer Debatte über die Anwendung der Todesstrafe laut. Und vor allem nach überfälligen Reformen, um das Finanzwesen dem Markt zu öffnen.

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