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03.02.12

Geldanlagen

EZB-Geldflut löst neue Börsenrallye aus

Mit ihren Maßnahmen hat die EZB normale Marktmechanismen außer Kraft gesetzt. Die Kurse von Aktien und Anleihen steigen gegen die Regln gleichzeitig.

© Infografik Welt Online
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So etwas gab es noch nie: Fast 15 Prozent hat der deutsche Aktienindex (Dax) seit Jahresbeginn zugelegt. Das ist der höchste Zuwachs in den ersten Wochen des Jahres seit der Einführung des Börsenbarometers 1988. Aber sogar wenn man die Dax-Rückrechnung, die bis 1973 reicht, zugrunde legt, gab es niemals einen besseren Start für die Börsen. Allein in der vergangenen Woche betrug das Plus rund vier Prozent. Am Freitag übersprang der Dax sogar wieder die Marke von 6700 Punkten.

Als Gründe werden meist die verbesserten Wirtschaftsaussichten genannt. Deutschland wird wohl doch nicht in die Rezession abdriften, die Krise in der Euro-Zone scheint sich zu beruhigen und selbst aus den USA kamen am Freitag gute Arbeitsmarktdaten. Es geht mit der Konjunktur also wieder aufwärts. Doch ein Problem bleibt dabei: Die Rentenmärkte zeigen genau das Gegenteil an.

Traditionellerweise bewegen sich Aktien- und Rentenmärkte gegenläufig. Fürchten die Investoren eine Rezession, so stoßen sie Aktien ab und kaufen sichere Anleihen, die Kurse der Aktien sinken also, jene von Anleihen steigen, wodurch wiederum deren Renditen sinken. So war es fast immer, und so war es auch im Herbst vergangenen Jahres: Es drohte eine Rezession, die Aktienkurse sanken, die Renditen mit ihnen. Doch nun hat der Wind an den Aktienmärkten um 180 Grad gedreht, die Renditen an den Rentenmärkten verharren aber dennoch nahe ihren absoluten Tiefstständen. Deutsche Staatsanleihen mit zehnjähriger Laufzeit bringen gerade mal 1,89 Prozent – genau so viel wie zu Beginn des Jahres.

"Das Muster, dass gute Konjunkturdaten und steigende Aktienkurse mit Kursrückgängen bei den Bundesanleihen einhergehen, ist nicht mehr intakt", stellt Gerald Müller, Rentenmarktexperte bei der Commerzbank, fest. Und er hat auch eine Erklärung dafür: "Die Ursache liegt in dem Dreijahrestender, den die Europäische Zentralbank im Dezember aufgelegt hat und der den Markt überreichlich mit Liquidität versorgt hat."

Am 21. Dezember hatte die EZB den Banken rund 500 Mrd. Euro für drei Jahre geliehe n, und zwar zu einem Minizins von einem Prozent. Diese Maßnahme wurde von vielen nur nebenbei wahrgenommen, doch sie hat es in sich. Diese Summe entspricht immerhin neun Prozent der gesamten Wirtschaftsleistung der Euro-Zone. Damit hat die EZB inzwischen ihre Bilanz fast genau so stark ausgeweitet wie alle anderen großen Zentralbanken – sprich: sie lässt nun die Druckerpresse genau so schnell rotieren wie die anderen Notenbanken. "Europa ertrinkt im Geld", sagt Alexander Seibold von der Seibold Capital GmbH.

Dass Otto Normalverbraucher davon auf seinem Konto nichts gemerkt hat, liegt daran, dass diese Summen nicht über den Bürgern ausgeschüttet werden, sondern an die Banken gehen. Diese sollen damit Staatsanleihen kaufen und so den Druck von Südeuropas Schuldenstaaten nehmen. Genau das passiert, die Renditen für Anleihen dieser Länder sind deutlich zurückgegangen.

Doch nicht nur das. Die Summen, die den Banken zur Verfügung stehen, sind so gewaltig, dass sie auch noch anderweitig investieren können. Die so genannte Überschussliquidität beträgt mittlerweile rund 600 Mrd. Euro. Damit ist das Geld gemeint, das nicht in Form von Mindestreserven, Bargeldumlauf oder Einlagen öffentlicher Haushalte gebunden ist, das den Banken also praktisch zur freien Verfügung steht. Ein Teil dieses Geldes fließt auch an die Aktienmärkte, weshalb derzeit eben beides steigt, die Kurse an den Aktien- und an den Rentenmärkten. Die Geldflut der EZB macht's möglich und setzt damit die traditionelle Gegenläufigkeit der Kurse an beiden Märkten außer Kraft.

Und mehr noch: Ende Februar will sie sogar einen weiteren Dreijahrestender auflegen. Schätzungen gehen davon aus, dass dann bis zu einer Billion Euro zusätzlich in die Märkte fließen könnten. "Kurzfristig versinken die Probleme der Euro-Zone damit im Geldsee", sagt Alexander Seibold. Allerdings ist er skeptisch, ob sie damit gelöst werden. "In zwei bis drei Jahren tauchen sie wieder auf", prophezeit er. Er bezweifelt daher auch, dass die Aktienmärkte langfristig von diesen Maßnahmen profitieren.

Allerdings gilt auch die alte Anlegerweisheit: "Man muss so lange tanzen, wie die Musik spielt." Denn wer zwar die langfristigen Probleme sieht, aber dafür auf kurzfristige Gewinne verzichtet, hat am Ende recht, verdient haben aber die anderen. "So viel Cash wie die Investoren derzeit haben und so hungrig nach Rendite wie sie sind, dürften Risikoanlagen noch einige Wochen lang gut laufen", sagt Vincent Chaigneau von der Société Générale: "Der Trick besteht aber natürlich darin, den Zeitpunkt zu erkennen, wenn die Musik aufhört zu spielen." Er glaubt, dass dies passiert, wenn beispielsweise die Umschuldung Griechenlands in trockenen Tüchern ist oder wenn der neue Dreijahrestender der EZB aufgelegt ist. Das wäre dann spätestens im März. Bis dahin kann der Dax jedoch noch ein paar Hundert Punkte steigen.

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