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01.09.10

Börse

September verliert seinen Schrecken als Crash-Monat

In der alten Zeitrechnung an der Börse war dem September ein Ruf als Crash-Monat eigen. Alt hergebrachte Regeln gelten künftig nicht mehr.

© REUTERS
Handelsparkett der Deutschen Börse in Frankfurt

An der Börse hat eine neue Zeitrechnung begonnen. Nur: Abgesehen von ein paar Eingeweihten scheint es noch niemand gemerkt zu haben. In dieser neuen Zeitrechnung gelten neue Regeln, die sich Sparern erst nach und nach erschließen. Die gute Nachricht: Der September verliert seinen Schrecken als Crash-Monat. Die schlechte Nachricht: Anleger können sich weniger als früher an lieb gewonnen saisonalen Zyklen orientieren. Investieren wird komplexer. Zu einem Crash kann es zu jeder Zeit des Jahres kommen, aber mächtige Aufwärtsbewegungen sind ebenfalls jederzeit möglich – eben auch im September.

In der alten Zeitrechnung war dem September ein hartnäckiger Ruf als Crash-Monat eigen. Dieses Image hatte er sich in der Vergangenheit redlich verdient: Der September war zwischen 1960 und 2009 der einzige Monat im Jahr, den der Deutsche Aktienindex (Dax) regelmäßig mit einem Minus abschloss: In 32 Jahren stand das Börsenbarometer am Ende des Septembers tiefer als am Anfang. Und auch die schlechteste Monatsentwicklung seit 1960 fiel auf einen September: Im Jahr 2002 ging es in diesem Herbstmonat um 25,4 Prozent in die Tiefe. Im Durchschnitt hat der Dax in den vergangenen fünf Jahrzehnten im September 2,16 Prozent verloren.

Auch jenseits deutscher Grenzen ist der September eher berüchtigt als beliebt. Der führende US-Leitindex Dow Jones verzeichnete sein schlechtestes Monatsergebnis seit seiner Gründung vor 114 Jahren im September 1931. Damals brachen die Notierungen an der Wall Street um 31 Prozent ein.

In der neuen Zeitrechnung verlieren solche historischen Muster an Bedeutung. Neue klare Gesetzmäßigkeiten haben sich noch nicht ausgebildet. "Anlegern steht ein holpriger Weg bevor", sagt Mohamed El-Erian, Co-Chef der Fondsgesellschaft Pimco gegenüber Bloomberg. El-Erian hat keine Angst vor der neuen Ära, die er "The New Normal" (den neuen Normalzustand) nennt. Sein Portfolio hat er nach eigener Aussage rechtzeitig wetterfest gemacht.

Der neue Normalzustand unterscheidet sich in einem wesentlichen Punkt von der alten Zeit: Die ungehemmte Kreditexpansion, die früher künstliches Wachstum hervorbrachte, existiert nicht mehr. Privathaushalte und Unternehmen versuchen eher zu sparen als Geld auszugeben. Die US-Konzerne haben Barreserven von mehr als 800 Milliarden Dollar angehäuft. Die Sparquote der Privaten, die noch vor zwei Jahren bei null lag, ist auf sechs Prozent hochgeschnellt. Notenbanken und Regierungen halten mit aller Macht dagegen – oder versuchen dies zumindest. Der Ausgang des Duells ist völlig offen. "Das Unwahrscheinliche und das Undenkbare ist möglich geworden", sagt El-Erian. Er hat beobachtet, dass das Gros der Investoren noch nicht in der neuen Zeitrechnung angekommen sind.

Tatsächlich basieren die meisten Analystenstudien noch auf traditionellen Modellen. Bestes Beispiel ist eine aktuelle Expertise der DZ-Bank. Deren Verfasser Christian Kahler hat sämtliche Rezession seit 1974 untersucht und kommt zu dem Ergebnis, dass der deutsche Aktienmarkt eklatant unterbewertet ist. Gemessen an früheren Aufwärtsphasen hätte der Dax ein Potenzial von 24 Prozent. Die Unwägbarkeiten jedoch bleiben: Die günstige Bewertung der Aktien hat nicht die gleiche Aussagekraft wie früher. Anders als in der Vergangenheit springen Verbraucher und Firmen kaum noch auf niedrige Zinsen an: Investitionen und Konsum bleiben trotz des billigen Geldes schlaff. Und für die Börse gilt: Wenn es den Akteuren an Wagemut mangelt, kaufen sie keine Aktien, selbst wenn sie billig sind.

"Die Signale von den Bondmärkten mit einbrechenden Renditen sprechen dafür, dass der September für den Dax sehr schwach werden könnte", sagt Andreas Hürkamp, Chefstratege bei der Commerzbank. Stützen sollte den Markt aber die zuletzt allzu deutlich ausgeprägte Zurückhaltung: "Der Pessimismus ist sehr groß. So gab es in der vergangenen Woche in einer Umfrage unter US-Privatinvestoren nur noch 21 Prozent Optimisten." Das ist der niedrigste Wert seit März 2009, als der Dax bei 3666 Zählern einen Wendepunkt markierte. Der Unterschied zu damals ist die technische Verfassung des Marktes. Damals durchstieß der Dax die 200-Tage-Linie von unten nach oben. Heute droht der Rutsch unter diese wichtige Marke.

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