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30.08.10

Szenarien

Wenn Notenbanken das Primat der Stabilität aufgeben

Verteidigen die Notenbanker noch die Interessen der Sparer? Oder helfen sie, die maroden Staatshaushalte zu sanieren? Billionen stehen auf dem Spiel.

WELT Grafik/Jörn Baumgarten

Beispiel Äpfel: In Europa droht die schlechteste Ernte seit zehn Jahren.

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Wem dienen die Notenbanker heute? Sind sie noch der Idee des stabilen Geldes verpflichtet? Oder lassen sie sich willfährig vor den Karren der Politik spannen und betätigen sich als Konjunktur-Schlepper? Die Finanzkrise hat die Geldpolitiker in ein faustisches Dilemma gestürzt, wobei die Regierungen den Mephisto geben.

Für die Besitzer von Sparbüchern, Sparbriefen, Tages- und Festgeldkonten sowie Lebensversicherte steht viel auf dem Spiel. Je nachdem, für welchen Herrn sich Ben Bernanke, Jean-Claude Trichet und die anderen "Währungshüter" entscheiden, müssen die Sparer nämlich die Zeche zahlen.

Für sie ist die Frage nach der Geldwertstabilität daher die Gretchenfrage unserer Zeit. Rücken die Notenbanker vom einstmaligen Primat der Inflationsbekämpfung ab, könnte das sehr teuer werden: Denn nagt die Inflation zehn Prozent des deutschen Geldvermögens weg, bedeutet das einen Kaufkraftverlust von fast einer halben Billion Euro.

Weitgehend ungeschützt vor Geldentwertung lagern hierzulande 1,8 Billionen Euro auf Girokonten oder im Sparstrumpf. Weitere 1,3 Billionen Euro sind bei Versicherungen angelegt. Nochmal 364 Mrd. Euro stecken in Sparbriefen und eine halbe Billion in Investmentfonds. Zusammen ergibt das ein Geldvermögen in Höhe von Ehrfurcht erweckenden 4,7 Billionen Euro. Das entspricht in etwa der doppelten Wirtschaftsleistung Deutschlands.

Die Gefahr eines Verrats an den Interessen der Sparer war noch nie so groß. Denn die Notenbanker werden derzeit vor allem von einem geleitet: von Angst. Die Verantwortlichen an der Spitze von Federal Reserve (Fed), Europäischer Zentralbank (EZB), Bank of England und Bank of Japan fürchten, dass die Finanz- und Wirtschaftskrise zu einem Dauerzustand wird.

Kehrt die Zuversicht der Akteure nicht bald wieder zurück, könnte den westlichen Volkswirtschaften eine verlorene Dekade bevorstehen. Als Menetekel gilt Japan: Die ehemalige Wunderökonomie in Fernost befindet sich bereits seit 20 Jahren in einem solchen bleiernen Zeitalter. Ein Ende der Misere ist nicht absehbar.

Die Angst vor einem verlorenen Jahrzehnt beherrschte auch das Treffen der weltweit führenden Notenbanker vergangenes Wochenende in Jackson Hole, einem Ferienort im US-Bundesstaat Wyoming. Vertreten waren 110 bedeutende Geldpolitiker und Ökonomen, darunter Fed-Chef Bernanke und EZB-Chef Trichet. Was die Herren des Geldes einte, war der Wille, alles in ihrer Macht stehende zu tun, um die verlorene Dekade abzuwenden. Der oberste japanische Geldaufseher Masaaki Shirakawa war kaum dem Flugzeug aus Wyoming entstiegen, als er eine weitere Liquiditätsspritze in Höhe von knapp 100 Mrd. Euro bekannt gab. Damit erwies er sich der Politik als gefällig. Japans Ministerpräsident Naoto Kann sieht sic wegen mangelnder Erfolge in Wirtschaftsfragen massivem politischem Druck ausgesetzt.

Sein amerikanischer Kollege Bernanke steht Gewehr bei Fuß, um die drohende Verlangsamung des Wachstums in den USA zu bekämpfen. Im November finden in den Vereinigten Staaten Parlamentswahlen statt. Präsident Barack Obamas Demokraten drohen in beiden Kammern des Kongresses empfindliche Einbußen – ein Verlust der Mehrheit in Senat und Repräsentantenhaus ist keineswegs ausgeschlossen. Jetzt soll die Fed ran.

"Es existiert so etwas wie ein Bernanke-Put, also eine Option, dass die Fed noch mehr Maßnahmen ergreift, um die Wirtschaft zu stimulieren", sagt Jean-Baptiste Pethe, Stratege bei der BNP Paribas.

Einzig Europas oberster Währungshüter Jean-Claude Trichet hob ausdrücklich auf die Geldwertstabilität ab. Werde die Staatsverschuldung nicht rechtzeitig zurückgeführt, könne es in Europa zu einer verlorenen Dekade kommen, warnte er in Jackson Hole.

Sparern helfen Worte freilich wenig. Auch die EZB ist auf einen Niedrigzinskurs eingeschwenkt. Das mag den Finanzsektor und andere Großschuldner (wie die Regierungen) freuen, die Sparer hingegen haben das Nachsehen.

Statt ansehnlicher Zinsen bekommen sie eine Diätrendite. Würden Anleger für Bankeinlagen zum Beispiel zwei Prozentpunkte mehr im Jahr erhalten (drei Prozent anstelle von einem Prozent), hätten die Bundesbürger Zusatzeinnahmen von 36 Mrd. Euro im Jahr. In einem normalen Zinsumfeld könnte das Geldvermögen der Deutschen jährlich 71 Mrd. Euro mehr abwerfen. "Unglücklicherweise muss einer für die Folgen der Finanzkrise aufkommen, das ist vor allem der Sparer", sagt Mohamed El-Erian, Chef der Fondsgesellschaft Pimco. Die Niedrigzinsen wirken seiner Meinung nach wie eine Steuer auf Spareinlagen.

Kritisch ist auch Thorsten Polleit, Chefvolkswirt von Barclays Capital Deutschland. Er sieht die Notenbanker auf dem falschen Weg: "Weder das Absenken der Zinsen auf null Prozent, noch das Ausweiten der Zentralbankgeldmengen, noch das Kreditfinanzieren von Staatsausgaben schaffen Wohlstand." Ein künstliches Absenken des Zinsen verzerre die Produktionsstrukturen der Ökonomie. "Es kommt anfänglich zu einem künstlichen Boom, der aber früher oder später in einem Kollaps endet."

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