Fallende Preise
Dr. Doom erklärt die Vorzüge der Deflation
Geraten wir in eine gefährliche Deflationsspirale? Börsenguru Marc Faber ("Dr. Doom") hält die Aufregung für unbegründet – und sagt, was zu tun ist.
Beispiel Äpfel: In Europa droht die schlechteste Ernte seit zehn Jahren.
Unter Volkswirten ist ein Religionskrieg ausgebrochen: Auf der einen Seite stehen die Deflationisten. Sie behaupten, dass Preise fallen und dass Deflation die Weltwirtschaft noch viele Jahre lang plagen wird. Auf der anderen Seite stehen die Inflationisten. Sie glauben, dass Staatsdefizite und eine expansive Geldpolitik die Preise in Zukunft stark steigen lassen werden.
Es ist natürlich falsch, von einer "guten Inflation" und einer "bösen Deflation" zu sprechen. Auf was es bei einer gesunden Volkswirtschaft in der Regel ankommt, sind steigende Reallöhne. Auf diese Weise kann die Nachfrage bei Gütern und Dienstleistungen hochgehalten werden. Die Konjunktur läuft rund. Es gibt aber Ausnahmen. So stiegen bis vor Kurzem die Löhne in China kaum an, aber dadurch, dass die Preise von Gütern stark zurückgingen, erhöhte sich im Gegenzug die Kaufkraft der Haushalte. Deshalb expandierte die chinesische Wirtschaft ungewöhnlich stark. Und noch ein weiteres Beispiel für die "gute Deflation". Im 19.?Jahrhundert vollzog sich die gesamte Industrialisierung der westlichen Welt in einem deflationären Umfeld und ermöglichte höhere reale Wirtschaftswachstumsraten, als dies im inflationären 20.?Jahrhundert der Fall war.
Aber mal abgesehen davon, dass ich für stabile Preise argumentieren würde, möchte ich darauf hinweisen, dass es in einem Wirtschaftssystem immer zu gewissen Preiseinbrüchen in einem Sektor oder in einer geografischen Region kommen kann, während in anderen Sektoren und in anderen Regionen die Preise stark steigen. So trifft es zu, dass in der westlichen Welt und in Japan die Preise in den letzten zehn Jahren, oberflächlich betrachtet, nicht stark gestiegen sind. Das Bild ändert sich etwas, wenn man die Ausgaben für Steuern, Gesundheits- und Erziehungswesen, Nahrungsmittel, Energie und Versicherungsprämien berücksichtigt. Dann sind die Lebenshaltungskosten schon wesentlich mehr gestiegen, als die Statistik ausweist.
Aber auf was ich hinaus möchte, ist Folgendes: In den letzten zehn Jahren wuchsen in den Vereinigten Staaten das Kreditvolumen und die Geldmenge stark an und verursachten einen Konsumrausch bei den Haushalten, der sich im dramatisch wachsenden Handels- und Leistungsbilanzdefizit widerspiegelt. Dadurch, dass das US-Leistungsbilanzdefizit von jährlich 150 Mrd. Dollar Ende der Neunzigerjahre auf über 800 Mrd. Dollar im Jahre 2007 stieg, überschwemmten plötzlich diese 800 Mrd. Dollar den Rest der Welt. Der größte Teil floss in die Schwellenländer und verursachte dort ein starkes Wirtschaftswachstum und heftige Preiserhöhungen.
Und weil die Deutschen ein Reisevolk sind, können sie mit eigenen Augen sehen, wie teuer die Lebenshaltungskosten binnen eines Jahrzehnts in weniger entwickelten Ländern wie in Osteuropa geworden sind. Und für eine Unze Gold oder Silber muss man heute im Zehnjahresvergleich den vierfachen Preis auf den Tisch legen. Vor diesem Hintergrund wäre ich mit Blick auf Inflation und Deflation weniger dogmatisch und würde vielmehr in Sektoren und Regionen investieren, wo die Preise steigen. Meiden würde ich aber Anlagen, die unter Preiseinbrüchen leiden. Im Depot sollten Anleger deshalb Papiere aus den Schwellenländern und dem Agrarbereich sowie Edelmetalle übergewichten.
Der Autor ist Fondsmanager und gilt unter Börsianern als ausgesprochener Pessimist.
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