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11.01.10

Wirtschafts-Chaos

So sieht Harvard-Professor Ferguson die Zukunft

Es ist die wohl irrste Prognose für die Wirtschaft der nächsten zehn Jahre. Harvard-Historiker Niall Ferguson blickt für Morgenpost Online zehn Jahre nach vorne: Er erwartet eine verlorene Dekade für den Westen, das Ende des Google-Gedächtnisses und die Renaissance der gedruckten Zeitungen für 2020.

© dpa
Niall Ferguson.
Niall Ferguson.

Euro und Dollar wackeln, die Staatsschuld explodiert, der Goldpreis eilt von Rekord zu Rekord, China zieht ökonomisch an Deutschland und Japan vorbei. Instinktiv spüren die Menschen, dass die neue Dekade eine Dekade der großen Umbrüche sein wird.

2010 wird eine Schuldenkrise über uns hereinbrechen, sagt der Star-Historiker Niall Ferguson. Und das ist erst der Anfang. Morgenpost Online fragte den intimen Kenner der Wirtschaftsgeschichte, welche großen Veränderungen sich Anleger und Steuerzahler in den nächsten zehn Jahren einstellen müssen.

Keiner wäre besser dafür geeignet, den Blick in die Zukunft zu werfen als Ferguson. Der Harvard-Professor und Autor des Buchs "Der Aufstieg des Geldes" ist Experte für "virtuelle Geschichte", die Entwicklungsstränge des Weltgeschehens genau analysiert und weiterdenkt.

Hier sind seine Prophezeiungen:

Im Jahr 2020 erholt sich der Westen langsam von einer verlorenen Dekade. Die Zeit des niedrigen Wachstums, der hohen Arbeitslosigkeit und der Beinahe-Deflation gehen zu Ende. Doch das Erbe der Schuldenkrise von 2010 lastet weiterhin auf den Staaten.

Politik und Wissenschaft debattieren immer noch darüber, ob es besser gewesen wäre, wenn Deutschland damals die Defizite der PIGS-Länder (Portugal, Irland, Griechenland, Spanien) geschultert hätte. Vielleicht wären die Kosten geringer gewesen als die Straßenschlachten, die im Sommer 2010 als Folge der schmerzhaften Sparhaushalte in Lissabon, Athen, Dublin und Madrid tobten.

Die Europäische Union ist nicht auseinandergebrochen, aber sie expandiert auch nicht mehr – zum Leidwesen der Ukrainer, Serben und anderer. Eine weitere Zentralisierung der Macht hat nicht stattgefunden. Deutschland legt gegen jeden Versuch, den EU-Haushalt auszuweiten, sein Veto ein. Die Türkei hat ihre Bewerbung um eine EU-Mitgliedschaft zurückgezogen und sich stattdessen einer neo-osmanischen Konföderation muslimischer Staaten im Nahen Osten und Zentralasien angeschlossen.

Im Jahr 2020 ist China nicht nur die zweitgrößte Volkswirtschaft in der Welt, sondern auch die zweitgrößte Militär- und Seemacht auf dem Globus. Das Unbehagen über das "Imperium" des Landes in Afrika und Lateinamerika wächst. In Peking sucht man Zeichen politischer Reformen vergebens. Vielmehr ist die Freiheit der Rede nach dem "Taiwan-Zwischenfall" – wie die Chinesen die Annexion der Inselrepublik nennen – weiter eingeschränkt worden. Auch der nach dem Tod Kim Jong Il vollzogene Schwenk zu einer Ein-Korea-Politik hat zur Beschneidung der Meinungsfreiheit beigetragen.

Chinas Weigerung, die Politik der USA gegen den Iran zu unterstützen, hat die Beziehungen zwischen Washington und Peking schwer belastet. Vor allem die Verurteilung der israelischen Luftschläge auf iranische Atomanlagen war von schriller anti-amerikanischer Propaganda begleitet. Die Welt blickt verwundert zurück auf den Erfolg der Revolution im Iran. Noch mehr aber hat sie sich gewundert über die stillschweigende saudische Unterstützung für Israels Vorgehen und die Eskalation der Gewalt zwischen Sunniten und Schiiten im Nahen Osten.

In den USA sind die vier Jahre Barack Obama nur noch eine ferne Erinnerung an eine kurze Episode. Präsident Michael Bloomberg bereitet sich auf den Ausklang seiner zweiten Amtszeit vor. Seine Wahlkampagne von 2012 mit dem Slogan "Back to Business, America" ist vielen noch gut im Gedächtnis. Bloomberg ist es gelungen, den US-Haushalt durch eine radikale Steuerreform in Kombination mit Subventionskürzungen auszugleichen. Die von ihm durchgesetzte Einführung einer Pauschaleinkommensteuer von 20 Prozent und einer bundesweiten Mehrwertsteuer hat die Arbeitslosenquote zurück auf fünf Prozent gedrückt.

Vizepräsident McChrystal läuft sich warm für die Präsidentschaftswahl 2020. Der "Afghanistan-Krieger" hat die amerikanische Linke mit seiner Rede auf dem Parteitag der Republikaner 2012 überrumpelt. Der Titel der Rede lautete "So gewinnen wir den Kampf der Kulturen". Als McChrystal nach den Terroranschlägen vom 11. September 2011 auf Chicago, Los Angeles und Houston die politische Bühne mit seinem Ruf nach einer "Gegenrevolte der Heimat" die politische Bühne betrat, wurde klar, dass es Obamas schwerster Fehler gewesen war, McChrystal im Sommer 2010 gefeuert zu haben.

Im Jahr 2020 haben Zeitungen ein Comeback erlebt. Ein von einem jungen Russen aus Kursk entwickelter Computervirus hat alle Daten auf Google-Servern vernichtet. Das hier Dargestellte, soviel sei betont, ist die optimistische Version der Zukunft.

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